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Vier Stimmen, eine Vision – die Sängerepochen von Arch Enemy

Alissa White-Gluz und die Ära der Superlative: Wie eine Kanadierin Arch Enemy in neue Dimensionen führte

Teil 3 der Serie Vier Stimmen, eine Vision – die Sängerepochen von Arch Enemy

Vier Studioalben, knapp zwölf Jahre, weltweite Charterfolge und ein Abschied, der die Metal-Welt überraschte: Die Geschichte der längsten und kommerziell erfolgreichsten Sängerinnen-Epoche in der Geschichte von Arch Enemy.

Als Angela Gossow am 17. März 2014 verkündete, das Mikrofon niederzulegen, hielt die Extreme-Metal-Szene kollektiv den Atem an. Dreizehn Jahre lang war die Kölnerin das Gesicht von Arch Enemy gewesen, hatte Geschlechterklischees im Death Metal pulverisiert und die Band auf ein Niveau gehoben, das Johan Liivas Gründungsjahre nur erahnen ließen. Wer sollte diese Rolle übernehmen? Wer konnte das?

Die Antwort kam am selben Tag, direkt in der gleichen Pressemitteilung: Alissa White-Gluz, Gründungsmitglied und Frontfrau der kanadischen Extreme-Metal-Band The Agonist. Keine lange Suche, kein öffentliches Casting. Gossow hatte ihre Nachfolgerin persönlich ausgewählt. Und diese Entscheidung sollte sich als eine der folgenreichsten in der Geschichte der Band erweisen.

Vom Tempest zur Agonist: Die Vorgeschichte

Alissa White-Gluz wurde am 31. Juli 1985 in Montreal, Québec geboren. Ihre Großeltern waren Überlebende des Holocaust, ein biografisches Detail, das ihre spätere Auseinandersetzung mit Themen wie religiöser Radikalisierung und sozialer Gerechtigkeit in einen persönlichen Kontext setzt.

Ihre musikalische Laufbahn begann 2004 mit der Gründung von The Tempest, einer Band, die sie als Sängerin und Songwriterin mitaufbaute. 2007 benannte sich die Gruppe auf ihren Wunsch hin in The Agonist um. Das Debütalbum “Once Only Imagined” erschien im selben Jahr. Zwei weitere Alben und zahlreiche Tourneen folgten, unter anderem als Support für Bands wie Epica und Kamelot. White-Gluz etablierte sich als vielseitige Vokalistin, die mühelos zwischen aggressivem Growling und melodischem Klargesang wechseln konnte.

Doch trotz einer treuen Fanbase blieben The Agonist ein Nischenact. Der Sprung in die obere Liga des Extreme Metal sollte auf einem anderen Weg kommen.

Der Anruf, der alles veränderte

In den Jahren vor dem Wechsel hatten sich Gossow und White-Gluz bereits als Freundinnen kennengelernt. Als Gossow beschloss, sich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen und sich auf das Management der Band zu konzentrieren, war für sie klar, wer ihren Platz einnehmen sollte.

Gossow formulierte es unmissverständlich: Nach dreizehn Jahren reinem Metal, sechs Studioalben und unzähligen Tourneen über fünf Kontinente brauche sie eine neue Phase in ihrem Leben. Sie bleibe aber als Managerin an Bord und übergebe die Fackel an die talentierte Alissa White-Gluz, die sie seit Jahren als enge Freundin und herausragende Sängerin kenne. Für White-Gluz war es nicht weniger als ein Traum, der Wirklichkeit wurde. “Wages of Sin” sei das erste Metal-Album gewesen, das sie sich je gekauft habe, erklärte sie damals. Es sei Liebe auf den ersten Ton gewesen. Dass sie nun von genau dieser Band gefragt werde, sei ein seltenes Geschenk.

Was in diesen offiziellen Statements nicht mitschwang: Der Wechsel war für The-Agonist-Fans ein Schock. Für viele langjährige Arch-Enemy-Hörer wiederum war es undenkbar, dass jemand Gossows Fußstapfen ausfüllen könnte. White-Gluz startete also mit einer doppelten Bürde: dem Vertrauensvorschuss der einen und der Skepsis der anderen.

War Eternal: Der Beweis

Am 9. Juni 2014 erschien “War Eternal”, Arch Enemys neuntes Studioalbum und White-Gluz’ Einstand bei der Band. An ihrer Seite stand Gitarrist Nick Cordle (ex-Arsis), der bereits 2012 Christopher Amott ersetzt hatte und nun gemeinsam mit Amott die Sechssaiter-Fraktion bildete.

