Neonschwarz Forever: Hamburgs Zeckenrap-Ikonen sagen Tschüss

Nach 14 Jahren Bandgeschichte, vier Studioalben und unzähligen Konzerten ist Schluss: Neonschwarz lösen sich auf. Vier letzte Shows und ein Best-of-Album bilden den Abschluss einer Ära, die den deutschsprachigen Hip-Hop nachhaltig geprägt hat.

Es sind Nachrichten, die man eigentlich nicht lesen will, wenn man die Hamburger Crew um Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und DJ Spion Y ins Herz geschlossen hat. Neonschwarz, das Quartett, das wie kaum eine andere Band politischen Anspruch mit purer Live-Energie vereint hat, macht Schluss. Endgültig. Die Band selbst schreibt, sie tue das mit Tränen in den Augen. Und wer ihre Geschichte kennt, versteht, warum das keine Floskel ist.

Vom indizierten Download-Album zur Audiolith-Institution

Die Wurzeln von Neonschwarz reichen zurück ins Jahr 2010, als die Rapper Captain Gips und Johnny Mauser ein gemeinsames Download-Album unter dem Namen Neonschwarz veröffentlichten. Der Track „Flora bleibt”, eine unmissverständliche Stellungnahme zur Räumungsdebatte um die Rote Flora, landete prompt auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Ein Vorgang, der die politische DNA der Band von Anfang an unterstrich.

Der eigentliche Durchbruch kam jedoch auf leisen Sohlen: Mit dem poppigen „On a Journey” holten sich die beiden Rapper Sängerin Marie Curry dauerhaft ins Boot. Das Video schlug im Netz ein, die Chemie stimmte, und Neonschwarz war als feste Formation geboren. 2012 unterschrieben sie beim Hamburger Indie-Label Audiolith, das zur künstlerischen Heimat der Band wurde. Mit dem Beitritt von DJ Spion Y als viertem Mitglied war das Quartett komplett.

Vier Alben, ein roter Faden

Die Diskografie von Neonschwarz liest sich wie ein Logbuch des linken Zeitgeists der 2010er und frühen 2020er Jahre. Nach der EP „Unter’m Asphalt der Strand” (2012) erschien 2014 das Debütalbum „Fliegende Fische”, gefolgt von „Metropolis” (2016), das es auf Platz 81 der deutschen Albencharts schaffte. 2018 kam mit „Clash” das dritte Album, das Gentrifizierung, Rechtspopulismus und Kapitalismus von der eigenen Nachbarschaft bis zur gesamten Republik thematisierte. Das bislang letzte Studiowerk „Morgengrauen” erschien im Februar 2022 und zeigte eine Band, die sich weiterentwickelt hatte: weniger parolenlastig, breiter gefächert in den Themen, aber nach wie vor politisch und kompromisslos in der Haltung.

Musikalisch haben Neonschwarz sich nie in eine Schublade pressen lassen. Die Band selbst nannte ihren Stil augenzwinkernd „Zeckenrap” und verband Elemente der Popmusik mit harten elektronischen Passagen, während Captain Gips als klassischer Hip-Hopper, Johnny Mauser als Backpacker und Marie Curry als Sängerin und zunehmend starke Rapperin jeweils eigene Farben einbrachten. Spion Y lenkte als DJ den musikalischen Dampfer mit Präzision durch die Songs. Diese Vielseitigkeit war immer die große Stärke der Band: Eingängige Hooks und Ohrwürmer wie „Maradona” oder „St. Pauli” standen neben scharfzüngigen Analysen des gesellschaftlichen Rechtsrucks.

Live: Wo alles zusammenkam

Wer Neonschwarz jemals live erlebt hat, weiß, dass die Bühne ihr eigentliches Zuhause war. Von Clubshows in autonomen Jugendzentren über das Hamburger Gängeviertel bis hin zu Festivalauftritten beim Hurricane oder Highfield: Die vier brachten eine Energie auf die Bühne, die weit über das hinausging, was man von einer Hip-Hop-Band erwarten würde. Das Zusammenspiel von Rap-Battles zwischen den drei MCs, der musikalischen Steuerung durch den DJ und der spürbaren Verbundenheit mit dem Publikum machte jede Show zu einem Erlebnis. Nicht umsonst betont die Band in ihrer Abschiedsbotschaft, wie stolz sie auf ein Publikum sei, in dem sich alle wohlfühlen.

Das Ende einer Ära

Über drei Jahre sind seit der letzten Tour vergangen. Die Band hat sich Zeit genommen, in sich reingehört und schließlich die Entscheidung getroffen, das Projekt zu beenden. Nicht im Streit, nicht aus Frust, sondern weil sich der Fokus verschoben hat. Familie, andere Projekte, die Realitäten des Lebens. Die vier bleiben eng befreundet, aber die Power, die Neonschwarz als Projekt verdient hätte, können und wollen sie nicht mehr aufbringen. Es ist ein Abschied mit Anstand, der Respekt verdient.

Neonschwarz Forever: Best-of und vier letzte Shows

Zum Abschied gibt es ein Best-of-Album mit dem programmatischen Titel „Neonschwarz Forever”, das die Highlights aus 14 Jahren Bandgeschichte bündelt. Dazu kommen vier letzte Konzerte im Herbst 2026:

  • 25.09.2026 Köln, Gebäude 9
  • 26.09.2026 Leipzig, Conne Island
  • 02.10.2026 Berlin, Festsaal Kreuzberg
  • 08.10.2026 Hamburg, Gruenspan (Zusatztermin)
  • 09.10.2026 Hamburg, Gruenspan

Den Abschluss bildet die Show im Hamburger Gruenspan, also dort, wo die Band hingehört: in ihrer Heimatstadt, auf einer Bühne, die groß genug ist für die Emotionen, die an diesem Abend durch den Raum schwappen werden. Die Venue-Auswahl spricht Bände: Vom Kölner Gebäude 9 über das legendäre Conne Island in Leipzig und den Festsaal Kreuzberg bis zum Gruenspan. Orte, die zur DNA einer Band passen, die immer in der unabhängigen Szene verwurzelt war.

Der allgemeine Vorverkaufsstart für die Tickets ist am 26. Februar 2026 um 10:00 Uhr. Wer Neonschwarz noch einmal live erleben will, sollte schnell sein. Shows dieser Band waren schon immer Ereignisse, bei denen man dabei gewesen sein will. Die letzten vier werden es erst recht sein.

Neonschwarz haben in ihrer Abschiedsbotschaft geschrieben: „Die Welt um uns herum ist mieser geworden, lasst uns nochmal gegenseitig Mut machen.” Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Danke für alles, Schwizzys.

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