
Szene-Tipp
Nicht authentisch, sondern phantastisch: Das MPS zieht auch 2026 wieder durch Deutschland
Das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum geht in diesem Jahr in seine mittlerweile über 30. Saison. Was 1994 auf einem Schützenfest in Drensteinfurt begann, ist längst zum grössten reisenden Mittelalter-Festival der Welt gewachsen. Neun Termine, über tausend Mitwirkende, ein brandneues Retro-Format und für uns in der Lüneburger Heide ein Pflichttermin im September: die “Fette Heide” in Luhmühlen. Aber Vorsicht: Wer beim MPS nur an Bands denkt, versteht nur die Hälfte. Zwischen Heerlagern, Ritterturnieren, 140 Marktständen und einem Met in der Hand entsteht hier eine eigene Welt. Wir erklären, warum das auch für Fans härterer Gangart einen Besuch wert ist.
Über 30 Jahre “Der Drache Daselbst”
Die Geschichte des MPS ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Gisbert Hiller, von allen nur “Gisi” genannt. Der gebürtige Drensteinfurter besuchte 1993 einen Mittelaltermarkt zum Jubiläum des örtlichen Schützenvereins und war sofort Feuer und Flamme. Gemeinsam mit Johannes Faget von Fogelvrei Produktionen und Frank Breburda von Schwartenhals Produktionen entstand das Konzept für das erste Mittelalterlich Spectaculum, das 1994 unter Gisis alleiniger Veranstaltungsverantwortung Premiere feierte.
Von Anfang an setzte er dabei auf ein Prinzip, das bis heute das MPS definiert: Es geht nicht um historische Korrektheit, sondern um Fantasie, Gemeinschaft und Erlebnis. Gisi investierte in den Anfangsjahren aktiv in den Aufbau der Heerlager-Szene und bot den damals noch wenigen Gruppen sogar Geld für ihre Teilnahme. Aus dieser Aufbauhilfe ist eine Bewegung entstanden, die heute Hunderte von Reenactment-Gruppen umfasst, von denen viele dem MPS quer durch Deutschland hinterherreisen.
2008 wurde aus dem Mittelalterlich Spectaculum das Mittelalterlich Phantasie Spectaculum, komplett mit Drachen-Logo und dem Leitspruch, der seitdem alles zusammenfasst: “Seit 1994. Nicht authentisch, sondern phantastisch.” Das öffnet bewusst die Tore für die Fantasy-, Gothic- und LARP-Szene, die auf dem MPS genauso willkommen ist wie der geschichtsbewusste Reenactor im Kettenhemd. Orks neben Kreuzrittern, Steampunk neben Sackpfeifen: Genau diese Offenheit macht das MPS aus.
Mehr als ein Musikfestival: Was das MPS eigentlich ist
Wer das MPS noch nie besucht hat und nur die Band-Ankündigungen kennt, bekommt ein schiefes Bild. Das Festival besteht aus zwei Welten, die in Luhmühlen sogar räumlich und preislich getrennt sind: dem Markt-MPS und dem Musik-MPS. Und für viele Stammbesucher ist der Markt das eigentliche Herzstück.
Die Heerlager sind das lebende Fundament des MPS. Dutzende Gruppen campieren auf dem Gelände in mittelalterlicher Art und gewähren Besuchern Einblick in das Leben des 13. Jahrhunderts. In Luhmühlen sind es rund 60 Heerlager, in Rastede ebenfalls. Diese Gruppen sind keine bezahlten Statisten, sondern Communities mit eigenem Ehrenkodex, eigener Geschichte und oft jahrzehntelanger Zugehörigkeit zum MPS. Sie organisieren Umzüge, nehmen am Pestumzug teil und treten beim Bruchenball-Turnier gegeneinander an, einer mittelalterlichen Ballsportart, die zum festen MPS-Inventar gehört.
Die Ritterturniere gehören zu den spektakulärsten Programmpunkten: Berittene Kämpfe mit Lanzen und Schwertern, Schaukämpfe der Fechtkampfgruppe Fictum zu Fuss und Turniere auf dem Kampfplatz, mehrmals täglich. In Luhmühlen finden diese auf dem Turniergelände statt, das ursprünglich für Pferdesport-Wettkämpfe errichtet wurde und dem MPS damit eine authentische Arena bietet.
