
Unpolitisch gibt es nicht
„Ich bin kein tanzender Affe für eure Unterhaltung” – Warum Metal politisch sein muss
Lamb of God-Frontmann Randy Blythe rechnet mit der „Haltet euch raus”-Fraktion ab. Heaven Shall Burn machen seit Jahren vor, wie das in Deutschland aussieht. Und das neue Album „Into Oblivion” liefert den Soundtrack für eine Szene, die sich entscheiden muss. Ein Kommentar über Haltung, Feigheit und die Frage, ob Musik ohne Meinung überhaupt noch Metal ist.
Am 13. März erscheint „Into Oblivion”, das neue Studioalbum von Lamb of God, das erste seit vier Jahren. Zehn Songs, aufgenommen in Richmond, Virginia, in Mark Mortons Heimstudio und im legendären Total Access Studio in Redondo Beach, wo Black Flag, Hüsker Dü und die Descendents ihre Platten einspielten. Produziert hat wieder Josh Wilbur. So weit die Fakten, die jedes andere Magazin auch abdrucken wird.
Aber „Into Oblivion” ist mehr als ein neues Album einer Band, die seit über 30 Jahren zum Inventar des modernen Metal gehört. Es ist ein Statement. Und Randy Blythe sorgt dafür, dass es niemand überhören kann.
„Weil wir genau dorthin unterwegs sind”
So erklärt Blythe den Albumtitel. Das Album handele vom fortschreitenden Zusammenbruch des Gesellschaftsvertrags, vor allem in den USA. Dinge seien heute akzeptabel, die vor 20 Jahren noch für Entsetzen gesorgt hätten. Das ist keine PR-Floskel. Blythe meint das bitterernst.
Bereits im Januar veröffentlichte der Sänger auf seinem Substack-Newsletter „Randonesia” einen langen Essay mit dem Titel „All the Horrors Happening Around Us”. Darin kritisiert er die Trump-Regierung, die ICE-Operationen und das, was er als offenen moralischen Kollaps aller drei Regierungszweige beschreibt. Sein Fazit war unmissverständlich: Widerstand gegen Faschismus, keine Kooperation.
Wer jetzt denkt, das sei ein einmaliger Ausbruch gewesen, kennt Blythe nicht. In einem aktuellen Interview mit dem britischen Kerrang!-Magazin legte er nach. Auf die Frage, wie er auf Leute reagiert, die Musikern vorschreiben, sich aus der Politik rauszuhalten, antwortete er: Er sei amerikanischer Staatsbürger, Weltreisender und vor allem ein Mensch. Kein tanzender Affe, der zur Unterhaltung anderer existiere. Wer einen moralischen Kompass besitze, handle unverantwortlich, wenn er sein Recht zu sprechen nicht nutze.
Die „Shut up and play”-Lüge
Es ist eine Debatte, die so alt ist wie die Rockmusik selbst. Und sie flammt immer dann auf, wenn Künstler unbequeme Wahrheiten aussprechen. „Halt die Fresse und spiel” war schon die Antwort auf die Dixie Chicks, als sie sich 2003 gegen den Irak-Krieg stellten. Es war die Antwort auf Roger Waters, auf Rage Against the Machine, auf System of a Down.
Was daran so verlogen ist: Metal war nie unpolitisch. Black Sabbath schrieben „War Pigs” nicht als Partysong. Judas Priest kommentierten gesellschaftliche Zustände. Dead Kennedys, Napalm Death, Discharge – die gesamte Crossover- und Grindcore-Bewegung entstand aus politischer Wut. Und Lamb of God selbst? Die Band, deren Bassist John Campbell einmal sagte, sie seien „eine Punkband, die Heavy Metal spielt”, hat seit Jahrzehnten politische Texte geschrieben.
Die Forderung, Musiker sollten sich raushalten, kommt bezeichnenderweise immer dann, wenn die geäußerte Meinung nicht zur eigenen passt. Niemand beschwert sich, wenn Ted Nugent für Waffenrechte trommelt. Niemand fordert Schweigen, wenn Five Finger Death Punch patriotische Videos veröffentlicht. „Shut up and play” richtet sich fast ausschließlich gegen progressive Stimmen. Es ist keine Forderung nach Neutralität. Es ist eine Forderung nach Unterwerfung.
Die deutsche Lektion: Heaven Shall Burn und das Schweigen der anderen
Wer wissen will, wie politischer Metal funktioniert, ohne zur Karikatur zu werden, muss nicht über den Atlantik schauen. Heaven Shall Burn aus Saalfeld in Thüringen machen seit fast drei Jahrzehnten vor, wie das geht. Songs über Víctor Jara, Thomas Sankara und Primo Levi. Aufrufe gegen AfD-Parteitage. Auftritte beim „Jamel rockt den Förster”-Festival gegen Rechtsextremismus. Und ein Album namens „Heimat”, das den Begriff der Herkunft nicht den Rechten überlässt, sondern ihn zurückerobert.
HSB-Gitarrist Maik Weichert hat die deutsche Version der „Shut up and play”-Debatte in einem Musikexpress-Interview auf den Punkt gebracht: Wer ein Problem mit Antifaschisten im Metal habe, solle erst mal den Faschismus in der Szene abschaffen. Dann sei man Bands wie sie automatisch los. Antifaschismus sei eine Reaktion auf Faschismus, keine aufgezwungene Ideologie. Oder, wie er es gemeinsam mit Donots-Sänger Ingo Knollmann im Metal Hammer formulierte: Antifaschismus sei keine politische Agenda, sondern gesunder Menschenverstand.
