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Wenn Fernsehhetze Konzerte killt

Satanic Panic am Bosporus: Wie ein TV-Sender Behemoth und Slaughter To Prevail aus Istanbul vertrieb

Am 10. Februar 2026 hätten Slaughter To Prevail im Zorlu Performing Arts Center auf der Turkcell-Bühne in Istanbul stehen sollen. Einen Tag später wären Behemoth gefolgt. Tickets waren verkauft, die Fans bereit. Doch stattdessen kam ein behördliches Verbot, das nicht nur die beiden Konzerte betraf, sondern sämtliche Veranstaltungen im gesamten Zorlu-Komplex für zwei volle Tage untersagte. Die offizielle Begründung: Die Events seien “unvereinbar mit den gesellschaftlichen Werten”.

Der eigentliche Auslöser: Akit TV und die Satanismus-Keule

Wer verstehen will, warum zwei Metal-Konzerte in einer Millionenmetropole behördlich verboten werden, muss den Blick auf den türkischen Sender Akit TV richten. Der regierungsnahe islamistische Broadcaster hatte in den Tagen vor den Konzerten gezielt Stimmung gegen beide Bands gemacht. Moderator Erkan Tan bezeichnete Slaughter To Prevail in einer Sendung als Band, die “Satanismus predigen und jungen Menschen den Glauben rauben”. Behemoth wurden als “offensichtlich religionsfeindlich mit ihrer satanischen Kleidung” dargestellt. Damit war die Kampagne lanciert, und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Der Gouverneur von Istanbul, Davut Gül, lieferte die politische Rückendeckung. Gül, formal parteilos, aber der AKP-Regierung unter Erdogan loyal ergeben, erklärte öffentlich: Man habe in Istanbul noch nie Aktivitäten erlaubt, “die die Gesellschaft korrumpieren” – und werde das auch künftig nicht tun. Das Gouverneursbüro berief sich auf das türkische Versammlungsgesetz und erliess ein pauschales Zweitagesverbot. Nicht einmal ein Treffen mit Fans war möglich: Alex Terrible berichtete, sein Vorschlag eines kleinen Meet-and-Greets sei mit dem Hinweis abgelehnt worden, das wäre “zu gefährlich”.

Zwei Bands, zwei völlig verschiedene Geschichten

Was an der ganzen Sache besonders absurd ist: Slaughter To Prevail und Behemoth könnten in ihrer Beziehung zu Religion kaum unterschiedlicher sein.

Behemoth-Frontmann Nergal ist bekennender Satanist und hat über Jahrzehnte hinweg bewusst religiöse Provokation zu seinem künstlerischen Markenzeichen gemacht. Er zerriss 2007 eine Bibel auf der Bühne im polnischen Gdynia, trat öffentlich auf ein Marienbild, schwenkte einen Holzphallus mit Kruzifix und bezeichnete die katholische Kirche als “mörderischsten Kult des Planeten”. Die polnische Justiz hat ihn dafür mehrfach vor Gericht gezerrt – und er wurde jedes Mal freigesprochen oder die Verfahren wurden eingestellt. Die Europäische Kommission bestätigt 2012 sogar sein Recht auf künstlerische Meinungsfreiheit. Nergal kennt das Spiel mit religiös motivierter Behördenwillkür also bestens – in der Türkei traf ihn nur eine neue Variante des immer gleichen Musters.

Slaughter To Prevail hingegen sind schlicht eine Deathcore-Band mit brutaler Ästhetik. Sänger Alex Terrible wehrt sich vehement gegen die Satanismus-Vorwürfe. Er betonte in einem Video, er glaube persönlich an Gott. Gitarrist Jack Simmons trage bei Auftritten ein orthodoxes Kreuz auf der Brust. Mit trockenem Humor merkte Terrible an, er persönlich werde nach seinem Tod “nach Walhalla gehen”, während sein Gitarrist “wahrscheinlich in die Hölle kommt, weil er orthodoxer Christ ist”. Der Appell an die türkischen Fans war respektvoll, aber klar: “Nennt mich nicht satanisch.”

Für Akit TV spielte das freilich keine Rolle. Wer Monster-Masken trägt und Breakdowns spielt, ist in deren Weltbild automatisch ein Agent des Teufels. Differenzierung gehört nicht zum Sendeformat.

Behemoths Statement: Enttäuscht, aber kämpferisch

Behemoth reagierten einen Tag nach dem Verbot mit einem ausführlichen Statement. Darin bestätigten sie, alle Möglichkeiten ausgeschöpft und intensive Gespräche mit den örtlichen Behörden geführt zu haben – vergeblich. Die Band betonte, dass Musik keine Bedrohung darstelle, sondern dass es vielmehr beunruhigend sein sollte, wenn Musik zum Schweigen gebracht werde. An die türkischen Fans gewandt schrieben sie, die Türkei habe einige der leidenschaftlichsten und engagiertesten Fans der Welt, und man hoffe, eines Tages ohne Einmischung zurückkehren zu können. Das letzte Behemoth-Konzert in Istanbul hatte 2019 in der Volkswagen Arena stattgefunden – damals ohne jegliche Vorfälle.