Der Markt selbst ist ein eigenes Universum: Über 100 Stände mit Handwerkern, Schmieden, Lederarbeitern, Schwertschmieden, Gewandungsschneidern und Schmuckhändlern. Wer will, kann sich hier komplett neu einkleiden. Dazu kommen Tavernen mit Met, Beerenwein und deftiger Kost. Eine Besonderheit des MPS ist das Goldtaler-System: Eigens geprägte Münzen dienen als Zahlungsmittel auf dem Markt, ein Goldtaler entspricht einem Euro. Wie Gisi auf der MPS-Website formuliert: Die wahren Edelleute zahlen mit Gold, der Pöbel mit dem schnöden Euro.
Die Gewandungskultur hat sich über die Jahre zu einem eigenen Phänomen entwickelt. Beim MPS in Bückeburg 2025 versammelten sich rund 400 gewandete Besucher für ein spontanes Gruppenfoto auf der Mausoleumswiese, das anschliessend in den sozialen Medien viral ging. Es gibt Gewandungsprämierungen, und das Spektrum reicht von historisch akkuraten Darstellungen über Fantasy-Cosplay bis hin zu aufwändigen Ork- und Elfenkostümen. Das MPS fördert diese Kultur aktiv, anstatt sie in eine bestimmte Richtung zu lenken: Der Leitspruch “nicht authentisch, sondern phantastisch” ist hier gelebte Praxis.
Die Saison 2026: Neun Termine von April bis September
Das MPS tourt 2026 wieder quer durch Deutschland. Hier der Überblick:
Bad Säckingen / 25. + 26. April 2026 / Saisonauftakt am Hochrhein
Rastede / 14. bis 17. Mai 2026 / Vier Tage im Schlosspark, zum 28. Mal am Standort, mit sechs Bühnen, 140 Marktständen und 60 Heerlagern
Retro MPS Gut Emkendorf / 23. bis 25. Mai 2026 (Pfingsten) / Das erste Retro MPS überhaupt (dazu gleich mehr)
Bückeburg 1 / 25. + 26. Juli 2026
Bückeburg 2 / 01. + 02. August 2026
Weil am Rhein / 14. bis 16. August 2026
Speyer / 22. + 23. August 2026
Luhmühlen / 04. bis 06. September 2026 / Die “Fette Heide” in der Westergellerser Heide
Retro MPS Borken / 26. + 27. September 2026 / Saisonabschluss im neuen Retro-Format
Das Retro MPS: Zurück zu den Wurzeln
Die vielleicht spannendste Neuerung der Saison 2026 ist das Retro MPS. An Pfingsten feiert das Format auf dem historischen Gut Emkendorf in Schleswig-Holstein Premiere, einem Rittergut, das auf das Jahr 1190 zurückgeht. Ende September folgt ein zweiter Retro-Termin in Borken. Ab 2027 soll das Format auf weitere Standorte in ganz Deutschland ausgeweitet werden.
Das Konzept ist eine bewusste Gegenbewegung zum immer grösser werdenden Hauptprogramm und liest sich wie ein Manifest: Keine Mega-Bands, keine riesigen Bühnenanlagen, keine Pyrotechnik, keine Geländetrennung. Stattdessen kleine stimmungsvolle Bands, Gaukler, Barden, Musikduos, Lagerfeuer, Feuershows und vor allem eines: Atmosphäre. Statt Stahlrohrbühnen gibt es zwei kleine Bühnen aus Holz und Tuch. Statt Heavysaurus kommen Zauberer, Narren und Geschichtenerzähler für die Kinder. Das Retro MPS setzt gezielt auf das, was viele Besucher als den eigentlichen Geist des MPS empfinden: das Gemeinschaftserlebnis am Lagerfeuer, die Nähe zu den Heerlagern, die Mitmachkultur.
Die Eintrittspreise sind entsprechend niedrig angesetzt: Wochenendkarten kosten 28 Euro (Kinder 14 Euro), Tageskarten die Hälfte. Wer das mit den Samstagspreisen der grossen MPS-Termine vergleicht, sieht sofort, dass hier ein anderes Modell gefahren wird.
