Vom Verfassungsschutz-Bericht auf Platz eins

Feine Sahne Fischfilet: 20 Jahre, Open Air in Rostock 2026

Irgendwann brachten sie dem Verfassungsschutz einen Präsentkorb vorbei. Essen, Trinken, Bockwürste, dazu die neue CD. Eine kleine Dankesgeste an die Behörde, die in ihrem Jahresbericht mehr Platz für eine Punkband aus der vorpommerschen Provinz gefunden hatte als für so manche andere Sache, die deutlich gefährlicher war. Wer Feine Sahne Fischfilet verstehen will, kann hier anfangen: bei einer Band, die staatlichem Misstrauen nicht mit Wut allein begegnet, sondern mit Wurst und Humor.

Zwei Jahrzehnte später feiern sie sich selbst. Am Samstag, dem 18. Juli 2026, spielen Feine Sahne Fischfilet auf der IGA Parkbühne in Rostock ein großes Jubiläumskonzert, ihr einziges eigenes Open Air in diesem Jahr. Das Motto: “So lange wir leben, so viel wie geht”. Es soll kein einzelner Abend werden, sondern ein ganzes Wochenende, mit Aktionen an besonderen Orten rund um die Stadt. “Ein Geburtstagswochenende an der Ostsee, mitten im Sommer, mehr geht nicht”, schreibt die Band in ihrer Ankündigung.

Raus aus Vorpommern

Angefangen hat alles 2004, in einer Ecke der Republik, in der eine linke Punkband nicht gerade auf offene Türen stieß. Sänger Jan “Monchi” Gorkow ist seit 2006 dabei, geholt von Bassist Kai. Die Romantik der Bandgründung hielt sich in Grenzen. “Unser Traum war es, raus aus Vorpommern zu kommen”, erinnerte sich Gorkow in einem Interview von 2018. “Unser Bassist Kai hat mich damals auf dem Schulhof angequatscht, ob ich in seiner Punk-Band spielen möchte. Wenn er mich damals gefragt hätte, ob ich HipHop machen will, hätte ich HipHop gemacht.”

MP Big 2

Aus dem Schulhof-Angebot wurde eine der streitbarsten Bands des Landes. Über Jahre tourten sie durch die Republik, spielten gefühlt jedes autonome Jugendzentrum, das sie kriegen konnten. Der erste größere Hit, “Komplett im Arsch”, lief schon lange live, bevor er auf Platte erschien.

Eine Schweinebehörde und ihre Liste

Was den Aufstieg begleitete, war die Aufmerksamkeit des Staates. 2011 widmete der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern der Band rund zwei Seiten seines Berichts und attestierte ihr eine “explizit anti-staatliche Haltung”. Die Band klagte gegen die Listung, verlor zunächst die Eilverfahren, errang später aber auch juristische Erfolge. Die Episode zieht sich über Jahre, und sie hat die Außenwahrnehmung der Band geprägt wie kaum etwas anderes.

Gorkow hat dafür klare Worte gefunden. “Die Enthüllungen der vergangenen Monate haben gezeigt, was der Verfassungsschutz für eine Scheißbehörde ist”, sagte er 2018. Und weiter: Wenn ein Verfassungsschutzbericht über eine Punkband mehr schreibe als über alle Nazibands des Bundeslandes zusammen, ja mehr als über den NSU, der in Rostock Mehmet Turgut ermordet hatte, dann wisse man, was man von dieser Behörde zu halten habe. Der Präsentkorb war die Antwort darauf, die besser zur Band passt als jede Pressemitteilung.

Chemnitz, und was Musik kann

Im September 2018 stand die Band an einem Punkt, an dem ihre Haltung plötzlich bundesweit gefragt war. Nach den rechten Ausschreitungen in Chemnitz organisierte die dortige Band Kraftklub das Konzert “Wir sind mehr”, und Feine Sahne Fischfilet wurde zur treibenden Kraft dahinter. Gorkow rief nachts bei Campino an, am nächsten Nachmittag hatten die Toten Hosen zugesagt. Rund 65.000 Menschen kamen am 3. September nach Chemnitz.

Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Konzert teilte, brachte der Band den Vorwurf der Linksradikalität von der einen und den der staatlichen Vereinnahmung von der anderen Seite ein. Gorkow blieb nüchtern: Niemand habe geglaubt, mit einem Konzert die Welt zu retten. “Es kann vielleicht ein Anfang sein”, sagte er. Schon vorher hatte die Band gezeigt, wie sie sich Engagement vorstellt, etwa 2016 in Anklam, wo sie gemeinsam mit Marteria und einem überraschend dazugestoßenen Campino vor 2.000 Leuten spielte, mitten in einer Region mit verfestigter Nazi-Szene.

Der Mut hatte einen Preis. Buttersäureanschläge auf den Proberaum, Morddrohungen nach Chemnitz, all das gehörte laut Gorkow zum Alltag. Zum Opfer machen wollte er die Band trotzdem nie. Andere in der Provinz, sagte er, treffe es härter und ohne jede Öffentlichkeit.

Die Band, die einfach Feine Sahne Fischfilet ist

Mit dem Filmemacher Charly Hübner und seinem Co-Regisseur Sebastian Schultz bekam die Geschichte 2017 ihre Dokumentation. “Wildes Herz” feierte beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig Premiere und kam im April 2018 in die Kinos, ein Porträt der Band und ihres Frontmanns, das den Weg aus der Provinz auf die großen Bühnen nachzeichnet.

Auf die Frage, ob das Etikett Punkband überhaupt noch passe, hatte Gorkow eine entwaffnende Antwort. “Ich würde es eher so sagen: Wir sind einfach Feine Sahne Fischfilet.” Auch das gern zitierte Bekenntnis, Musik sei für die Band kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, relativierte er später selbst. “Das war ein pathetisches Zitat, das wir vor acht, neun Jahren toll fanden. Heute würden wir das nicht mehr so sagen. In erster Linie sind wir eine Band und finden es super, neue Lieder zu schreiben.”

Die Zahlen geben ihm recht. “Bleiben oder Gehen” erreichte 2015 Platz 21, “Sturm & Dreck” 2018 und “Alles glänzt” 2023 jeweils Platz drei. Und dann, am 30. Mai 2025, erschien “Wir kommen in Frieden” und stieg auf Platz eins der deutschen Albumcharts ein, das erste Mal in der Bandgeschichte. Die Politpunker, schrieb die Chartredaktion, zeigten darauf wieder klare Kante, sängen aber auch versöhnlich.

Vom Schulhof in der vorpommerschen Provinz bis auf Platz eins, das ist der Bogen, den die Band in Rostock feiern wird. Dass sie das ausgerechnet zu Hause an der Ostsee tut, im Sommer, mit alten Hits aus dem Jugendclub und allem, was ihnen sonst noch einfällt, passt zu einer Band, die nie vergessen hat, woher sie kommt. FSF sind wir sechs, hat Gorkow einmal gesagt. In Rostock werden es ein paar Tausend mehr sein.

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