Foto: Peter Bjöns

Clawfinger melden sich nach 19 Jahren mit „Before We All Die” zurück: Protest, Therapie und Mittelfinger

Die schwedisch-norwegischen Rap-Metal-Pioniere haben am 20. Februar 2026 ihr achtes Studioalbum veröffentlicht. Es ist ihr erstes seit „Life Will Kill You” aus dem Jahr 2007. Wir schauen genauer hin, was hinter dem Comeback steckt.

Es gibt Bands, die sich nach langen Pausen mit einem sanften Lebenszeichen zurückmelden. Und dann gibt es Clawfinger. Nach 19 Jahren Albumstille treten die Skandinavier nicht leise durch die Hintertür, sondern treten die Vordertür ein, strecken der Welt den Mittelfinger entgegen und brüllen dabei so laut, als hätten sie nie aufgehört. „Before We All Die” heißt das neue Werk, erschienen über Perception, einem Imprint von Reigning Phoenix Music. Der Titel klingt nach Endzeitstimmung, nach letzter Chance, nach Bucketlist auf Speed. Und genau so klingt auch die Platte.

Warum hat es 19 Jahre gedauert?

Die spannendste Frage zuerst: Was zum Teufel haben Clawfinger in den letzten zwei Jahrzehnten getrieben? Sänger Zak Tell liefert die entwaffnend ehrliche Antwort im Interview mit The Metal Gods Meltdown: Das Geld war schlicht aufgebraucht. Von 1993 bis 2008 lebte die Band von ihrer Musik, doch nach der letzten Tour Ende 2007 war Schluss mit dem Luxus, den ganzen Tag im Studio verbringen zu können. Jobs mussten her, Kinder kamen dazu, und nach sieben Alben fühlte es sich eine Weile lang so an, als hätte Clawfinger seinen Lauf beendet.

Ganz so endgültig war es dann doch nicht. Ein gut bezahltes Festivalangebot aus der Schweiz, bei dem unter anderem Motörhead auf der Bühne standen, brachte den Stein ins Rollen. Es folgten weitere Festivalgigs, eine Jubiläumstour zum 25. Geburtstag des Debütalbums „Deaf Dumb Blind” und schließlich die entscheidende Frage ihres Managers per Zoom-Call: Ob sie nicht ein paar Songs schreiben und ein Album veröffentlichen wollten, bevor sie alle sterben. Der Albumtitel war damit geboren, noch bevor der erste neue Song fertig war.

12 Songs zwischen Wut und schwarzem Humor

„Before We All Die” liefert auf gut 40 Minuten zwölf Tracks, die thematisch ein breites Spektrum abdecken: Umweltzerstörung, politische Heuchelei, persönliche Desillusionierung und gesellschaftliche Verdrängung. Musikalisch bewegen sich Clawfinger dabei auf vertrautem Terrain, erweitern ihren Sound aber auch um einige überraschende Facetten.

Der Opener „Scum” fährt direkt mit Vollgas in die Platte hinein und erinnert sofort an den typischen Clawfinger-Sound: treibende Rhythmen, politischer Furor, null Kompromisse. Die erste Single hatte bereits im Sommer 2025 innerhalb von zwei Wochen die Marke von 100.000 Streams durchbrochen. „Ball & Chain” nimmt eine düsterere Wendung mit stampfenden, verzerrten Gitarren, während „Big Brother” die Besessenheit der Gesellschaft von künstlichem Ruhm und falscher Realität unter die Lupe nimmt.

Für eine echte Überraschung sorgt „A Perfect Day” mit progressiven Gitarrenmelodien, Lo-Fi-Beats und hellen Instrumentalschichten, das einen Hoffnungsschimmer in die ansonsten düstere Tracklist reißt. Der typische Clawfinger-Humor kommt bei „Going Down (Like Titanic)” voll zum Tragen: eine genreübergreifende Fusion mit düsterem, aber eingängigem Refrain, die den zynischen Grundton des Albums auf den Punkt bringt. Das bluesig angehauchte „A Fucking Disgrace” zeigt die Band von einer unerwartet persönlichen Seite.

