
Nachtschicht mit Metallica
Kopfhörer auf Anschlag, der Reiter galoppiert über den Second Screen
Warum mich Metallicas “Through the Never” nach über einem Jahrzehnt immer noch nicht loslässt.
Es ist kurz nach Mitternacht. Auf dem Hauptbildschirm starrt mich der Code von stagedive.net an, irgendein PHP-Problem, das sich weigert, so zu funktionieren, wie ich es mir vorstelle. Auf dem zweiten Monitor läuft “Through the Never”. Kopfhörer auf Anschlag. Der Kopf nickt, die Zehen wippen im Takt, die Finger tippen. Aber der Blick wandert immer wieder nach rechts, dorthin, wo Kirk Hammett gerade das Solo von “One” in die Halle fräst, während draußen in der fiktiven Stadt ein maskierter Reiter seine nächste Trophäe an einen Laternenmast knüpft.
Es gibt keinen Grund, heute Nacht über diesen Film zu schreiben. Kein Jubiläum, kein Remaster, keine Neuigkeit. Nur dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn man um Mitternacht an etwas Neuem baut und dabei einen Film laufen hat, der genau das versucht, was ich gerade versuche: die rohe, unkontrollierbare Energie von Musik in ein anderes Medium zu übersetzen. Und daran auf spektakuläre Weise zu scheitern. Und dabei trotzdem etwas zu schaffen, das bleibt.
Graben, Schweiß und der Traum vom Fotograben
Ich muss kurz ausholen. Bevor es stagedive.net gab, bevor es diese Nachtschichten vor dem Bildschirm gab, stand ich im Fotograben. Konzertfotografie, Festivalfotografie. Das war mein Einstieg in diese Welt. Drei Songs, kein Blitz, Ellbogen an Ellbogen mit anderen Fotografen, während dir die Bassdrum den Brustkorb massiert und du versuchst, in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem der Sänger ins Licht tritt, den Auslöser zu treffen. Wer das mal gemacht hat, weiß: Es gibt kaum etwas Intensiveres. Du stehst so nah an der Musik, wie es nur geht, ohne selbst auf der Bühne zu stehen.
Und von Anfang an gab es diesen einen Traum, der über allem schwebte: Metallica. Einmal Metallica live fotografieren. Einmal im Graben stehen, wenn Hetfield die ersten Akkorde von “Master of Puppets” anschlägt, und das durch den Sucher einfangen. Nicht als Fan im Publikum, sondern als Fotograf, der diesen Moment festhält.
Dann kam die Pause. Fast anderthalb Jahre. Keine Konzerte, keine Festivals, keine Kamera um den Hals. Die Gründe sind privat und tun hier nichts zur Sache. Was zur Sache tut: Irgendwann in dieser Pause wurde aus dem Traum, Musik zu fotografieren, ein anderer Traum. Größer. Verrückter. Ein eigenes Musikmagazin. stagedive.net. Nicht irgendein Blog, der Pressemitteilungen nachplappert, sondern etwas, das der Szene etwas zurückgibt. Investigativ, unabhängig, mit Haltung.
Und so sitze ich jetzt hier. Neues Kapitel. Der Code auf dem einen Bildschirm, Metallica auf dem anderen. Und der alte Traum? Der ist nicht weg. Er hat sich nur verwandelt.
Ein Film, den niemand verlangt hat
2013 war das. Metallica steckten über 30 Millionen Dollar in einen Film, den die Welt nicht bestellt hatte. Keinen klassischen Konzertmitschnitt, kein “Some Kind of Monster” Teil zwei. Sondern einen surrealen IMAX-3D-Hybrid aus Live-Performance und apokalyptischer Spielfilmhandlung, inszeniert von Nimród Antal, einem Regisseur, den außerhalb von Filmnerdzirkeln kaum jemand auf dem Schirm hatte.
Die Idee geisterte seit den späten Neunzigern durch Lars Ulrichs Kopf. Ein Metallica-Film, der sich nicht damit begnügt, die Band auf der Bühne zu zeigen. Der stattdessen das Gefühl einfängt, das entsteht, wenn viertausend Watt durch deinen Brustkorb fahren und die Welt für eineinhalb Stunden aufhört zu existieren. Dieses Gefühl in Bilder zu gießen, das war der Plan. Und wie bei allem, was Metallica anfassen: Halbe Sachen waren keine Option.
