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Meinung

Justice for Survivors: Sie wollten Gehör. Dann kam Xavier Naidoo.

Zwei Wochen nach unserem Artikel “Nein, niemand schuldet Xavier Naidoo eine Entschuldigung” taucht der Mannheimer Sänger vor dem Berliner Bundeskanzleramt auf. Diesmal nicht als Gesprächsthema, sondern in Person – nach einer Kundgebung für Missbrauchsopfer, veranstaltet von der Initiative “Justice for Survivors 2026“.

Ich dachte ursprünglich, ich würde darüber schreiben. Einen Folgeartikel, gleiches Muster, neue Eskalation. Aber je mehr ich recherchiert habe, desto unwichtiger wurde Xavier Naidoo. Nicht weil seine Aussagen harmlos wären – sie sind es nicht. Sondern weil sie das Erwartbare sind. Naidoo schwurbelt seit Jahren. Das wissen wir alle. Was mich viel mehr beschäftigt hat, sind die Menschen, die an diesem Montag vor dem Kanzleramt standen. Und was sie wollten.

Ja, wir sind ein Musikmagazin. Aber Musik ist nie nur Musik. Katha Rosa singt über Missbrauch, weil sie ihn erlebt hat – und erreicht damit Menschen, die sich sonst unsichtbar fühlen. Xavier Naidoo nutzt seinen Namen und seine Musik, um Verschwörungstheorien zu verbreiten – auf einer Bühne, die andere aufgebaut haben. Was Musiker mit ihrer Reichweite machen, ist eine Geschichte über Musik. Und die gehört hierher.

Der 17. Februar vor dem Kanzleramt

Zwischen 200 und 300 Menschen stehen an diesem Montag auf dem Platz vor dem Berliner Bundeskanzleramt. Viele halten Fotos hoch – Kinderbilder von sich selbst. Bilder, die zeigen sollen, wer gemeint ist, wenn von Betroffenen die Rede ist. Die Stimmung ist ruhig, manchmal fassungslos. Es gibt eine Schweigeminute.

Organisiert hat die Kundgebung die Initiative Justice for Survivors 2026. Kein Verein, kein Budget, keine politische Infrastruktur. Wie Organisatorin Lena Jensen uns auf Anfrage erklärt: “einfach nur ein paar Personen, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erlebt haben” – spontan vernetzt, zwei Wochen vor der Demo. Ihre Forderungen: eine Reform des Sexualstrafrechts, bessere Unterstützung für Opfer, ein Ende der Täterkultur des institutionellen Wegsehens.

Die Forderungen sind real.

Eine Demo, die zählt

Jensen eröffnete die Kundgebung mit einem Appell, der sich gewaschen hat: “Wir Betroffene, wir haben zu lange alleine gekämpft. Wir haben uns für so viel geschämt und wir haben uns sogar schuldig gefühlt. Schuldig. Diese Kinder haben sich schuldig gefühlt. Eigentlich sollten sich die Täter schämen und sich schuldig fühlen.”

Eine Betroffene namens Jenny, 37, alleinerziehende Mutter, sagte: “Es kann nicht sein, dass Täter auf Bewährung freikommen und ihr Leben weiterführen, während bewusst das Risiko in Kauf genommen wird, dass ein weiteres Kind verletzt wird.” Und: “Sexueller Missbrauch an Kindern ist kein Randthema. Es darf nicht totgeschwiegen werden. Es ist die Realität. Es passiert jeden Tag.”

Sie hat Recht. 16.354 registrierte Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch gibt es laut Statistik pro Jahr in Deutschland – und das ist nur die Zahl der angezeigten Fälle. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Nur einer von hundert Tätern wird verurteilt.

Auch Katha Rosa war dort – eine Künstlerin, die als Kind von ihrem Stiefvater missbraucht wurde und ihre Erfahrungen in Musik verarbeitet. Sie ist Gesicht der UBSKM-Kampagne “Schieb die Verantwortung nicht weg!” – einer bundesweiten Initiative der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Das alles verdient Gehör. Das alles verdient Aufmerksamkeit.

Justice for Survivors 2026 wusste, was auf sie zukommen könnte. Im Vorfeld hatten Flyer in verschwörungsideologischen Kreisen die Runde gemacht – Flyer, die nicht von ihnen stammten. Jensen meldete das der Polizei. Die Polizei sah keinen Handlungsbedarf. Während der Demo distanzierten sich die Veranstalter öffentlich von “Demokratiefeindlichkeit, Hass, Hetze, Verschwörungsideologien und Rassismus”. Dann beendeten sie die Kundgebung. Und gingen.

Und dann kam Xavier Naidoo.

