Vier Stimmen, eine Vision - die Sängerepochen von Arch Enemy

Johan Liiva und die Gründungsjahre: Als Arch Enemy die Welt noch nicht kannten

Teil 2 der Serie “Vier Stimmen, eine Vision” – Die Sängerepochen von Arch Enemy

Bevor es Gossow gab, bevor es White-Gluz gab, bevor es Hart gab, war da ein Sänger aus Helsingborg, der gemeinsam mit Michael Amott den Grundstein für eine der größten Melodic-Death-Metal-Bands der Geschichte legte. Die Story von Johan Liiva ist die eines Mannes, der eine Band miterschuf, die ihn am Ende überholte.

Die Geschichte von Arch Enemy beginnt nicht 1996. Sie beginnt 1988. In Växjö, einer Kleinstadt in Südschweden, gründen zwei Teenager eine Band namens Global Carnage. Ihre Namen: Michael Amott und Johan Liiva. Die beiden verbindet die Begeisterung für den extremen Sound, der Ende der Achtziger aus den Proberäumen Stockholms, Göteborgs und Tamperes dringt. Aus Global Carnage wird schnell Carnage, und aus Carnage wird einer der Grundpfeiler des schwedischen Death Metal.

Die Band veröffentlicht zwei Demos, die im Untergrund heiß gehandelt werden: “The Day Man Lost” und “Infestation of Evil”. Doch Carnage sind von Anfang an instabil. Ständige Besetzungswechsel zerren an der Band. Als 1990 das einzige Album “Dark Recollections” erscheint, aufgenommen in den legendären Sunlight Studios bei Tomas Skogsberg, ist Amott bereits das einzige verbliebene Gründungsmitglied. Liiva hat die Band zu diesem Zeitpunkt schon verlassen, den Gesang übernahm Matti Kärki. Das Album gilt heute als Klassiker des Swedish Death Metal. Die anderen Mitglieder formieren sich später zu Dismember.

Nach dem Ende von Carnage gehen Amott und Liiva getrennte Wege. Amott wird Gitarrist bei Carcass und wirkt am wegweisenden “Heartwork” (1993) mit, einem Album, das den Begriff Melodic Death Metal mitprägt. Liiva gründet Furbowl, zunächst als Duo mit Drummer Max Thornell, und veröffentlicht 1992 das Debüt “Those Shredded Dreams” sowie 1994 das Nachfolgealbum “The Autumn Years”. Furbowl bewegen sich zwischen Death und Thrash Metal, finden aber nie die ganz große Bühne.

Ein Anruf, der alles verändert

Mitte der Neunziger verlässt Amott Carcass und gründet die Classic-Rock-beeinflusste Band Spiritual Beggars. Doch der extreme Metal lässt ihn nicht los. Das Herzstück von “Heartwork”, die Verschmelzung von Melodie und Brutalität, will er in einem eigenen Projekt weiterdenken. Er kontaktiert Liiva, seinen alten Weggefährten aus Carnage-Tagen, und seinen jüngeren Bruder Christopher Amott, der zu diesem Zeitpunkt noch die Musikschule besucht. Mit dem zunächst als Session-Musiker verpflichteten Daniel Erlandsson (Eucharist) am Schlagzeug steht das Gerüst. Michael Amott wird später beschreiben, was er vorhatte: einen Versuch, Melodie mit Aggression und Technik zu verschmelzen.

Arch Enemy sind geboren. Doch zunächst ist das Projekt nicht viel mehr als ein Experiment.

Neun Tage im Studio Fredman

Das Debütalbum “Black Earth” wird in gerade einmal neun Tagen im Februar und März 1996 im Studio Fredman in Göteborg aufgenommen. Fredrik Nordström, der wenige Jahre später auch In Flames und Soilwork produzieren wird, sitzt am Mischpult. Es gibt keinen Computer, keine digitale Nachbearbeitung. Alles läuft über analoges 2-Zoll-Band. Die Songs sind vorarrangiert, die Aufnahmen effizient und roh.