Also bauten sie eine 360-Grad-Bühne, 61 Meter lang, 18 Meter breit. Stellten 24 Kameras auf. Spielten im August 2012 mehrere Shows in Edmonton und Vancouver, sammelten 60 Stunden Filmmaterial. Und parallel dazu drehte Antal mit Dane DeHaan die Geschichte eines jungen Roadies namens Trip, der während des Konzerts losgeschickt wird, um eine mysteriöse Tasche aus einem liegengebliebenen Truck zu holen, und dabei in eine Welt gerät, die aussieht wie das Musikvideo, das “…And Justice for All” verdient hätte.
Als jemand, der selbst versucht hat, die Energie eines Konzerts in einem einzigen Bild einzufangen, verstehe ich den Wahnsinn hinter diesem Projekt. Metallica wollten dasselbe, nur eben mit 24 Kameras, einer Spielfilmhandlung und einem IMAX-Budget. Der Impuls ist derselbe: Du stehst vor dieser Wand aus Sound und Licht, und du willst, dass andere fühlen, was du in diesem Moment fühlst. Die Kamera, ob Foto oder Film, ist dabei immer nur ein unzureichendes Werkzeug. Aber du versuchst es trotzdem.
Mitternacht, zweiter Monitor
Gerade läuft die Szene, in der Trip nach seinem Autounfall durch die Straßen irrt. Das Chaos bricht über ihn herein. Straßenschlachten, Leichen an Brücken, Feuer überall. Und dann dieser Reiter. Diese archaische Todesfigur mit Gasmaske und Schlinge, die durch das Inferno galoppiert, als wäre sie direkt aus einem Albtraum materialisiert.
Ich halte kurz inne. Finger weg von der Tastatur. Kopfhörer lauter, obwohl sie schon auf Anschlag sind.
Es gibt Momente in diesem Film, die mich nach all den Jahren immer noch packen. Nicht wegen der Handlung, die ist, wenn man ehrlich ist, dünn wie Papier. Sondern wegen der Art, wie Antal die Musik und die Bilder ineinander verwebt. Wenn “Enter Sandman” einsetzt und Trip durch brennende Straßen rennt. Wenn “Orion” über den Abspann läuft und man das Gefühl hat, aus einem Fiebertraum aufzuwachen. Der Film arbeitet nicht mit Logik. Er arbeitet mit Wucht.
Und Kameramann Gyula Pados hat Aufnahmen hingelegt, für die ich als Konzertfotograf töten würde. Diese Balance zwischen der schweißnassen Nähe, wenn Trujillos Haare durch die Luft peitschen, und den Totalen, die das Ausmaß der Bühne und die pulsierende Masse des Publikums einfangen. Das ist Konzertfotografie in Bewegung, mit 24 Kameras gleichzeitig und einem Budget, von dem jeder Fotograf im Graben nur träumen kann.
Die Tasche und die Frage, die keiner beantworten muss
Das Genie an “Through the Never” ist gleichzeitig sein größtes Problem: Die mysteriöse Tasche, die Trip durch die Apokalypse schleppt, wird nie geöffnet. Klassischer MacGuffin. Lars Ulrich gab nach drei Jahren Arbeit an dem Film offen zu, selbst nicht zu wissen, was die Erzählung “bedeutet”. Und genau das macht den Film für mich so faszinierend.
Denn was in der Tasche ist, das bestimmt jeder selbst. Für mich, heute Nacht, ist es das hier: der Antrieb, nach anderthalb Jahren Pause wieder aufzustehen, und etwas Neues zu starten. Etwas, von dem man nicht weiß, ob es jemals jemand sehen wird. Etwas, das größer ist als das, was man vorher gemacht hat, und bei dem man ahnt, dass man sich damit übernimmt. Aber man macht es trotzdem. Weil die Musik läuft. Weil der Kopf nickt. Weil es sich richtig anfühlt.
Trip schleppt seine Tasche durch eine brennende Stadt, wird geschlagen, angezündet, hinter einem Pferd hergeschleift. Und am Ende stellt er sie auf die leere Bühne, als das Konzert längst vorbei ist. Niemand ist mehr da, um zu sehen, was er durchgemacht hat. Aber er hat es durchgezogen. Wenn das keine Metapher für jeden ist, der nachts an einem Projekt sitzt, das die Welt nicht bestellt hat, dann weiß ich auch nicht.