Für alle, die sich manchmal fragen, ob die Mittelalterszene den gleichen Gigantismus-Problemen entgegensteuert wie die Mainstream-Festivalbranche, ist das Retro MPS eine erfrischend ehrliche Antwort: Das geht auch kleiner, intimer, persönlicher. Gisi hat die Nachfrage aus der Community gehört und liefert.
Warum Luhmühlen der Termin für den Norden ist
Für alle aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein gibt es seit dem Ende des MPS in Hamburg-Öjendorf 2018 nur noch einen Anlaufpunkt: die “Fette Heide” in Luhmühlen. Auf dem Turniergelände in der Westergellerser Heide bei Salzhausen entsteht jedes Jahr Anfang September ein Paralleluniversum zwischen Heidekraut und Heerlagern.
Die Musik
Das Lineup 2026 kann sich sehen lassen. Am Freitagabend übernehmen Subway to Sally und Feuerschwanz die Musikarena, flankiert von Haggefugg und den Warkings. Der Samstag gehört dann Saltatio Mortis, d’Artagnan, Versengold und Mr. Hurley & Die Pulveraffen. Auf der Marktbühne spielen parallel Acts wie die schottischen Saor Patrol, die niederländischen Rapalje, die Ye Banished Privateers und Duivelspack.
Dass viele dieser Bands jedes Jahr wiederkommen, ist kein Zufall. Acts wie Saltatio Mortis sind buchstäblich auf den MPS-Marktbühnen gross geworden und pflegen seit Jahrzehnten enge persönliche Verbindungen zu Gisbert Hiller und der MPS-Community. Feuerschwanz, Versengold und Mr. Hurley & Die Pulveraffen sind ähnlich tief verwurzelt. Das MPS ist für sie kein beliebiger Festivalstopp, sondern ein Heimspiel.
Wer denkt, dass Mittelalter-Rock und die härtere Szene nichts miteinander zu tun haben, kennt Subway to Sally und Saltatio Mortis schlecht. Die Grenzen zwischen Mittelalter-Rock, Folk-Metal und klassischem Heavy Metal sind längst fliessend. Feuerschwanz covern Manowar und Amon Amarth, Saltatio Mortis haben mit Blind Guardian zusammengearbeitet, und die Warkings vereinen Power Metal mit historischen Kriegerfiguren. Das MPS ist für viele Metalheads längst ein fester Bestandteil des Festivalkalenders, auch wenn es offiziell kein Metal-Festival ist.
Jenseits der Bühne
Am Sonntag gehört Luhmühlen ganz dem Markttreiben. Über 100 Stände, Ritterturniere auf dem Turnierplatz, die spektakuläre Feuershow von Danse Infernale am Samstagabend und ein breites Programm für Familien. Gaukler wie Bagatelli und Narrenkai ziehen zwischen den Ständen umher, die Skyhunters Frechen zeigen ihre Greifvogel-Show, und die Pantao Windpferde bringen mit ihren Pferdevorführungen eine ganz eigene Atmosphäre aufs Gelände. Heavysaurus sorgen am Sonntag dafür, dass auch der Metal-Nachwuchs auf seine Kosten kommt, während Orlando von Godenhaven und die Heilige Dreischeusslichkeit mit ihrer Märchenstunde das jüngere Publikum bedienen.
Wer das volle MPS-Erlebnis will, kommt mit Gewandung. Die Heide-Atmosphäre in Luhmühlen, die ohnehin schon etwas Zeitloses hat, verwandelt sich dann vollständig. Und wer keine eigene Gewandung besitzt, findet auf dem Markt alles, was das Herz begehrt: von der einfachen Tunika bis zur kompletten Plattenrüstung.
Camping als Erlebnis
Die Campsites in Luhmühlen öffnen bereits am Mittwoch vor dem Festival und schliessen erst am Montag danach. Für viele Stammbesucher ist das mehrtägige Camping mit Gleichgesinnten mindestens so wichtig wie das eigentliche Programm. Die Abende auf den Campsites, an denen Met und Beerenwein die Runde machen und spontane Musiker am Lagerfeuer spielen, werden in der Community oft als das eigentliche Highlight beschrieben. Dass in Luhmühlen Glasflaschen erlaubt sind, was auf praktisch keinem anderen Festival in Europa der Fall ist, unterstreicht die besondere Vertrauenskultur zwischen Veranstalter und Publikum.