Das Album war eine Kampfansage. Schon der Titeltrack machte klar, dass Arch Enemy nicht die Absicht hatten, auf Nummer sicher zu gehen. White-Gluz’ Growls waren rauer und tiefer als Gossows, ihre Bühnenpräsenz eine andere. Wo Gossow kontrollierte Wut ausstrahlte, brachte White-Gluz eine physische Intensität mit, die sich auch in den Studiotakes bemerkbar machte. Gleichzeitig blitzten erstmals ihre Clean-Vocals auf, ein Element, das Gossow bewusst nie eingesetzt hatte.

Die Fans reagierten gespalten, die Zahlen hingegen sprachen eine deutliche Sprache. “War Eternal” erreichte Platz 9 in Schweden, Platz 44 in Deutschland und markierte in vielen Ländern die bis dahin besten Chartpositionen der Band. White-Gluz hatte den Beweis erbracht, dass der Übergang funktionieren konnte. Die anschließende Welttour festigte ihren Status: In über 40 Ländern spielte die Band mit der neuen Frontfrau, und die Reaktionen auf den Konzertbühnen sprachen lauter als jede Kommentarspalte.

Mitten im Tourgeschehen kam es im November 2014 zu einem weiteren Umbruch: Nick Cordle verließ die Band. Sein Ersatz war kein Geringerer als Jeff Loomis, ehemaliger Gitarrist von Nevermore und einer der technisch versiertesten Saitenkünstler im Metal. Christopher Amott sprang übergangsweise für die restlichen US-Dates ein, bevor Loomis ab der Europa-Etappe offiziell übernahm. Was als bloßer Personalwechsel begann, sollte den Sound der Band für die nächsten Jahre entscheidend prägen.

Will to Power: Der kommerzielle Durchbruch

Drei Jahre später, am 8. September 2017, folgte “Will to Power”, zugleich Jeff Loomis’ Studioeinstand bei Arch Enemy. Und dieses Album veränderte die Spielregeln. Erstmals in ihrer über 20-jährigen Geschichte brachen Arch Enemy in die oberen Regionen der internationalen Albumcharts ein: Platz 3 in Deutschland und den UK Rock Charts, Platz 2 in Finnland, Platz 1 in den US Hard Music Charts. In Schweden kletterte die Band von Platz 40 auf Platz 11, in den Niederlanden von Platz 38 auf Platz 11. In Australien gab es den allerersten Charteinstieg überhaupt.

“Will to Power” war auch musikalisch ein Meilenstein. Mit “Reason to Believe” wagte die Band zum ersten Mal in ihrer Karriere einen Song mit durchgängigem Klargesang, eine Ballade im Extreme-Metal-Kontext, unterlegt mit Streichern und einer ungewohnt fragilen Seite von White-Gluz’ Stimme. Der Albumtitel, eine Referenz auf Friedrich Nietzsches “Wille zur Macht”, signalisierte intellektuellen Anspruch, während das Songwriting zugänglicher wurde als je zuvor.

Jeff Loomis’ Soli trugen eine neue Dimension bei. Seine technische Virtuosität ergänzte Amotts melodische Linien, auch wenn sein Einfluss auf das Songwriting selbst begrenzt blieb. Die Kompositionen stammten weiterhin primär aus der Feder von Michael Amott und Daniel Erlandsson.

Die anschließende Tournee führte Arch Enemy als Co-Headliner neben Trivium durch Nordamerika und mit Wintersun und Jinjer durch Europa. Die Band spielte auf einem Level, das in den Liiva-Jahren niemand für möglich gehalten hätte.

Deceivers: Fünf Jahre Stille, dann der Gegenschlag

Zwischen “Will to Power” und dem nächsten Album vergingen fünf Jahre, die längste Lücke zwischen zwei Arch-Enemy-Studioalben. Die Pandemie bremste die Band aus, doch hinter den Kulissen wurde gearbeitet. Bereits im Oktober 2018 sprach Amott von ersten neuen Ideen. Loomis nahm seine Gitarrenparts wegen Reisebeschränkungen in Seattle auf, getrennt vom Rest der Band in Europa.

Am 12. August 2022 erschien “Deceivers”. Singles wie “Handshake with Hell” und “Deceiver, Deceiver” hatten bereits Monate zuvor den Appetit geschürt. Das Album präsentierte eine dunklere, atmosphärischere Seite der Band. Die Tempi wurden teilweise gedrosselt, die Arrangements komplexer. White-Gluz’ Growls klangen gereifter, kontrollierter. Tracks wie “Sunset over the Empire” und “Poisoned Arrow” zeigten eine Band, die sich nicht mit Wiederholung zufriedengab.

