Zwischen Widerstand und Blamage

Der Super Bowl und seine politischen Nachwehen

Zwischen Widerstand und Blamage

Der Super Bowl und seine politischen Nachwehen

Der Super Bowl LX ist Geschichte, die Seattle Seahawks sind Champion, Bad Bunny hat mit der ersten komplett spanischsprachigen Halftime-Show Geschichte geschrieben. Doch wer glaubt, dass damit die Diskussionen erledigt wären, kennt die Rockszene schlecht. Von öffentlichen politischen Bekenntnissen über peinliche Playback-Pannen bis hin zu leidenschaftlichem Protest-Rock: Die Wochen rund um das größte US-Sportevent haben einmal mehr gezeigt, wie tief die politische Spaltung in der Musikwelt reicht.

Wes Borland: Null Toleranz für MAGA

Limp Bizkits Gitarrist Wes Borland hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Politik ging. Bereits 2016 bezog er unmissverständlich Stellung gegen Trump. Anfang Februar 2026 legte er via Instagram Stories nach und forderte seine Follower unmissverständlich auf, ihm zu entfolgen, wenn sie Trump unterstützen oder auch nur mit Trump-Anhängern befreundet seien.

Die Reaktion war vorhersehbar: eine Welle aus Zuspruch und Empörung gleichermaßen. Borland ließ sich davon nicht beirren. An seinem 51. Geburtstag am 6. Februar verdoppelte er seine Position und attackierte neben Trump auch die US-Einwanderungsbehörde ICE, während er gleichzeitig die Demokratische Partei für ihre Führungsschwäche kritisierte. Einzig Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez ließ er als Lichtblicke gelten.

Auf den gängigen Vorwurf, er solle sich doch gefälligst aufs Gitarrespielen beschränken, konterte Borland mit der ihm eigenen Schärfe und wies darauf hin, dass Leute ihn für seine Ablehnung von Hass hassen würden. In einem weiteren Post lieferte er dann noch einen seiner denkwürdigsten Sätze ab, als er Trump-Anhängern attestierte, sie seien wie Teufelsanbeter, aber nicht die coolen. Das Baphomet-Bild, das er dazu teilte, unterstrich seinen typischen Mix aus Provokation und Humor.

Bemerkenswert: Tom Morello von Rage Against the Machine reagierte auf Borlands Ansage mit einem Verweis auf den Limp-Bizkit-Hit „Rollin'” und signalisierte damit unmissverständlich Solidarität.

Kid Rock und die Playback-Blamage

Während Bad Bunny im Levi’s Stadium in Santa Clara vor einem Millionenpublikum live performte, lief parallel das konservative Gegenprogramm: die „All-American Halftime Show”, organisiert von Turning Point USA. Als Headliner: Kid Rock, seit Jahren bekennender Trump-Unterstützer.

Was als patriotisches Gegengewicht zur spanischsprachigen Halftime-Show gedacht war, entwickelte sich allerdings zum PR-Desaster. Bei Kid Rocks Performance von „Bawitdaba” stimmten Lippenbewegungen und Gesang sichtbar nicht überein. Das Internet reagierte gnadenlos, und der Spott ließ nicht lange auf sich warten.

Kid Rock versuchte sich in Schadensbegrenzung. In einem fünfminütigen Video auf X erklärte er, die Show sei zwar voraufgezeichnet, aber live performt worden. Das Synchronisationsproblem sei ein technischer Fehler des Produktionsteams gewesen. Sein Argument: Hätte er tatsächlich Playback gesungen, wäre die Synchronisation kinderleicht gewesen. Stattdessen habe sein energiegeladener Auftritt die Techniker vor Probleme gestellt. Zusätzlich habe jemand im Team den Song offenbar nicht gut genug gekannt.

Die Erklärung klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar, wirft aber mindestens ebenso viele Fragen auf. Wenn Kid Rock selbst nach Sichtung des Rohschnitts die Synchronisation bemängelte, warum wurde die Show dann in diesem Zustand ausgestrahlt? Und wie kann ein voraufgezeichneter, also kontrollierbarer Auftritt technisch derart scheitern?

Die Zahlen sprechen ohnehin Bände: Während Kid Rocks Alternativshow bei rund sechs Millionen gleichzeitigen Zuschauern im Livestream ihren Höhepunkt erreichte, dürfte Bad Bunnys offizielle Halftime-Show ein Vielfaches davon angezogen haben. Rolling Stone beschrieb Kid Rocks Performance als lieblos, Jimmy Kimmel sprach von einem Playback-Kampf gegen sich selbst. Die Late-Night-Comedians hatten jedenfalls für Tage genügend Material.