Istanbul: Europas neue Konzertverbotszone?

Die Absagen stehen nicht isoliert da. Die Türkei hat sich in den vergangenen Monaten zu einem zunehmend unberechenbaren Pflaster für internationale Künstler entwickelt:

Im Oktober 2025 wurden Morrisseys geplante Auftritte in Istanbul und Ankara abgesagt, nachdem ein altes Video aufgetaucht war, in dem er bei einem Konzert 2012 in Tel Aviv eine israelische Flagge trug. Die Empörung in den sozialen Medien führte zur Stornierung – ein Muster, das sich auch bei Behemoth und Slaughter To Prevail wiederholte.

Muse verschoben im April 2025 ihren Istanbul-Auftritt, nachdem Fans und Künstler wegen der Nähe des Konzertveranstalters DBL Entertainment zur Erdogan-Regierung protestiert hatten. Der DBL-Chef hatte Demonstranten, die nach der Verhaftung von Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu auf die Straße gegangen waren, als Landesverräter bezeichnet.

Auch Robbie Williams traf es – sein Istanbul-Konzert wurde aus Sicherheitsbedenken abgesagt, denen ebenfalls politisch motivierte Proteste vorausgegangen waren.

Das Muster ist dabei jedes Mal ähnlich: Eine gezielte Kampagne in sozialen oder traditionellen Medien erzeugt künstliche Empörung, die Behörden greifen den vermeintlichen Volkswillen auf und verbieten präventiv. Ob die tatsächliche Mehrheit der Bevölkerung hinter diesen Forderungen steht, wird nie überprüft. Die verkauften Tickets – der wohl konkreteste Beweis für Nachfrage – spielen keine Rolle.

Slaughter To Prevail: Zwischen allen Stühlen

Für Slaughter To Prevail ist die Absage in Istanbul nicht die einzige politisch aufgeladene Kontroverse der letzten Wochen. Nur elf Tage zuvor, am 30. Januar, hatten schwedische Politiker versucht, das Stockholmer Konzert der Band zu verhindern. Das Nordic Ukraine Forum forderte die Absage und verwies auf die russischen Wurzeln der Band, auf Merchandise mit dem russischen Staatswappen und auf angebliche Verbindungen zu russischer Propaganda. Stockholms Finanzstadträtin Karin Wanngaard äußerte persönliche Bedenken, der Stockholmer Oppositionspolitiker Christofer Fjellner nannte den Auftritt “unangebracht”. Das Konzert fand am Ende dennoch statt.

Alex Terrible sitzt damit zwischen sämtlichen Stühlen: In Schweden ist er zu russisch, in der Türkei zu satanisch, obwohl er weder ein Propagandist Putins noch ein Anbeter Satans ist. Die Band, die sich primär durch musikalische Brutalität und theatralische Bühnenshow definiert, wird zum Spielball geopolitischer und religiöser Empfindlichkeiten – eine Ironie, die in der Deathcore-Szene ihresgleichen sucht.

Kunstfreiheit unter Druck: Ein Muster, das über Metal hinausgeht

Die Vorgänge in Istanbul sind keine isolierte Metal-Angelegenheit. Sie sind symptomatisch für eine globale Entwicklung, in der Kunstfreiheit zunehmend unter Druck gerät – nicht durch explizite Gesetze, sondern durch die Mechanik öffentlicher Empörung und politischer Gefälligkeiten.

In der Türkei wird diese Dynamik durch die Verflechtung von Religion, Nationalismus und autoritärer Machtpolitik besonders toxisch. Akit TV muss keine staatliche Anordnung zum Hetzen haben. Es reicht, das richtige Feindbild zu wählen, und der Gouverneur erledigt den Rest mit einem Verweis auf “gesellschaftliche Werte” – ein Begriff so dehnbar wie nützlich.

Behemoth kennen dieses Spiel aus Polen, wo Nergal seit fast zwei Jahrzehnten immer wieder mit Blasphemie-Klagen konfrontiert wird. Der Unterschied: In Polen gibt es unabhängige Gerichte, die ihn regelmäßig freisprechen. In der Türkei unter Erdogan ist der Rechtsweg künstlerische Fiktion.

Für Metal-Fans bleibt die bittere Erkenntnis, dass ihre Musik in Teilen der Welt nicht nur missverstanden, sondern aktiv als Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung instrumentalisiert wird. Die Satanic Panic, die man aus den USA der 1980er-Jahre kennt, hat am Bosporus ein neues Zuhause gefunden – und sie trägt diesmal einen Presseausweis.

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