“Handshake with Hell” wurde zum vielleicht definierendsten Song der White-Gluz-Ära. Die Anerkennung kam auch von unerwarteter Seite: Der Track landete auf Platz 1 in den Metal-und-Hard-Rock-Jahrescharts von Heavy Consequence für 2022.

Gleichzeitig meldeten sich Kritiker, die fanden, dass das Tempo der Gossow-Ära fehlte. Die Debatte über den “richtigen” Arch-Enemy-Sound begleitete die Band durch den gesamten Albumzyklus, eine Diskussion, die sich durch die Geschichte jeder einzelnen Sänger-Epoche zieht.

Blood Dynasty: Das letzte Kapitel

Am 28. März 2025 folgte “Blood Dynasty”, das zwölfte Studioalbum. Es war in mehrfacher Hinsicht ein Umbruch: Jeff Loomis hatte die Band Ende 2023 verlassen. An seiner Stelle trat Joey Concepcion, zuvor bei Armageddon (dem Projekt von Michaels Bruder Christopher Amott) und The Absence. Loomis’ finales Erbe bei Arch Enemy beschränkte sich auf zwei Bonustracks, “Break the Spell” und “Moths”.

Concepcion brachte eine neue Energie mit. Sein Spielstil, geprägt von 80er-Jahre-Einflüssen, verlieh dem Album eine Schnelligkeit und Verspieltheit, die auf “Deceivers” teilweise gefehlt hatte. “Dream Stealer”, “Illuminate the Path” und “March of the Miscreants” zeigten eine Band, die sich nach der pandemiebedingten Zwangspause wieder hungrig gab.

White-Gluz demonstrierte erneut ihre vokale Bandbreite. Neben den gewohnten Growls lieferte sie auf “Vivre Libre”, einem Cover des französischen Heavy-Metal-Klassikers von Blasphème, erneut Klargesang ab. Es war das erste Mal in der Bandgeschichte, dass ein Cover auf der Standard-Edition eines Albums erschien.

Was niemand wusste: “Blood Dynasty” würde White-Gluz’ letztes Album mit Arch Enemy sein.

Mehr als eine Sängerin: Aktivistin und Marke

Über die Musik hinaus formte White-Gluz auch das öffentliche Bild von Arch Enemy in einem Maß, das keiner ihrer Vorgänger erreicht hatte. Als überzeugte Veganerin und Tierschutzaktivistin machte sie ihre Plattform konsequent für Themen jenseits des Metal nutzbar. Umweltschutz, ethischer Konsum, Menschenrechte: Kaum ein Interview, in dem sie nicht Stellung bezog.

Seit 2014 ist sie mit Doyle Wolfgang von Frankenstein liiert, dem legendären Gitarristen der Misfits. Diese Beziehung verband zwei der ikonischsten Figuren des extremen Musikspektrums und sorgte regelmäßig für mediale Aufmerksamkeit.

Neben ihrem Engagement bei Arch Enemy war White-Gluz als gefragte Gastmusikerin aktiv. Die Liste ihrer Kollaborationen liest sich wie ein Who’s Who der Szene: Gastgesang für Mark Morton (Lamb of God), Dee Snider (Twisted Sister), Nita Strauss, Soilwork, Carnifex, Kamelot, Delain, Babymetal und Charlotte Wessels. Am eindrucksvollsten vielleicht ihre Beteiligung am Supergroup-Tributprojekt King Ultramega, wo sie gemeinsam mit Charlie Benante (Anthrax) und Kim Thayil (Soundgarden) deren “The Day I Tried to Live” coverte.

Wenn der Körper nicht mehr mitspielt

2024 zeigte sich, dass auch eine scheinbar unverwüstliche Performerin ihre Grenzen hat. Während einer Tour durch Mexiko wurde White-Gluz von einer schweren Infektion getroffen, die Ohren, Rachen und Gesichtsnerven betraf. Die Band musste Teile der Konzerte ohne ihre Frontfrau bestreiten. White-Gluz bezeichnete die Episode später als eine der schmerzhaftesten Erfahrungen ihres Lebens.

