
Heaven Shall Burn in der Inselpark Arena Hamburg: Als Britta Görtz den Abend krönte
Manchmal sind es nicht die geplanten Momente, die einen Konzertabend definieren. Nicht der perfekt gesetzte Opener, nicht das kalkulierte Encore. Manchmal ist es ein Moment der Stille mitten im Lärm, der sich ins Gedächtnis brennt. So geschehen am Freitagabend in der Hamburger Inselpark Arena, als Heaven Shall Burn ihre “Heimat Over Europe”-Tour auf kontinentaleuropäischen Boden brachten.
Drei Bands, ein aufsteigender Bogen
Frozen Soul aus Fort Worth, Texas, hatten die undankbare Aufgabe, den Abend zu eröffnen. Undankbar deshalb, weil an einem sonnigen Freitagabend längst noch nicht alle Besucher den Weg in die Halle gefunden hatten. Die fünf Texaner um Frontmann Chad Green scherten sich darum allerdings nicht im Geringsten. Ihr Death Metal, tief verwurzelt in der Tradition von Bolt Thrower und Obituary, traf die Anwesenden mit der Wucht einer Gletscherlawine. Greens brachiale Bühnenpräsenz und die bleischweren Riffs machten unmissverständlich klar: Hier steht eine Band, die mit dem kommenden dritten Album “No Place of Warmth” auf dem Sprung in die nächste Liga ist. Wer zu diesem Zeitpunkt noch draußen die letzten Sonnenstrahlen genoss, hatte etwas verpasst.
The Black Dahlia Murder aus Detroit übernahmen danach die Bühne und lieferten eine technisch einwandfreie Performance ab. Die Band, die mit “Servitude” (2024) zuletzt ein starkes Album vorgelegt hatte, zeigte sich handwerklich auf hohem Niveau. Was an diesem Abend jedoch fehlte, war das letzte Quäntchen Entfesselung. Die gelegentlich zwischen den Songs eingespielten Retro-TV-Samples unterbrachen den Fluss, und insgesamt wirkte der Auftritt eher kontrolliert als losgelassen. Professionell und sauber gespielt, aber im direkten Vergleich zu ihren Vorgängern fehlte der zündende Funke.
The Halo Effect sorgten im Anschluss dafür, dass die Stimmung vor dem Headliner nochmals deutlich anzog. Die schwedische Supergroup vereint mit Sänger Mikael Stanne (gleichzeitig seit über 30 Jahren das Gesicht von Dark Tranquillity), In-Flames-Gründungsgitarrist Jesper Strömblad, Niclas Engelin, Peter Iwers und Daniel Svensson gleich fünf Veteranen der Göteborger Melodic-Death-Metal-Szene. Ihr erklärtes Ziel war von Anfang an die Rückkehr zum klassischen Sound der 90er, und genau das lieferten sie ab: eine Mischung aus Melodie, Wucht und Emotion, die live nochmals spürbar an Intensität gewinnt. Als die Gitarrenharmonien durch die Halle fegten und die ersten Circle Pits entstanden, war klar, dass diese Arena für den Headliner auf Betriebstemperatur gebracht war.
Heimat auf der Bühne
Heaven Shall Burn starteten mit “War Is the Father of All” vom aktuellen Album “Heimat” in ihren Set und zogen über die folgenden anderthalb Stunden einen Bogen, der vom neuen Material über Klassiker wie “Godiva” und “Endzeit” bis hin zu den tiefen Archiven der Band reichte. Marcus Bischoff war stimmlich auf der Höhe, die Band spielte mit der Präzision und Wucht, die man von ihnen erwartet. Songs wie “Voice of the Voiceless” und “My Revocation of Compliance” füllten die Halle, “Armia” und “Counterweight” lieferten den Beweis, dass manche Texte mit den Jahren nicht an Relevanz verlieren, sondern dazugewinnen.
Der Moment, den niemand kommen sah
Was folgte, war der Grund, warum Live-Musik nicht durch Studioaufnahmen ersetzbar ist. Britta Görtz, Sängerin der Melodic-Death-Metal-Band Hiraes, stand plötzlich auf der Bühne. Eigentlich hätte sie an diesem Abend mit ihrer eigenen Band in Hameln spielen sollen, doch eine Erkrankung innerhalb der Band machte das unmöglich. So fand sich die Frau, die Heaven Shall Burn bereits im Sommer 2025 die Festival-Saison gerettet hatte, als damals Marcus Bischoff nach nur einem Song bei Rock am Ring abbrechen musste, ein weiteres Mal Seite an Seite mit den Thüringern.
Görtz, die über 25 Jahre Bühnenerfahrung mitbringt und sich von Cripper über Critical Mess bis zu Hiraes als eine der markantesten Stimmen im deutschen Extreme Metal etabliert hat, übernahm das Mikrofon für “Übermacht”. Die Arena tobte. Doch dann passierte etwas, das den Jubel schlagartig verstummen ließ.
Im Publikum gab es einen medizinischen Vorfall. Jemand war im Pit zu Schaden gekommen. Die Band stoppte den Song sofort. Was in diesem Moment passierte, sagt vielleicht mehr über diese Szene aus als jeder noch so wuchtige Breakdown: Die Fans machten Platz, halfen, warteten. Keine Unruhe, kein Drängen. Erst als Entwarnung kam, brach der Applaus los, lauter als bei jedem Song zuvor. Dann spielten Heaven Shall Burn “Übermacht” einfach noch mal von vorne. Görtz blieb anschließend für das Edge-of-Sanity-Cover “Black Tears” und verließ die Bühne unter frenetischem Beifall.
Kein Abend wie jeder andere
Nach Görtz’ Abgang holten Heaven Shall Burn mit “Tirpitz”, “Confounder” und “The Martyrs’ Blood” noch einmal alles raus, bevor “March of Retribution” und “Thoughts and Prayers” das reguläre Set beschlossen. Die Zugabe brachte “The Weapon They Fear” und als Schlusspunkt das Blind-Guardian-Cover “Valhalla”, das die Inselpark Arena ein letztes Mal zum Kochen brachte.
Doch was von diesem Abend bleibt, ist nicht nur die musikalische Wucht. Es ist die Erinnerung daran, dass ein Konzert mehr ist als Performance. Dass eine Sängerin, deren eigener Auftritt an diesem Tag platzte, spontan Geschichte schreibt. Dass eine Halle voller Menschen mitten im härtesten Mosh innehält, weil jemand Hilfe braucht. Und dass der Song danach noch besser klingt als zuvor.
Die “Heimat Over Europe”-Tour läuft noch bis Ende März durch 20 weitere Städte. Wer die Chance hat, sollte sie nutzen.