Was kaum jemand weiß: Auf “Black Earth” spielt Michael Amott nicht nur Gitarre, sondern auch Bass. Im Booklet steht Liiva als Bassist, doch Amott gab später zu, die Credits bewusst so verteilt zu haben, damit das Album mehr nach einer vollwertigen Band aussieht. In Wahrheit ist “Black Earth” zu großen Teilen ein Amott-Soloprojekt, auf dem Liiva den Gesang beisteuert.

Und was für einen Gesang. Liivas Stil auf “Black Earth” ist rau, direkt und aggressiv. Kein polierter Melodic-Death-Metal-Gesang, wie ihn spätere Arch-Enemy-Alben präsentieren werden, sondern ein ungeschliffener, gutturaler Ansatz, der sich näher am klassischen schwedischen Death Metal bewegt. Tracks wie “Bury Me an Angel” und “Dark Insanity” leben von dieser Rohheit.

Das Album erscheint über das heute nicht mehr existierende Label Wrong Again Records. Ein Erfolg im großen Stil ist es zunächst nicht, aber in Japan schlägt “Bury Me an Angel” unerwartet ein und erhält Rotation auf MTV Rocks! Damit beginnt eine Liebesgeschichte zwischen Arch Enemy und Japan, die bis heute andauert.

Vom Soloprojekt zur echten Band

Der Japan-Erfolg verändert alles. 1997 unterschreibt die Band beim japanischen Label Toy’s Factory und wird zu einer Tour nach Japan eingeladen. Amott beschließt, aus dem Studioprojekt eine richtige Band zu formen. Bassist Martin Bengtsson und Drummer Peter Wildoer (später bekannt durch Darkane) stoßen dazu.

1998 erscheint “Stigmata” auf Century Media, das erste Arch-Enemy-Album mit weltweitem Vertrieb. Der Sound ist ausgereifter, die Produktion klarer, die Songs komplexer. Liivas Gesang zeigt sich hier von einer kontrollierteren Seite, ohne die Intensität zu verlieren. Tracks wie “Beast of Man” und “Stigmata” demonstrieren eine Band, die ihren Platz im internationalen Melodic-Death-Metal-Gefüge gefunden hat. “Stigmata” wird zum kritischen Erfolg und etabliert Arch Enemy erstmals in Europa und Nordamerika.

Für das dritte Album “Burning Bridges” (1999) stabilisiert sich das Line-up weiter. Sharlee D’Angelo (ex-King Diamond, ex-Mercyful Fate) übernimmt den Bass, Daniel Erlandsson kehrt nun als festes Bandmitglied am Schlagzeug zurück. Das Album markiert eine bewusste Verschiebung hin zu einem melodischeren Ansatz. Die Aggression bleibt, aber die Melodien rücken stärker in den Vordergrund.

“Burning Bridges” und das darauf folgende Live-Album “Burning Japan Live 1999” werden Liivas letzte Aufnahmen mit Arch Enemy sein.

Das Ende per Brief

Im November 2000, als die ersten Sessions für das Album “Wages of Sin” bereits begonnen haben, wird Liiva gefeuert. Nicht in einem persönlichen Gespräch, sondern per Brief. Amott begründet die Entscheidung später damit, dass er sich mehr Dynamik von seinem Frontmann gewünscht habe und dass Liivas Live-Performance nicht mehr mit dem Rest der Band mitgehalten habe.

Liiva selbst beschreibt seine Reaktion in einem späteren Interview mit einer bemerkenswerten Nüchternheit. Wütend sei er nicht wirklich gewesen, eher geschockt und enttäuscht, weil er es nicht erwartet habe. Man müsse damit umgehen und akzeptieren, was passiert sei. Einige Jahre später habe er erkannt, dass es eben so laufe im Musikgeschäft. Amott wolle von seiner Musik leben und die Band entsprechend aufstellen. Und er, Liiva, habe am Ende nicht mehr seine ganze Energie in die Band gesteckt, weil er so viele andere Dinge auf seiner Agenda gehabt habe.

Es ist eine ehrliche, fast entwaffnend nüchterne Reflexion. Kein Drama, keine öffentlichen Schlammschlachten. Liiva akzeptierte die Entscheidung und zog weiter.

