
Kartellurteil gegen den Konzertgiganten
Schuldig: Live Nation ist ein illegales Monopol
Eine Jury in Manhattan hat Live Nation Entertainment und seine Tochter Ticketmaster am Mittwoch schuldig gesprochen: Der Konzertgigant hat nach Überzeugung der Geschworenen illegal ein Monopol im Ticketing-Markt aufgebaut und Konzertfans systematisch zu viel Geld abgeknöpft.
Das Urteil fiel nach einem fünfwöchigen Prozess am Bundesgericht in New York und vier Tagen Beratung. Richter Arun Subramanian muss nun in einem separaten Verfahren über die Konsequenzen entscheiden – bis hin zu einer möglichen Aufspaltung von Ticketmaster und Live Nation.
1,72 Dollar pro Ticket – mal Millionen
Die Jury stellte fest, dass Ticketmaster den Fans in den klagenden Bundesstaaten im Schnitt 1,72 Dollar pro Ticket zu viel berechnet hat. Die Kläger argumentierten, Ticketmaster kontrolliere laut ihrer Berechnung 86 Prozent des Konzertmarkts und 73 Prozent inklusive Sportveranstaltungen. Klingt nach Kleingeld pro Ticket – aber multipliziert mit Millionen von Verkäufen summieren sich die Beträge zu Schadenersatzforderungen in dreistelliger Millionenhöhe.
Die Slack-Nachrichten, die alles sagten
Im Prozess spielten die internen Slack-Nachrichten eine zentrale Rolle, über die wir im März ausführlich berichtet haben. Die Ticketing-Direktoren Ben Baker und Jeff Weinhold diskutierten darin im Jahr 2022, wie sie Fans mit Zusatzgebühren „blind ausrauben” – in ihren eigenen Worten: „These people are so stupid”, „I almost feel bad taking advantage of them”, „robbing them blind, baby”. Baker wurde trotzdem später zum Chef des Ticketings bei Venue Nation befördert.
Live-Nation-CEO Michael Rapino bezeichnete die Nachrichten im Zeugenstand als „disgusting”. Gleichzeitig bestritt er, dass sein Unternehmen Vergeltung gegen Venues übe, die zu konkurrierenden Ticketing-Anbietern wechseln wollten. Der ehemalige CEO des Barclays Center, John Abbamondi, sagte das Gegenteil aus: Live Nation habe gedroht, Konzerte abzuziehen, wenn Venues zu Anbietern wie SeatGeek wechselten.
Jeffrey Kessler, der Anwalt der klagenden Bundesstaaten, nannte Live Nation einen „monopolistic bully”, der „den Graben um das Monopol-Schloss immer tiefer gegraben” habe.
Wie das DOJ den eigenen Prozess sabotierte
Die Geschichte dieses Verfahrens ist auch eine politische. Im Mai 2024 hatte das US-Justizministerium unter Merrick Garland die Klage gemeinsam mit rund 30 Bundesstaaten eingereicht. „It is time to break up Live Nation-Ticketmaster”, sagte Garland damals. Bis August 2024 schlossen sich weitere Staaten an.
Dann kam die Trump-Administration. Im Februar 2026 wurde die Antitrust-Chefin des DOJ, Gail Slater, unter politischem Druck aus dem Amt gedrängt. Live Nation hatte zuvor den Trump-Vertrauten Ric Grenell in den Vorstand geholt und die Lobbyisten Kellyanne Conway sowie Mike Davis engagiert.
Am 5. März – in der ersten Prozesswoche – einigte sich das DOJ überraschend auf einen Vergleich mit Live Nation. Laut Berichten wurde der Deal im Weißen Haus besiegelt. Richter Subramanian wurde erst vier Tage später informiert und nannte das Vorgehen „entirely unacceptable”.
Der Vergleich: 280 Millionen Dollar in einen Settlement-Fonds, Öffnung von 13 Amphitheater-Exklusivverträgen, eine Gebührendeckelung bei 15 Prozent des Ticketwerts – aber keine Aufspaltung. Eine Handvoll Staaten akzeptierte den Deal. Über 30 lehnten ihn als unzureichend ab und setzten den Prozess auf eigene Faust fort.
Die entmachtete Slater kommentierte das Urteil mit einem öffentlichen Post: „You made antitrust history today. You fought the good fight, you finished the race, and you kept the faith.”
Wie es weitergeht
Live Nation hat Berufung angekündigt und will zunächst eine Aufhebung des Urteils beantragen. „The jury’s verdict is not the last word on this matter”, teilte der Konzern mit.
New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James sieht das anders: „A jury found what we have long known to be true: Live Nation and Ticketmaster are breaking the law and costing consumers millions of dollars in the process.”
Richter Subramanian entscheidet nun über die Konsequenzen. Die Bundesstaaten fordern die Aufspaltung von Ticketmaster und Live Nation – eine Maßnahme, die in US-Kartellverfahren historisch selten angeordnet wird. Parallel läuft eine Verbraucher-Sammelklage über fünf Milliarden Dollar. Auch der DOJ-Vergleich benötigt noch die richterliche Genehmigung.
Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta fasste die Bedeutung des Urteils zusammen: „In the face of dwindling antitrust enforcement by the Trump administration, this verdict shows just how far states can go to protect our residents from big corporations.”
Live Nation dominiert den Konzertmarkt auch in Europa. Was in Manhattan verhandelt wurde, geht weit über amerikanische Ticketpreise hinaus.