9 Millionen gegen 32 Millionen
Die Zahlen sind brutal. Eröffnungswochenende in den USA: 1,6 Millionen Dollar. Gesamteinspielergebnis weltweit: je nach Quelle zwischen 9 und 21 Millionen. Das Budget: mindestens 18 Millionen, realistisch eher über 30 Millionen, finanziert aus der eigenen Tasche der Bandmitglieder, ohne großes Hollywoodstudio als Sicherheitsnetz.
Das R-Rating schloss jüngere Fans aus. Das Marketing schaffte es nie zu erklären, was der Film überhaupt sein will. Und der Name Nimród Antal zog niemanden ins Kino, der nicht ohnehin schon Metallica-Fan war. Biografen der Band nannten das gesamte Projekt ein fehlgeleitetes Unterfangen, einen Versuch, einer zehn Jahre alten Idee neues Leben einzuhauchen. James Hetfield resümierte 2015 nüchtern, man habe ein großes Risiko auf sich genommen und vielleicht nicht genug darüber nachgedacht. Es sei ihre Schuld, Lektion gelernt.
Ulrich sah es, wie so oft, anders. Er verwies darauf, dass man bei Metallica Projekte nie isoliert betrachte. Wenn das Geld nicht über den Film zurückkomme, dann über T-Shirt-Verkäufe in sieben Jahren. Irgendwas Gutes werde schon aus der Sache entstehen.
Und damit hat er nicht ganz unrecht. Auf Blu-ray wurde der Film zeitweise zum Bestseller. Die Bühne wurde bei späteren Touren in Teilen wiederverwendet. Und über ein Jahrzehnt später läuft der Film auf dem Second-Screen eines Typen, der um Mitternacht an einem Musikmagazin programmiert, und sich dabei ertappt, wie er einen Artikel darüber schreibt, obwohl niemand danach gefragt hat.
Warum der Film funktioniert, obwohl er nicht funktioniert
Das Rock Hard nannte den Spielfilmanteil überflüssig und stand fassungslos vor der Tatsache, dass die Band so viel Geld in eine halbgare Idee gesteckt hatte. Roger Ebert beschrieb den Film als gleichzeitig lächerlich und erhaben. Rotten Tomatoes attestierte dem Konzertanteil eine elektrisierte Intensität, bemängelte aber die fiktiven Passagen. Und auf einer ganz nüchternen Ebene haben sie alle recht.
Aber nüchtern ist nicht der Zustand, in dem man “Through the Never” schauen sollte.
Dieser Film funktioniert nicht als Spielfilm. Die Handlung ist zu dünn, die Symbolik zu plakativ, die Auflösung bewusst verweigert. Und er funktioniert nur bedingt als reiner Konzertfilm, weil die Schnitte zur Handlung den Fluss der Performance brechen. Was er aber schafft, ist etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt: Er erzeugt ein Gefühl. Das Gefühl, mitten in der Nacht wach zu sein, während die Welt draußen schläft, und Musik zu hören, die so laut ist, dass sie die Gedanken übertönt. Das Gefühl, dass irgendetwas brennt, auch wenn man nicht genau sagen kann, was.
Kopfhörer ab. Abspann. Zurück zum Code.
“Orion” verklingt. Der Abspann läuft. Ich nehme die Kopfhörer ab und starre für einen Moment auf den Code, der immer noch nicht tut, was er soll. Die Stille nach “Through the Never” fühlt sich an wie das Licht, das angeht, wenn ein Konzert vorbei ist. Desorientierend. Ein bisschen leer. Aber auch: aufgeladen.
Metallica haben mit diesem Film alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Zu viel Geld, zu wenig Fokus, ein Konzept, das niemand verstanden hat, nicht mal die Band selbst. Und trotzdem, irgendwie, haben sie dabei etwas geschaffen, das mich nach all den Jahren immer noch dazu bringt, um Mitternacht die Arbeit zu unterbrechen und einen Text darüber zu schreiben.
Ich habe Metallica noch nie durch den Sucher einer Kamera gesehen. Noch nicht. Aber ich baue gerade an etwas, das mich dahinbringen könnte. Und wenn nicht, dann ist auch das in Ordnung. Denn was in der Tasche ist, das bestimmt am Ende jeder selbst. Meins ist gerade dieser Code. Diese Seite. Dieses neue Kapitel.
Und Metallica auf dem Second Screen, Kopfhörer auf Anschlag, der Kopf nickend.