Wer Heaven Shall Burn Anfang März auf der „Heimat Over Europe”-Tour erlebt hat – in Hamburg, Stuttgart, Köln oder einer der anderen ausverkauften Hallen – hat gesehen, was passiert, wenn eine Band Haltung nicht nur behauptet, sondern lebt. Die Donots-Kollaboration „Keinen Schritt zurück” als Statement gegen das Erstarken der extremen Rechten. Marcus Bischoff, der zwischen den Songs nicht über Merch redet, sondern über Verantwortung. Das ist kein Marketing. Das ist Überzeugung.
Und trotzdem: Heaven Shall Burn sind in der deutschen Metalszene eher die Ausnahme als die Regel. Während Kreator schon 1993 in Anti-Nazi-Shirts auf die Bühne kamen und Bands wie Neonschwarz die Schnittstelle zwischen Punk, Hip-Hop und politischem Bewusstsein besetzen, hüllen sich erschreckend viele deutsche Metal-Acts in diplomatisches Schweigen. Die Angst, einen Teil der Fanbase zu verlieren, wiegt schwerer als die Überzeugung, dass manche Dinge gesagt werden müssen.
Knollmann hat es treffend beschrieben: Es sei wohlfeil, auf der Bühne von „Unity” zu singen, sich abseits davon aber nicht zu äußern und in Grauzonen herumzutreiben. Das „United we stand” und „Fighting the world” der Metalszene ende nicht hinterm Zaun des Wacken Open Air.
Haltung ist kein Album-Zyklus
Was Blythe von vielen seiner Kollegen unterscheidet, und was ihn mit der HSB-Fraktion verbindet: Seine politischen Positionen sind nicht an einen Release-Zyklus gekoppelt. Er schreibt regelmäßig auf Substack, er hat sich bei Black-Lives-Matter-Protesten fotografieren lassen, er hat seine eigene Alkoholsucht öffentlich aufgearbeitet. Blythe lebt, was er predigt.
Und er verlangt nicht, dass man ihm zustimmt. In einem älteren Interview stellte er klar, dass er sich weder als liberal noch als konservativ definiere. Er sei in mancher Hinsicht durchaus konservativ. Was ihn antreibt, ist nicht Parteilinie, sondern das, was er als empirische Wahrheit bezeichnet.
Das ist der entscheidende Punkt. Es geht nicht darum, dass jede Metalband dieselbe politische Position vertreten muss. Es geht darum, dass Schweigen eine Entscheidung ist. Und dass diese Entscheidung Konsequenzen hat.
Blythe formuliert es drastischer als die meisten. Wer bereit sei, schwere Verbrechen zu verdrängen, weil es dem eigenen Konto nützen könnte, habe einen Teil seiner Menschlichkeit verloren. Das Geld könne man nicht mit ins Grab nehmen, aber die Erinnerung daran, schweigend mitgemacht zu haben.
Man muss nicht jedes Wort unterschreiben. Aber man sollte anerkennen, dass hier jemand spricht, der über 30 Jahre Bühnenerfahrung hat, der in Tschechien wegen Totschlags vor Gericht stand und freigesprochen wurde, der durch die Hölle der Sucht gegangen ist und trotzdem jeden Abend auf die Bühne steigt. Randy Blythe hat mehr erlebt als die meisten Kommentarspalten-Krieger, die ihm vorschreiben wollen, worüber er reden darf.
„Into Oblivion” als Soundtrack einer zerrissenen Zeit
Das Album selbst spiegelt diese Haltung wider. Songtitel wie „Parasocial Christ”, „The Killing Floor” oder „Devise/Destroy” deuten an, wohin die Reise geht. Blythe hat seine Vocals im Total Access Studio aufgenommen, bewusst an einem Ort, der für kompromisslose Musik steht. Mark Morton beschreibt den kreativen Prozess als befreit von Trends und Erwartungen. Es gehe nur darum, Musik zu machen, die sie selbst für gut halten.
Ab dem 17. März sind Lamb of God mit Kublai Khan TX, Fit for an Autopsy und Sanguisugabogg in Nordamerika unterwegs. Zum Release-Wochenende finden in über 140 unabhängigen Plattenläden Listening-Partys statt. Kein Sponsoring durch Streaming-Dienste, keine VIP-Packages für 500 Dollar. Musik für die Leute, die sie tragen.
Was das für die Szene bedeutet
Wir leben in einer Zeit, in der Armeen Popsongs für Propagandavideos kapern, in der Rap-Texte vor Gericht als Beweis für kriminelle Gesinnung missbraucht werden, in der Regierungen Kunst instrumentalisieren, um Gewalt zu normalisieren. In einer solchen Zeit ist die Frage „Darf Metal politisch sein?” nicht nur naiv. Sie ist gefährlich.
Die bessere Frage lautet: Kann es sich Metal leisten, unpolitisch zu sein?
Randy Blythe hat seine Antwort gegeben. Heaven Shall Burn haben sie seit fast 30 Jahren. Beide sind laut, beide sind deutlich. Die eine steht ab dem 13. März auf Platte. Die andere hallt noch durch die Hallen der „Heimat Over Europe”-Tour nach.
Bleibt die Frage, wie viele in der Szene den Mut haben, es ihnen nachzutun. Und wie viele lieber weiter schweigend headbangen und hoffen, dass sie niemand nach ihrer Meinung fragt.
„Into Oblivion” erscheint am 13. März 2026 via Century Media / Epic Records.




