
25 Jahre Take Off Your Pants and Jacket
Drei Cover, ein Peniswitz und der erste Punk-Nummer-eins der Geschichte
Im Sommer 2001 schoben drei Kalifornier mit einem Album, dessen Titel ein Masturbationswitz ist, den ersten Punkrock-Nummer-eins durch die Billboard-Charts. Heute, exakt 25 Jahre später, bringt Blink-182 ihr viertes Album noch einmal heraus. Eine Erinnerung an eine Platte, die albern sein wollte und nebenbei eine Schranke einriss.
Wer 2001 alle Songs von “Take Off Your Pants and Jacket” haben wollte, musste dreimal zahlen. Blink-182 pressten ihr viertes Album in drei Varianten, für die erste Million CDs. Unterscheiden konnte man sie nur am Aufkleber, einem roten Flugzeug, einer gelben Hose, einer grünen Jacke. Hinter jedem Motiv steckten zwei andere Bonustracks. “Time to Break Up” und “Mother’s Day” gab es nur zum Flugzeug, “When You Fucked Grandpa” nur zur Jacke. Die Idee hatten sie sich bei NOFX abgeschaut, deren “Punk in Drublic” schon je nach Tonträger andere Songs trug. Ein Sammlertrick, ein Insiderwitz, eine Frechheit gegenüber dem eigenen Publikum. Sehr Blink.
Der Titel passte dazu. “Take Off Your Pants and Jacket”, schnell gesprochen ergibt das “take off your pants and jack it” – zieh die Hose aus und leg los. Der Legende nach soll Gitarrentechniker Larry Palm den Namen aufgeschnappt haben, als eine Mutter ihr klatschnasses Kind aufforderte, in der Lodge endlich Hose und Jacke auszuziehen. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand so genau. Sie klingt nach Blink-182, und das war Empfehlung genug.
Der Druck nach dem Durchbruch
Hinter dem Albernen lag echter Stress. Zwei Jahre zuvor hatte “Enema of the State” das Trio aus Poway bei San Diego vom Skatepark-Punk zur Multiplatin-Band gemacht. “All the Small Things” lief in jeder Mall des Planeten. Der Nachfolger sollte das wiederholen, und alle drei zogen in eine andere Richtung. Tom DeLonge wollte die Gitarren dreckiger und härter. Travis Barker, der erst seit “Enema” am Schlagzeug saß, schob Hip-Hop und Metal in seine Parts. Mark Hoppus wollte die eingängige Formel halten, die gerade funktioniert hatte. Hoppus hat später erzählt, sie hätten bei Streits zwischendurch die Räume verlassen müssen, um sich abzukühlen.
Produziert wurde wieder von Jerry Finn, dem Mann hinter Green Day und Rancid, über rund drei Monate Ende 2000 und Anfang 2001, der Löwenanteil im Signature Sound Studio in San Diego. Barker trommelte seine Spuren teils separat in Los Angeles ein. Dazu kam das Label. MCA drückte auf den Termin, weil die Platte in ein bestimmtes Quartal sollte. DeLonge erinnerte sich, der MCA-Präsident habe die Band “um einen obszönen Betrag” abgestraft, weil das Album nicht rechtzeitig fertig wurde. Das Ergebnis war ein Album mit zwei Gesichtern, glatte Hits neben düsteren, ernsteren Stücken.
Ein Sommerhit aus Trotz
Die Single, die alles trug, entstand angeblich aus Genervtheit. Der Manager fand, der ersten Albumfassung fehle ein griffiger Sommerhit, also schrieben Hoppus und DeLonge aus Trotz den möglichst billigsten, eingängigsten Wegwerf-Song, den sie hinbekamen. Hoppus soll “The Rock Show” in zehn Minuten geschrieben haben. Der Trotz-Song kletterte auf Platz zwei der Modern-Rock-Charts und wurde zum Motor des ganzen Albums. “First Date”, inspiriert von DeLonges erstem Date mit seiner späteren Frau, folgte auf Platz sechs. “Stay Together for the Kids”, DeLonges Verarbeitung der Scheidung seiner Eltern, landete ebenfalls in den Modern-Rock-Top-Ten und gab dem Spaß-Trio eine Tiefe, die viele ihm nicht zugetraut hatten.
Am 12. Juni 2001 erschien das Album bei MCA. In der ersten Woche gingen 350.000 Stück über den Ladentisch, genug für Platz eins der Billboard 200. Das war neu. Vor Blink-182 hatte es keine Punkrock-Platte direkt an die Spitze der US-Albumcharts geschafft. Eine Band, die Witze über Körperteile machte und ihre Songs nach Sex mit Großeltern benannte, stand plötzlich da, wo sonst Mariah Carey und Eminem standen. Laut späteren Angaben verkaufte sich das Album weltweit über 14 Millionen Mal. Die RIAA zertifizierte es im Mai 2002.
Der Anfang vom ersten Ende
Die Kritik war geteilt, und das blieb sie. Manche feierten die ungeschützte Direktheit, mit der die Band über Pubertät, Eltern und Liebeskummer sang. Andere hörten Formel und Kalkül. Beides lag nicht weit auseinander, denn das Album war beides. Es war der Sound einer Band, die erwachsen werden wollte, ohne den Witz abzulegen.
Genau dieser Riss zwischen albern und ernst wurde am Ende zum Problem. Nachdem die Anschläge vom 11. September die Tour stoppten, zog DeLonge mit Box Car Racer in eine härtere Richtung – 2002, mit Barker am Schlagzeug, aber ohne Hoppus. Das Misstrauen, das daraus wuchs, trug Jahre später zur ersten Trennung der Band bei. “Take Off Your Pants and Jacket” steht damit am Scheitelpunkt, das letzte rein verspielte Blink-Album, bevor es kompliziert wurde.
Zum 21. Geburtstag der Platte fasste Hoppus das Verhältnis zu ihr in einem Satz, der die ganze Band enthält. “Happy 21st TOYPAJ, you little freak”, schrieb er. “First punk rock album ever to go #1 on the @billboard charts. You were so much fun to write and record and tour.” DeLonge legte trocken nach, man habe Dickies getragen und den ganzen Mist vor Jahren mit cool gemacht.
Heute, am 25. Jahrestag, bringt die Band das Album noch einmal heraus, diesmal über Geffen, mit sechs Bonustracks, die sie scherzhaft “boner tracks” nennt. Es sind exakt jene sechs Stücke, die 2001 auf drei Cover verteilt waren. Wer sie damals alle wollte, kaufte dreimal. Wer sie heute will, kauft einmal. Nach 25 Jahren stehen rotes Flugzeug, gelbe Hose und grüne Jacke zum ersten Mal auf einer einzigen Platte zusammen.




