FAIRMUSIC AG

Kommentar

Streaming-Gipfel im Kanzleramt: ROKK zeigt, wie es fairer geht

Während Spotify und Co. weiter kassieren, kämpft ein deutsches Start-up aus der Metal-Szene um gerechtere Vergütung für Musikschaffende. Am Montag durfte ROKK sein Modell im Bundeskanzleramt vorstellen. Und die Politik signalisiert erstmals: Wenn die Branche nicht selbst handelt, könnte sie es tun.

Am 16. März 2026 fand im Bundeskanzleramt die dritte Runde des sogenannten Streaming-Gipfels statt. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte Vertreter der großen Streaming-Plattformen zum Gespräch geladen: Amazon Music, Apple Music, SoundCloud, Spotify und YouTube Music saßen am Tisch. Ebenso vertreten war der Branchenverband Bitkom. Und mittendrin, alphabetisch zwischen Apple Music und SoundCloud gelistet: ROKK Streaming, ein deutsches Start-up, gegründet von zwei Musikern aus der Metal-Szene.

Drei Runden, ein Problem

Der Termin am Montag war der dritte in einer Reihe von Gesprächen, die Weimer seit Dezember 2025 führt. In der ersten Runde sprach er mit Musikschaffenden, darunter Herbert Grönemeyer, Peter Maffay und Balbina. Am 12. März folgte ein Treffen mit Vertretern der Label-Seite, bei dem unter anderem Sony Music, Universal Music Group, Warner Music Group, BMG und unabhängige Labels wie Audiolith, CitySlang und Staatsakt anwesend waren. Nun also die Streaming-Dienste selbst.

Auch Herbert Grönemeyer war erneut dabei und kritisierte das bestehende System. Sein Punkt: Das Geld, das Hörer monatlich für ihr Abo bezahlen, landet über das gängige Abrechnungsmodell nicht zwingend bei den Künstlern, deren Musik sie tatsächlich abspielen. Stattdessen wird es nach einem Verteilungsschlüssel ausgeschüttet, der vor allem Mainstream-Acts mit hohen Gesamtklickzahlen begünstigt.

Die Zahlen sprechen eine brutale Sprache

Hintergrund der politischen Initiative ist eine Studie des Forschungsnetzwerks Digitale Kultur, die im Februar 2025 veröffentlicht wurde. Das Projekt wurde von 2022 bis 2025 durch die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth gefördert. Der Befund ist verheerend: Im Jahr 2023 entfielen 75 Prozent der Streaming-Umsätze auf gerade einmal 0,1 Prozent der Künstler. Am anderen Ende der Skala erzielten 68 Prozent aller Künstler weniger als einen Euro Umsatz. Über 74 Prozent der rund 3.000 befragten Musikschaffenden gaben an, mit ihren Streaming-Einnahmen unzufrieden zu sein.

Das zentrale Problem ist das sogenannte Pro-Rata-Modell, nach dem praktisch alle großen Plattformen abrechnen. Dabei werden die gesamten Abo-Einnahmen eines Monats in einen Pool geworfen und nach dem Anteil an den Gesamtstreams verteilt. Das bedeutet konkret: Wer ausschließlich Metal hört, dessen Abo-Geld finanziert trotzdem anteilig Taylor Swift, weil sie den größten Anteil am Gesamtpool hat. Für Nischengenres wie Metal, Gothic, Progressive Rock oder politischen Hip-Hop ist das System strukturell nachteilig.

ROKK: Metal-Musiker nehmen es selbst in die Hand

Genau hier setzt ROKK an. Gegründet wurde FAIRMUSIC (heute eine AG) im Jahr 2020 von Alexander Landenburg (Schlagzeuger bei Kamelot und Cyhra) und Peter Moog (Gitarrist bei Mentalist). Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend aus der saarländischen Metal-Szene und haben die Probleme des Streaming-Marktes am eigenen Leib erfahren. Denn selbst ein international tourender Musiker wie Landenburg, der mit Kamelot regelmäßig auf den großen Bühnen der Welt steht, kann von Streaming-Einnahmen allein nicht leben.

Das Modell von ROKK unterscheidet sich in mehreren Punkten von Spotify und Co.:

Erstens richtet sich die Plattform gezielt an Fans von Rock und Metal (bietet aber den kompletten Musikkatalog an). Durch diese Fokussierung bleibt das Abo-Geld der Community innerhalb der Community, statt im Mainstream-Pool zu verschwinden. ROKK gibt an, dass die Ausschüttungen pro Stream zwei- bis dreimal höher liegen als bei der Konkurrenz, erste Daten deuten sogar auf das Vier- bis Fünffache hin.

Zweitens können Hörer über die Funktion „Direct Artist Support” bis zu zehn Prozent ihres Abo-Beitrags direkt an ihre Lieblingskünstler weiterleiten. Das ist kein Trinkgeld-Modell am Rande, sondern ein fester Bestandteil der Plattform-Architektur.

Drittens können Bands ihre Musik kostenlos und ohne Zwischenhändler (also ohne Distributoren wie DistroKid oder TuneCore) direkt auf der Plattform veröffentlichen.