Was nach Arch Enemy kam

Liivas Karriere nach dem Rauswurf war stetig, aber nie wieder von derselben Sichtbarkeit. Er gründete NonExist mit Gitarrist Johan Reinholdz (Andromeda) und Drummer Matte Modin (Dark Funeral, Defleshed). Die Band veröffentlichte drei Alben mit Liiva am Mikrofon: “Deus Deceptor”, “From My Cold Dead Hands” und “Throne of Scars”. Im November 2015 verließ Liiva die Band, die ohne ihn weiterexistiert. Reinholdz übernahm neben der Gitarre auch den Gesang und führt NonExist seitdem mit Mitgliedern von Faithful Darkness und Andromeda fort. Mit Hearse fand er ein langfristigeres Zuhause und veröffentlichte fünf Alben im ersten Jahrzehnt der 2000er, darunter “Dominion Reptilian” und “Armageddon, Mon Amour”. Daneben arbeitet Liiva seit 1988 als Drucker, ein Detail, das zeigt, wie wenig selbstverständlich eine Vollzeitkarriere im Extreme Metal auch für Gründungsmitglieder erfolgreicher Bands sein kann.

2009 unterstrich Arch Enemy die Bedeutung der Liiva-Ära auf eine besondere Weise: Mit “The Root of All Evil” veröffentlichte die Band ein Album, auf dem zwölf Songs aus den ersten drei Alben mit Angela Gossow am Mikrofon neu eingespielt wurden. Ein Zeichen der Wertschätzung für das Songmaterial, das Liiva einst seine Stimme gab.

2015 kam es dann zu einem Moment, der langjährige Fans elektrisierte. Beim Loud Park Festival in der Saitama Super Arena in Japan betraten Liiva und Christopher Amott die Bühne und spielten gemeinsam mit der aktuellen Besetzung drei Songs: “Bury Me an Angel”, “The Immortal” und “Fields of Desolation”. Das war der Startschuss für das Nebenprojekt Black Earth, mit dem die ursprüngliche Besetzung 2016 eine ausverkaufte Japan-Tour spielte, die ausschließlich Material der ersten drei Alben umfasste.

Als im November 2025 die Trennung von Alissa White-Gluz bekannt wurde, spekulierten manche Fans auf eine Rückkehr Liivas. Er selbst kommentierte die Situation auf Facebook mit seiner charakteristischen Gelassenheit: Er kehre nicht zurück, sei genauso überrascht wie alle anderen und finde, Alissa sei perfekt für Arch Enemy gewesen. Das Mysterium gehe weiter.

Das Vermächtnis der drei Alben

Johan Liivas Beitrag zu Arch Enemy lässt sich nicht auf drei Alben und ein Live-Album reduzieren, auch wenn die Zahlen das nahelegen. Er war Teil der Keimzelle, der Moment, in dem eine Idee zu einer Band wurde. Ohne seine gemeinsame Geschichte mit Amott, die bis zu Carnage 1988 zurückreicht, hätte es Arch Enemy in dieser Form vermutlich nicht gegeben.

“Black Earth”, “Stigmata” und “Burning Bridges” bilden das Fundament, auf dem alles aufgebaut wurde, was folgte. Als Angela Gossow die Songs dieser Ära für “The Root of All Evil” neu einsang, war das nicht nur ein kommerzieller Schachzug. Es war ein Eingeständnis, dass dieses Material zeitlos ist.

Liivas Gesangsstil war anders als alles, was nach ihm kam. Roher, ungezügelter, näher am Underground. Genau das machte den Charme der frühen Arch-Enemy-Alben aus. Für viele Fans markieren diese drei Platten die reinste Essenz der Band: Pure Aggression, gepaart mit den Melodien, die Amotts Handschrift als Songwriter ausmachen.

Johan Liiva mag nicht der bekannteste Sänger in der Geschichte von Arch Enemy sein. Aber er war der erste. Und ohne ihn hätte die Geschichte, die wir in dieser Serie erzählen, nie begonnen.

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