Tom Morello: Protest als Lebenswerk

Während die Super-Bowl-Maschinerie auf Hochtouren lief, hatte Tom Morello bereits Tage zuvor ein ganz anderes Zeichen gesetzt. Am 30. Januar organisierte der Rage-Against-the-Machine-Gitarrist das „Concert of Solidarity & Resistance to Defend Minnesota” im legendären First Avenue in Minneapolis, dem Club, den Prince einst weltberühmt machte.

Das Benefizkonzert war keine abstrakte politische Geste, sondern hatte einen konkreten, tragischen Anlass: Die Erlöse gingen an die Familien von Renée Good und Alex Pretti, zwei US-Bürgern, die im Januar 2026 bei Einsätzen von Bundesbeamten der Einwanderungsbehörden in Minneapolis getötet wurden. Der Fall hatte landesweite Proteste ausgelöst.

Morello ließ keinen Zweifel an seiner Haltung. In seiner Ankündigung bezeichnete er die Zustände unverblümt als Faschismus und rief zum Widerstand auf. Minneapolis sei eine Inspiration für die gesamte Nation, die Menschen hätten sich heldenhaft gegen ICE und Trump gestellt. Die Rettung könne nur von der Bevölkerung selbst kommen.

Das Line-up konnte sich sehen lassen: Neben Morello spielten Rise Against, der legendäre Flamencogitarrist Al Di Meola und Songwriter Ike Reilly. Der absolute Höhepunkt war jedoch der Überraschungsauftritt von Bruce Springsteen, der seinen wenige Tage zuvor veröffentlichten Protestsong „Streets of Minneapolis” erstmals live vortrug. Springsteen hatte den Song innerhalb eines Wochenendes geschrieben und aufgenommen, als direkte Reaktion auf die Todesfälle in Minneapolis.

Der emotionale Klimax des Nachmittags: Springsteen und Morello gemeinsam bei „The Ghost of Tom Joad”, während Morello seine Gitarre umdrehte und die Aufschrift „Arrest the President” präsentierte. Springsteen soll laut Augenzeugenberichten dabei gelacht und gestrahlt haben.

Zum Abschluss versammelten sich alle Musiker für eine gemeinsame Version von John Lennons „Power to the People”. Morello forderte das Publikum anschließend auf, sich dem Protest auf den Straßen von Minneapolis anzuschließen, und ging selbst voran. Auch der ehemalige Gouverneur von Minnesota, Jesse Ventura, war im Publikum.

Das große Bild: Die Kulturkriege der Rockszene

Was diese drei Geschichten verbindet, ist mehr als nur der zeitliche Zusammenhang mit dem Super Bowl. Sie zeigen eine Musikszene, die politisch so gespalten ist wie das Land selbst.

Auf der einen Seite stehen Künstler wie Borland und Morello, die ihre Plattform nutzen, um Widerspruch zu formulieren, selbst wenn es sie Fans kostet. Borland nimmt in Kauf, einen Teil seiner Hörerschaft zu vergrämen, Morello macht seit drei Jahrzehnten keine Kompromisse, wenn es um politischen Protest geht. Dass Springsteen, der neben Bob Dylan wohl der wichtigste politische Songwriter der amerikanischen Rockgeschichte ist, sich einreiht, überrascht niemanden, unterstreicht aber die Ernsthaftigkeit der Lage.

Auf der anderen Seite positioniert sich Kid Rock als Galionsfigur der konservativen Gegenkultur, komplett mit eigener Halftime-Show als trotziges Statement gegen eine als zu progressiv empfundene NFL. Dass ausgerechnet dieser Gegenentwurf an einem Synchronisationsproblem scheitert, hat eine Ironie, die selbst das beste Drehbuch nicht hätte liefern können.

Dazwischen stehen Bands wie Green Day, die beim Super-Bowl-Kickoff ihr Repertoire an politischen Hymnen spielten, sich aber laut Berichten den erwarteten provokanten politischen Stunt verkniffen. Sogar im Protest gibt es offenbar verschiedene Eskalationsstufen.

Die Wochen rund um den Super Bowl LX haben einmal mehr bestätigt: Rockmusik war nie unpolitisch, und wer das Gegenteil behauptet, hat nicht aufgepasst. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Musiker sich politisch äußern dürfen. Die Frage ist, ob sie es sich leisten können, es nicht zu tun.

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