Konzertbericht | Drei Bands, drei Welten, ein Abend in Wilhelmsburg

Arcane Dimensions Tour 2026: Charlotte Wessels, Epica und Amaranthe in der Inselpark Arena Hamburg

Die Arcane Dimensions Tour 2026 macht am 6. März Station in der Hamburger Inselpark Arena und bringt dabei ein Dreiergespann mit, das den symphonisch-melodischen Metal in seiner ganzen Bandbreite abbildet. Epica und Amaranthe teilen sich die Co-Headliner-Slots auf rotierender Basis, als Special Guest ist Charlotte Wessels mit ihrem Soloprojekt The Obsession dabei. Ursprünglich war der Hamburger Termin bereits für den 9. Januar angesetzt, wurde jedoch auf den Auftakt des zweiten Tour-Legs verschoben.

Die Inselpark Arena ist an diesem Abend nicht ausverkauft. Die oberen Ränge bleiben gesperrt, die unteren sind ausgezogen. Geschätzt haben sich rund 2.000 bis 2.500 Fans in Wilhelmsburg eingefunden. Kein schlechter Zuspruch für einen Freitagabend, aber die Halle hätte deutlich mehr vertragen.

Charlotte Wessels’ The Obsession

Charlotte Wessels eröffnet den Abend, und wer die ehemalige Delain-Sängerin nur als Support-Act abhakt, verpasst etwas. Sieben Songs hat sie im Gepäck, die auch gerne das Doppelte hätten sein können. Das Material stammt überwiegend von ihrem 2024 bei Napalm Records erschienenen Album „The Obsession”, ihrem dritten Solowerk nach den beiden „Tales from Six Feet Under”-Alben, und es zeigt eine Künstlerin, die sich in ihrem neuen kreativen Zuhause sichtlich wohlfühlt.

Optisch setzt Wessels eigene Akzente. Der Mikroständer ist mit einem üppigen Blumenarrangement geschmückt, ein Wiedererkennungsmerkmal, das auf der Bassdrum gespiegelt wird, wo „Charlotte Wessels / The Obsession” zu lesen ist. Die Bühnenbeleuchtung wechselt zwischen warmen Gold- und Orangetönen und kühlerem Blau, was dem Set eine visuelle Dynamik verleiht, die man bei einem Opener nicht unbedingt erwartet.

„Chasing Sunsets” macht den Anfang, und Wessels hat die Halle schnell im Griff. Ihre Stimme trägt mühelos durch die Arena, wechselt zwischen zarten Momenten und kraftvollen Ausbrüchen. „Dopamine” und „The Crying Room” folgen, und spätestens bei „Soft Revolution” ist klar: Das hier ist kein Aufwärmprogramm, das ist eine eigenständige Show.

Die Band hinter Wessels ist an diesem Abend auf den Punkt, und das verdient besondere Anerkennung. Wessels verkündet zwischen den Songs, dass sich ihr Schlagzeuger im Vorfeld den Fuß verletzt habe, was ihm sofort großen Applaus aus dem Publikum einbringt. Zu Recht: Von der Verletzung ist während der Show nichts zu spüren, der Mann zieht sein Programm ohne erkennbare Einschränkungen durch.

Der Bassist sorgt mit vollem Körpereinsatz dafür, dass hier nichts nach Vorprogramm aussieht, und die Keyboarderin an ihrem Setup aus Arturia und Yamaha sorgt für die atmosphärische Tiefe, die Wessels’ Songs brauchen. „The Exorcism” bringt die dunkleren Töne und beschließt den Live-Teil des Sets. Zum Ausklang läuft „Breath” vom Band, ein ruhiger Abgang, der dem Set einen bewussten Schlussakkord gibt.

Persönliches Fazit: Charlotte Wessels war an diesem Abend nah dran am Highlight des gesamten Konzerts. Die Stimme, die Performance, die Liebe zum Detail beim Bühnensetup. Wer „The Obsession” noch nicht kennt, sollte das dringend ändern.

Setlist Charlotte Wessels: Chasing Sunsets / Dopamine / The Crying Room / Soft Revolution / Tempest / After Us, The Flood / The Exorcism / Breath (vom Band)

Epica

Die niederländischen Symphonic-Metal-Ikonen betreten als nächstes die Bühne. Epica sind mit ihrem 2025 erschienenen Album „Aspiral” (Nuclear Blast) unterwegs, ihrem neunten Studiowerk, und nutzen die Tour, um das Material im Live-Kontext zu präsentieren.