Die Streamer blieben – Utopia TV und Lion Media, zwei Kanäle aus dem verschwörungsideologischen Milieu, die ihre Communities für die Demo mobilisiert hatten.

In einem Video, das nach dem offiziellen Ende der Demo aufgenommen wurde und das uns vorliegt, erklärt Xavier Naidoo einer Passantin, warum wir alle schon – unwissentlich – Menschenfleisch gegessen haben. Wörtlich:

“Du denkst doch nicht, dass wir hier alle stehen und nicht schon alle überall Menschenfleisch gefressen haben. Die Firma Lays macht embryonales, äh, Gewürzmittel auf unsere… auf diese Chips. Wir sind noch gar… das ist noch nicht mal… das ist der Schnee, der gerade auf den Eisberg runterkommt.”

Die Behauptung ist nicht neu. Sie kursiert seit Jahren in Verschwörungskreisen und basiert auf einem fundamental falsch verstandenen Sachverhalt: Ein Forschungslabor namens Senomyx verwendete zu Forschungszwecken eine Zelllinie, an der PepsiCo um 2012 kurzzeitig beteiligt war. Daraus wurde: Lays würzt Chips mit Embryos. Keine menschliche Substanz landete jemals in einer Chipstüte. Es gibt keinen einzigen belegten Fall. PepsiCo hat auf unsere Anfrage bis Redaktionsschluss nicht reagiert.

Er braucht dafür keine eigene Plattform mehr. Er taucht einfach auf, wenn andere bereits eine aufgebaut haben – und die Kameras noch laufen. Wir haben das Management von Xavier Naidoo um Stellungnahme gebeten: wie er seine Aussagen über Lays einordnet, was er eigentlich meint, wenn er von Dämonen redet, auf welchen Belegen seine Aussagen basieren, ob er zur Demo eingeladen wurde oder eigenständig erschien – und wie das alles mit seiner öffentlichen Entschuldigung von 2022 vereinbar ist, in der er davon sprach, “von Verschwörungserzählungen geblendet” gewesen zu sein. Das Management hat bis Redaktionsschluss aber nicht reagiert.

Was das angerichtet hat

In der öffentlichen Wahrnehmung – in Kommentarspalten, in Telegram-Kanälen, in der medialen Einordnung – wurde aus “Naidoo taucht nach einer Kinderschutz-Demo auf und verbreitet Verschwörungstheorien” schnell “Naidoo auf Kinderschutz-Demo”. Der Kontext verschwand. Der Name Justice for Survivors 2026 blieb kleben.

Lena Jensen beschreibt es präzise: “Wir haben die Demo beendet und dann kam Xavier Naidoo und die Streamer blieben da noch. Wir waren schon weg und den Rest haben wir selbst durch die Medien erfahren.”

Ihr Fazit:

“Wir sind sehr traurig, dass wir jetzt so instrumentalisiert wurden.”

Eine Gruppe von Missbrauchsopfern organisiert zum ersten Mal eine Demo, versucht aktiv, Vereinnahmung zu verhindern, beendet die Veranstaltung ordnungsgemäß – und erfährt dann aus den Medien, dass ihr Name mit Naidoos Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht wird. Die Betroffenen, die mutig ans Mikrofon getreten sind, werden zum Beiwerk einer Verschwörungsshow. Obwohl sie längst nach Hause gegangen waren.

Das ist der eigentliche Schaden: nicht, dass jemand die Lays-Behauptung glaubt. Sondern dass echte Kinderschutzarbeit mit Naidoos kruden Fantasien in denselben Topf geworfen wird – und dass die Menschen, die das verhindert haben wollten, dafür nichts konnten.

Was trotzdem bleibt

Wenige Tage nach der Demo berichtet Jensen allerdings auf Instagram: Die Initiative habe “Rückmeldung von der Politik bekommen” – die Forderungen seien gehört worden. Die Bewegung will weitermachen, die Arbeit werde stiller, im Hintergrund. “Vielleicht haben wir da gerade was richtig Großes erreicht”, sagt sie.

Das ist es, was zählt. Nicht das Video von Xavier Naidoo.

Justice for Survivors 2026 wollte eine Demo von Betroffenen für Betroffene. Sie haben alles richtig gemacht: distanziert, beendet, die Polizei informiert. Es hat trotzdem nicht gereicht, um Naidoos Auftritt zu verhindern. Aber es hat gereicht, um gehört zu werden.

Xavier Naidoo schuldet diesen Frauen eine Entschuldigung.

Wenn du Hilfe brauchst oder reden möchtest:
Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar:
0800 22 55 530
Weitere Informationen: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de

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