Die Genesung zog sich hin. Sie kehrte zwar auf die Bühne zurück, doch der Vorfall markierte einen Wendepunkt. Ob die gesundheitlichen Probleme zum späteren Bruch beitrugen, bleibt Spekulation. Fakt ist: Die “Blood Dynasty”-Tour durch Europa ging im November 2025 mit einem letzten gemeinsamen Konzert am 15. November in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf zu Ende. Acht Tage später war die Trennung offiziell.

Der Abschied: November 2025

Am 23. November 2025 gaben Arch Enemy und Alissa White-Gluz in getrennten Statements die Trennung bekannt. Die Band dankte für die gemeinsame Zeit und die Musik und wünschte ihr alles Gute. White-Gluz bestätigte nach zwölf Jahren das Ende und bedankte sich bei ihren Fans, die sie liebevoll “Beastlings” nannte.

Keine Anschuldigungen, keine Schlammschlacht. Und doch sprach die Stille zwischen den Zeilen. Die Band sperrte die Kommentarfunktionen auf allen Social-Media-Kanälen. Über die tatsächlichen Gründe herrscht bis heute Schweigen.

Am selben Tag veröffentlichte White-Gluz ihre Debütsingle “The Room Where She Died”, geschrieben zusammen mit Oliver Palotai, Keyboarder von Kamelot. White-Gluz und Palotai kannten sich seit Jahren aus der gemeinsamen Kamelot-Verbindung, beide hatten in der Vergangenheit mit der Power-Metal-Band zusammengearbeitet. Die Botschaft war klar: Dieses Kapitel war geplant, nicht spontan.

Die Zukunft: Solokarriere und neue Bandprojekte

White-Gluz hatte bereits 2016 bei Napalm Records einen Vertrag für ein Soloalbum unterschrieben. Jahrelang warteten Fans vergeblich auf eine Veröffentlichung. Einzelne Singles wie “A Song to Save Us All”, “The Great Thief” und “Gaslight” gaben Hinweise auf die musikalische Richtung, doch das Album ließ auf sich warten.

Nach dem Abschied von Arch Enemy scheinen nun die Schleusen offen. White-Gluz arbeitet nach eigener Aussage mit den Gitarristinnen Alyssa Day und Dani Sophia zusammen. Die Musik, die sie gemeinsam erschaffen, sei genau das, was sie sich immer gewünscht habe: gleichzeitig extrem heavy, energiegeladen, eingängig und emotional. Auch Jeff Loomis soll als Kollaborateur am Soloalbum beteiligt sein, was nicht überrascht: Seine Songwriting-Ideen fanden bei Arch Enemy nie Verwendung, da Amotts und Erlandssons Kompositionen den gesamten kreativen Raum ausfüllten.

Anfang 2026 war White-Gluz als Gastvokalistin auf dem Track “Breathing” des kanadischen Gitarristen Cole Rolland zu hören. Die Frequenz der Veröffentlichungen deutet darauf hin, dass das lange angekündigte Soloalbum greifbar nah ist.

Was bleibt: Das Vermächtnis der White-Gluz-Ära

Knapp zwölf Jahre, vier Studioalben, zwei Live-Alben, Tourneen durch über 40 Länder und die besten Chartplatzierungen der Bandgeschichte. Die Zahlen sprechen für sich. Doch das Vermächtnis von Alissa White-Gluz bei Arch Enemy geht über Statistiken hinaus.

Sie war die Sängerin, unter der die Band endgültig den Sprung vom geschätzten Genreact zum globalen Festival-Headliner vollzog. Sie erweiterte das vokale Spektrum um Klargesang und emotionale Nuancen, die unter Gossow undenkbar gewesen wären. Sie machte Arch Enemy in einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar, nicht nur durch ihre Stimme, sondern durch ihre Persönlichkeit, ihren Aktivismus und ihre Präsenz in den sozialen Medien.

Gleichzeitig polarisierte sie wie keine ihrer Vorgängerinnen. Für die eine Fraktion war sie die beste Sängerin, die Arch Enemy je hatten, für die andere eine Abkehr vom rohen, kompromisslosen Death Metal der Gossow- und Liiva-Jahre. Diese Spannung begleitete ihre gesamte Amtszeit und wird vermutlich noch Jahre nach ihrem Ausscheiden diskutiert werden.

Was unstrittig bleibt: Alissa White-Gluz nahm den Staffelstab von Angela Gossow auf, trug ihn weiter und formte dabei eine eigene, unverwechselbare Epoche. Dass sie ihn nun an Lauren Hart weitergibt, schließt einen Kreis, der 2014 begann, als eine junge Kanadierin den Anruf ihres Lebens erhielt.

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