Schon optisch ist klar, dass hier eine andere Liga spielt, was Bühnenproduktion angeht. LED-Wände mit abstraktem visuellem Content bilden den Hintergrund, ein erhöhtes Podest gibt der Frontfrau Simone Simons eine zusätzliche Spielfläche, und das Lichtdesign setzt auf satte Blau-Rot-Kontraste, die den symphonischen Bombast visuell untermauern.

„Apparition” eröffnet das Set, und der Auftritt von Simone Simons ist ein Statement für sich. Von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Gewand gehüllt, erinnert sie in diesem Moment an die titelgebende Figur aus dem Horrorfilm „The Woman in the Yard”: verhüllt, mysteriös, unnahbar. Es ist ein theatralischer Einstieg, der perfekt zum dramatischen Opener passt. Wir Fotografen dürfen erst ab dem zweiten Song in den Graben, was bedeutet, dass dieser Moment nur den Fans im Saal gehört.

Zum Zeitpunkt von „Cross the Divide” hat Simons dann in ein schwarzes Lederkleid mit auffälliger Sonnenbrille gewechselt, ein Look, der den Rest des Sets bestimmt und zwischen düsterer Eleganz und selbstbewusstem Bühnencharakter changiert. Sie bewegt sich zwischen den Bühnenpositionen, nutzt das Podest für die großen Gesten und steht für die intimeren Momente direkt an der Bühnenkante.

Das Set zieht einen weiten Bogen durch Epicas Katalog. Neben reichlich „Aspiral”-Material bekommen die Fans mit „Martyr of the Free Word” und „Cry for the Moon” die Klassiker, die in keinem Epica-Set fehlen dürfen. „Never Enough” und „Unleashed” halten das Energielevel hoch, während „Tides of Time” für einen der ruhigeren Momente sorgt.

Keyboarder Coen Janssen stiehlt mit seinem Keytar-Solo mindestens einmal die Show. Breitbeinig, mit aufgerissenem Mund und komplett in blaues Licht getaucht, liefert er einen dieser Momente, für die man als Konzertfotograf in den Graben steigt. Am anderen Ende des visuellen Spektrums: der Bassist, der im roten Gegenlicht die langen Haare fliegen lässt, während er sich in sein Instrument versenkt.

Die beiden Gitarristen agieren als eingespieltes Duo. Einer von ihnen trägt ein „EPICA”-Armband und spielt eine Gibson Les Paul mit einem wunderschönen Sunburst-Finish. Besonders in Erinnerung bleibt ein Moment, in dem beide Gitarristen Seite an Seite spielen, sich angrinsen und die Energie zwischen ihnen beinahe greifbar wird. Der zweite Gitarrist bedient sich einer Ibanez und übernimmt zusätzlich Backing Vocals an einem separaten Mikrostativ.

Das unbestrittene Highlight des Epica-Sets ist jedoch „Sirens – Of Blood and Water”. Charlotte Wessels, die auf dem Studiotrack von der 2022er EP „The Alchemy Project” als Gastsängerin zu hören ist, betritt erneut die Bühne. Der Gastauftritt war offiziell nicht angekündigt, aber wenn beide Acts gemeinsam touren und der Song im Set ist, liegt es natürlich nahe. Die beiden Stimmen ergänzen sich live genauso gut wie auf der Aufnahme, und der Moment hat eine besondere Qualität, die über den reinen Showeffekt hinausgeht.

„Beyond the Matrix” beschließt das Set nach 13 Songs, und Epica hinterlassen eine Halle, die bereit ist für den Abschluss des Abends.

Setlist Epica: Apparition / Cross the Divide / Martyr of the Free Word / Eye of the Storm / Unleashed / Never Enough / Sirens – Of Blood and Water (mit Charlotte Wessels) / Tides of Time / The Grand Saga of Existence / Cry for the Moon / Fight to Survive / The Last Crusade / Beyond the Matrix

Amaranthe

Wenn man nach Epicas symphonischer Wucht noch irgendetwas draufsetzen will, dann am besten mit einem kompletten Stilbruch. Genau das liefern Amaranthe. Die schwedischen Melodic-Metal-Maschinisten, die 2024 mit „The Catalyst” (Nuclear Blast) ihr siebtes Studioalbum vorgelegt haben, setzen auf ein Programm, das irgendwo zwischen Power Metal, Arena-Rock und elektronischen Elementen lebt.