Preise und Öffnungszeiten Luhmühlen 2026
Öffnungszeiten:
Musikarena: Freitag 15:30 bis 24:00 Uhr, Samstag 13:00 bis 24:00 Uhr
Markt: Freitag geschlossen, Samstag 11:00 bis 24:00 Uhr, Sonntag 11:00 bis 19:00 Uhr
Preise Musikarena (ohne Markt):
Freitag: 44 Euro (7 bis 14 Jahre: 22 Euro, unter 7: kostenlos)
Samstag: 72 Euro (7 bis 14 Jahre: 36 Euro)
Kombi-Ticket (Markt + Musik):
Samstag: 92 Euro (7 bis 14 Jahre: 46 Euro)
Nur Markt:
Samstag: 28 Euro / Sonntag: 24 Euro
Camping: Ab 10 Euro für die gesamte Dauer (Mittwoch bis Montag). Die Campsite-Einnahmen fliessen direkt in Hillers Hilfsprojekte.
Mehr als ein Festival: Das soziale Engagement
Was das MPS von vielen kommerziellen Grossveranstaltungen unterscheidet, ist das persönliche Engagement seines Gründers. Gisbert Hiller betreibt seit Jahren die “MPS Simbabwe Hilfe”, ein Projekt, das in dem afrikanischen Land Schulen und Buschkliniken renoviert, Trinkwasserbrunnen bohrt und Community-Gärten anlegt.
Neu in Luhmühlen 2026: Die bisherige kostenlose Campsite wird durch eine 10-Euro-Campsite ersetzt. Klingt erstmal nach Preiserhöhung, ist aber das Gegenteil von Geldmacherei: Die gesamten Einnahmen gehen an deutsche Tierheime und an das Simbabwe-Hilfsprojekt. Das ist in einer Festivallandschaft, in der Camping-Gebühren gerne mal dreistellig werden und direkt beim Veranstalter landen, ein bemerkenswertes Zeichen.
Ebenfalls erwähnenswert: Rollstuhlfahrer und ihre Begleitpersonen (mit B im Ausweis) haben auf allen MPS-Veranstaltungen kostenlosen Eintritt. Gäste mit Handicap-Ausweis ab 50 Prozent erhalten 50 Prozent Ermässigung. Keine Sonderregelungen, keine Anträge, keine Bürokratie. Das könnte sich so manche Arena-Show in Hamburg zum Vorbild nehmen.
MPS vs. andere Mittelalter-Events: Was ist anders?
Wer sich in der deutschen Mittelalterszene umschaut, stösst auf viele Anbieter. Die Fogelvreien veranstalten ihre eigene Reihe von Märkten und Turnieren, das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig hat einen bedeutenden Mittelaltermarkt, und kleinere regionale Events wie das Anno 1280 in Gütersloh setzen auf historische Authentizität.
Das MPS unterscheidet sich davon durch seinen konsequent phantastischen Ansatz. Es geht nicht darum, das 13. Jahrhundert möglichst exakt nachzustellen, sondern darum, eine Erlebniswelt zu schaffen, in der sich unterschiedlichste Subkulturen treffen. Das hat dem MPS in über 30 Jahren eine Community beschert, die deutlich breiter aufgestellt ist als die klassische Reenactment-Szene: Mittelalter-Enthusiasten stehen neben LARP-Spielern, Metalheads neben Familien mit Kindern, Cosplayer neben Hobbyhistorikern.
Mit dem neuen Retro-Format zeigt Gisbert Hiller gleichzeitig, dass er sein Publikum kennt: Nicht alle wollen das volle Programm mit Mega-Bühnen und fünfstelligen Besucherzahlen. Manche wollen einfach nur ein Wochenende am Lagerfeuer, mit guter Musik, guten Leuten und einem Met in der Hand.
Wer sich ein Ticket sichern will: Der Vorverkauf läuft bereits über spectaculum.de. Angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre lohnt es sich, nicht zu lange zu warten. Besonders die Campsite-Plätze direkt am Gelände sind heiss begehrt.
Alle Infos: spectaculum.de
MPS auf Instagram: @mps_offiziell