Den Abschluss bildet der Titeltrack „Before We All Die”, zu dem am Release-Tag ein Musikvideo veröffentlicht wurde. Am Vorabend feierte die Band das Album bereits mit einer exklusiven Release-Show im Stockholmer Venue Kollektivet Livet vor einer handverlesenen Schar glücklicher Fans.

Tracklist:

1. Scum (3:06)
2. Ball & Chain (3:17)
3. Tear You Down (2:55)
4. Big Brother (3:33)
5. Linked Together (3:28)
6. A Perfect Day (3:23)
7. Going Down (Like Titanic) (4:03)
8. You Call Yourself a Teacher (2:59)
9. A Fucking Disgrace (3:11)
10. Kill The Dream (3:06)
11. Environmental Patients (3:41)
12. Before We All Die (4:08)

Die Haltung hinter der Musik

Was Clawfinger seit ihrem Debüt auszeichnet, ist die kompromisslose Direktheit ihrer Texte. Rassismus, Drogenpolitik, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit: Die Band hat nie einen Hehl daraus gemacht, wo sie steht. Und auch mit „Before We All Die” ändert sich daran nichts. Die Band formuliert es selbst so: Das Album sei Teil Protest, Teil Therapie und Teil ausgestreckter Mittelfinger. Man biete keine Lösungen an. Man schreie, weil Schweigen gleichbedeutend mit Kapitulation sei.

In Zeiten, in denen gesellschaftliche Spaltung, Klimakrise und politischer Populismus die Schlagzeilen dominieren, treffen diese Themen ins Schwarze. Ob Clawfinger damit bei einer neuen Generation ankommen, bleibt abzuwarten. Immerhin: Ein Live-Clip ihres Hits „Biggest & The Best” ging zuletzt auf Instagram viral und zeigte, dass die Band durchaus auch jüngere Hörer erreicht.

Clawfinger auf Tour: Deutschland-Termine im Herbst 2026

Das Album soll nicht nur auf Spotify laufen, sondern auch live für Schweißausbrüche sorgen. Im Rahmen der „Before We All Die Tour” bringen Clawfinger ihre neue Platte zusammen mit den alten Hits im Oktober und November 2026 auf europäische Bühnen. In Deutschland stehen sechs Termine auf dem Plan:

  • 22.10.2026 München, Backstage Werk
  • 26.10.2026 Köln, Die Kantine
  • 02.11.2026 Nürnberg, Hirsch
  • 03.11.2026 Hamburg, Uebel & Gefährlich
  • 06.11.2026 Berlin, Kesselhaus
  • 07.11.2026 Münster, Skaters Palace

Zusätzlich sind Stopps in Wien, Prag, Utrecht, Belgien, Paris, der Schweiz und Kopenhagen geplant. Tickets sind bereits im Vorverkauf erhältlich.

Einordnung: Mehr als nur Nostalgie

Man könnte Clawfingers Comeback zynisch als reine Nostalgie-Nummer abtun. Schließlich lebt die Musikindustrie gerade prächtig von der Sehnsucht nach den Neunzigern. Doch „Before We All Die” wirkt nicht wie ein Album, das nur aus kalkuliertem Kalkül entstanden ist. Die Geschichte dahinter, der lange, organische Weg vom ersten Festivalgig über sporadische Singles bis zum fertigen Album, spricht eher für eine Band, die tatsächlich wieder etwas zu sagen hat.

Ob das Album musikalisch an die großen Tage von „Deaf Dumb Blind” (über 600.000 verkaufte Exemplare, davon 250.000 allein in Deutschland) oder „Use Your Brain” heranreicht, muss jeder für sich entscheiden. Was man Clawfinger aber nicht absprechen kann: Die Energie stimmt, die Haltung ist ungebrochen, und in einer Zeit, in der viele Bands lieber vorsichtig um den heißen Brei reden, als klar Position zu beziehen, ist das mehr wert als jeder Streaming-Rekord.

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