Schon das Lichtdesign markiert den Bruch: Wo Epica auf dunkle Blau-Rot-Dramatik setzten, fährt Amaranthe eine deutlich buntere Palette. Grün, Türkis, Violett und Magenta wechseln sich ab und passen zur Energie einer Band, die nie stillsteht.

Das Markenzeichen von Amaranthe ist die Drei-Stimmen-Besetzung, und live wird sofort klar, warum das funktioniert. Sängerin Elize Ryd, in einem auffälligen langen Leder-Trenchcoat mit langen Handschuhen, liefert die eingängigen Melodien und setzt mit tänzerischen Moves visuelle Akzente. Clean-Sänger Nils Molin mit wallender Haarmähne bringt die Rock-Attitude, mal mit ausgestrecktem Arm das Publikum dirigierend, mal die Haare in die bunten Lichtbündel werfend. Und Growl-Vokalist Mikael Sehlin, ebenfalls langhaarig, setzt die nötigen härteren Kontrapunkte, wobei ein Nahportrait in violettem Licht zeigt, dass er auch in den ruhigeren Momenten eine intensive Bühnenpräsenz mitbringt.

„Fearless” eröffnet das Set, und die Halle bewegt sich sofort. „Viral” und „Digital World” halten den Druck aufrecht, bevor „Damnation Flame” die orchestralen Ambitionen des „The Catalyst”-Albums ausspielt. Amaranthe haben auf diesem Album erstmals stärker symphonische Elemente integriert, und live funktioniert das als Brücke zwischen dem eigenen Sound und dem der Co-Headliner.

Der Gitarrist mit dem platinblonden Haar und der weißen Gitarre liefert einen der atmosphärischsten Momente des Sets: umhüllt von aufsteigendem Nebel, von blauem Licht angestrahlt, wirkt das Bild fast wie ein Gemälde. Der Bassist wechselt zwischen konzentriertem Spiel in der Tiefhaltung und energischen Ausbrüchen an der Bühnenkante, Tattoos an den Unterarmen im Bühnenlicht blitzend.

Die Setlist balanciert geschickt zwischen neuem und bewährtem Material. „Crystalline” und „The Catalyst” repräsentieren das aktuelle Album, „Amaranthine” sorgt für den emotionalen Ruhepol, und „The Nexus” gehört ohnehin zum Grundvokabular jedes Amaranthe-Fans. „Call Out My Name” beschließt den regulären Teil, bevor die Band für eine dreiteilige Zugabe zurückkehrt. „Archangel” baut auf, „That Song” steigert weiter, und „Drop Dead Cynical” als Rausschmeißer lässt niemanden stillstehen.

Setlist Amaranthe: Fearless / Viral / Digital World / Damnation Flame / Maximize / Strong / Crystalline / The Catalyst / Chaos Theory / Amaranthine / The Nexus / Call Out My Name

Zugabe: Archangel / That Song / Drop Dead Cynical

Fazit

Drei Acts, drei Temperamente, ein Abend, der funktioniert. Die Arcane Dimensions Tour ist kein Paket, bei dem drei austauschbare Bands dasselbe Publikum bespaßen. Hier treffen unterschiedliche künstlerische Visionen aufeinander, die sich ergänzen statt zu wiederholen.

Charlotte Wessels eröffnet mit einer Intensität und Songwriting-Klasse, die weit über das hinausgeht, was man von einem Support-Slot erwartet. Epica bringen die Production Values und den theatralischen Überbau, gekrönt vom Gastauftritt bei „Sirens”. Amaranthe machen den Deckel drauf mit einer Show, die auf pure Energie und Zugänglichkeit setzt.

Wenn es einen Wermutstropfen gibt: Die Inselpark Arena war für diesen Abend etwas zu groß dimensioniert. Mit 2.000 bis 2.500 Besuchern und gesperrten Oberrängen fehlte etwas von der Dichte, die ein voll besetzter Club erzeugt hätte. Aber das ist Kritik an der Hallenwahl, nicht an den Bands.

Die Arcane Dimensions Tour zieht weiter nach Leipzig, Berlin und durch Skandinavien. Wer die Gelegenheit hat, sollte zugreifen.

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