Viertens werden KI-generierte Inhalte gekennzeichnet oder komplett von der Plattform entfernt und in keinem Fall algorithmisch empfohlen. Angesichts der zunehmenden Flut von KI-Musik in den Katalogen der großen Plattformen wird dieser Punkt immer relevanter.

ROKK-Mitgründer Peter Moog fasst das gegenüber stagedive.net so zusammen: „Wenn Streaming die Zukunft der Musik ist, dann sollte diese Zukunft auch den Menschen gehören, die diese Musik machen.”

Weimer schließt politisches Eingreifen nicht aus

Kulturstaatsminister Weimer kündigte im Anschluss an das Treffen einen Runden Tisch für den Frühsommer an, bei dem erstmals alle drei Seiten gleichberechtigt zusammensitzen sollen: Musikschaffende, Labels und Streaming-Dienste. Das Ziel ist eine Branchenvereinbarung. Bemerkenswert ist der Zusatz, den Weimer ausdrücklich formulierte: Sollte keine Lösung gefunden werden, stehe auch die Frage im Raum, ob die Politik möglicherweise eingreifen müsse.

Das ist ein Novum. Bisher hat sich die deutsche Politik beim Thema Streaming-Vergütung auf Studien und Dialogformate beschränkt. Dass ein Kulturstaatsminister nun offen regulatorische Maßnahmen in den Raum stellt, zeigt, wie ernst die Lage inzwischen genommen wird. Weimer betonte: Der deutsche Musikmarkt sei einer der größten weltweit und es sei auch im Interesse der Politik, dass dieser Markt weiter wachse. Gleichzeitig brauche es Verbesserungen bei der Vergütung, der Transparenz, der Bekämpfung von Streaming-Betrug und im Umgang mit KI.

Susanne Dehmel vom Branchenverband Bitkom signalisierte grundsätzliche Gesprächsbereitschaft der Plattformen, machte aber auch deutlich: Wenn man über eine Änderung der Vergütungsmodelle spreche, rede man nicht über mehr Geld, das verteilt werden könne, sondern über eine Umverteilung. Diese Einschränkung ist wichtig, denn sie zeigt, dass die großen Plattformen nicht bereit sind, auf ihren Anteil zu verzichten. Die Frage ist also nicht, ob mehr Geld ins System fließt, sondern ob das vorhandene Geld gerechter verteilt wird.

Warum das alle Metalheads betrifft

Man muss kein Branchenexperte sein, um zu verstehen, was hier auf dem Spiel steht. Das aktuelle Streaming-System ist so konzipiert, dass es Mainstream bevorzugt und Nischen benachteiligt. Jeder Euro, den ein Metal-Fan für sein Spotify-Abo bezahlt, fließt zu einem erheblichen Teil an Künstler, die dieser Fan nie gehört hat. Das ist nicht nur ungerecht, es gefährdet langfristig die kulturelle Vielfalt, weil es für Bands in Nischengenres immer schwieriger wird, von ihrer Musik zu leben.

Dass ausgerechnet zwei Metal-Musiker mit ROKK eine Alternative aufgebaut haben, die es bis ins Bundeskanzleramt geschafft hat, ist bemerkenswert. Dass ROKK als europäisches Gegenmodell zur US-dominierten Streaming-Landschaft positioniert wird, gibt dem Ganzen eine zusätzliche politische Dimension.

Ob der Runde Tisch im Frühsommer tatsächlich zu einer Branchenvereinbarung führt, ist offen. Die Machtstrukturen im Streaming-Markt sind gefestigt und die Major-Labels profitieren vom Pro-Rata-System genauso wie die Plattformen. Aber allein die Tatsache, dass das Thema jetzt auf Regierungsebene verhandelt wird und dass ein Kulturstaatsminister regulatorische Konsequenzen nicht mehr ausschließt, ist ein Fortschritt. Und ROKK zeigt, dass es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben muss: Ein faires Streaming-Modell existiert bereits. Es muss nur genutzt werden.

Quellen

Streaming-Gipfel im Bundeskanzleramt am 16. März 2026: Offizielle Pressemitteilung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM): kulturstaatsminister.de Pressemitteilung auf bundesregierung.de: bundesregierung.de

BKM-Studie „Vergütung im deutschen Markt für Musikstreaming” (Februar 2025): Pressemitteilung und Studien-Download: kulturstaatsminister.de/musikstreaming Studie als PDF (Abschlussbericht): kulturstaatsminister.de (PDF)

Zweites Treffen mit Labels am 12. März 2026: Bericht der Initiative Urheberrecht: urheber.info

Erstes Treffen mit Musikschaffenden (Dezember 2025): taz-Bericht: taz.de

ROKK Streaming / FAIRMUSIC AG: Offizielle Website: rokk-app.com FAQ mit Erklärung des Vergütungsmodells: rokk.app/faq

MusikWoche-Hintergrundbericht zu ROKK: musikwoche.de

Metal Hammer-Berichterstattung: metal-hammer.de

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