
Die vergessene Generation
Als deutscher Crossover noch die Hallen füllte
Zwischen 1992 und 2006 mischte eine Generation deutscher Bands Metal mit Hip-Hop, Punk mit Rap, Hardcore mit Groove – und füllte damit Clubs und Hallen im ganzen Land. Dann verschwand sie. Nicht mit einem Knall, sondern leise, Band für Band. Zurück blieb fast nichts, was sich googeln lässt. Eine Spurensuche in einer Musiklandschaft vor dem Internet.
Such A Surge. Tipp den Namen in eine Suchmaschine. Was kommt zurück? Ein Wikipedia-Eintrag, der aussieht, als hätte ihn jemand 2014 zuletzt angefasst. Eine offizielle Website, die wie ein Denkmal dasteht, komplett mit einer Konzertliste, die bis 1993 zurückreicht. Ein paar Foreneinträge von Leuten, die sich an Konzerte erinnern, deren Fotos in Schuhkartons liegen. Das war’s.
Eine Band aus Braunschweig, die mit Biohazard und Dog Eat Dog tourte, die vor Herbert Grönemeyer spielte, die auf Nuclear Blast veröffentlichte – und die im Netz kaum mehr Spuren hinterlassen hat als eine Coverband aus der Provinz.
Such A Surge sind kein Einzelfall. Sie sind der Normalfall einer ganzen Szene.
Mein erstes Konzert hieß Crossover
1995, irgendwann im Herbst oder Winter. Das Welcome in Hützel, ein Kaff in der Lüneburger Heide, in dem seit den Siebzigern Bands spielen, die da eigentlich nicht hingehören. Kraan, Embryo, Herman Brood – und an diesem Abend: H-Blockx.
Ich war siebzehn. Was ich wusste: „Move” lief auf VIVA, die Typen kamen aus Münster, und das Welcome war zehn Minuten mit dem Fahrrad. Was ich nicht wusste: dass dieser Abend der Anfang von allem sein würde.
H-Blockx spielten damals noch mit Dave Gappa am Mikro neben Henning Wehland. „Time to Move” war ein Jahr alt und hatte sich über 750.000 Mal verkauft, aber in diesem kleinen Club in der Lüneburger Heide war das egal. Was zählte, war der Sound: Gitarren, die nach Metal klangen, Vocals, die zwischen Rap und Gesang wechselten, und eine Energie, die mir bis dahin niemand beschrieben hatte, weil man sie beschreiben nicht kann. Man muss drin stehen.
Ich stand drin. Und danach war klar: mehr davon.
Was Crossover war – und wie es klang
Crossover war keine deutsche Erfindung. Rage Against the Machine, Faith No More, Body Count, Biohazard – die Blaupausen kamen aus den USA. Aber was ab Anfang der Neunziger in Deutschland passierte, war mehr als eine Kopie. Es war eine eigene Szene mit eigenem Sound und eigenen Regeln.
H-Blockx waren der kommerzielle Durchbruch. „Risin’ High” verkaufte sich 1993 allein durch Mundpropaganda 10.000 Mal, bevor die Band überhaupt einen richtigen Plattenvertrag hatte. „Time to Move” wurde Platin. Aber H-Blockx waren nur die Spitze.
Darunter brodelte es. Such A Surge aus Braunschweig sangen auf Deutsch, Englisch und Französisch und kamen aus der Hardcore- und Hip-Hop-Szene gleichzeitig. Ihre erste EP hieß „Gegen den Strom” – und der Titel war Programm.
Thumb aus dem gleichen Umfeld lieferten mit „Fascism Sucks” einen programmatischen Songtitel, der in den Neunzigern nicht als Statement reichte, sondern als Selbstverständlichkeit galt. Wer in dieser Szene unterwegs war, der war antifaschistisch, und das war so wenig diskutabel wie die Tatsache, dass der Bass laut sein musste.
Dazu kamen Blackeyed Blonde aus Saarbrücken, deren Album „Masafagga” 1994 mit einem Vibrator aus dem Quelle-Katalog auf dem Cover für Empörung sorgte – und die Freaky Fukin Weirdoz als Pioniere des ganzen Genres in Deutschland, Headcrash, Mr. Ed Jumps The Gun. Aus Schweden rollten Clawfinger an, die in Deutschland größer waren als in ihrer Heimat. Aus New Jersey kamen Dog Eat Dog mit ihrem Saxophon und der Attitüde einer Skatecrew auf Klassenfahrt.
Aus den Niederlanden die Urban Dance Squad, die Crossover schon auf die Bühne stellten, bevor der Begriff sich durchgesetzt hatte.
Und am Rand, im selben Kosmos: deutscher Punk – Slime, Wizo, Terrorgruppe. Früher Deutschrap – Fettes Brot, Absolute Beginner, die gerade erst dabei waren, eine eigene Szene aufzubauen. Deutscher Hip-Hop und deutscher Crossover entstanden zur gleichen Zeit, und das Publikum war oft dasselbe. Die Leute, die auf Crossover-Konzerte gingen, standen am Wochenende davor auf einem Punk-Gig und am Wochenende danach bei einer Hip-Hop-Jam. Die Genregrenzen, die heute in Spotify-Playlists zementiert sind, existierten in diesen Clubs nicht.
Wie selbstverständlich das Crossover in beide Richtungen funktionierte, zeigten 1994 ausgerechnet Die Fantastischen Vier. Deutschlands größte Hip-Hop-Gruppe ging mit der Frankfurter Thrash-Band Megalomaniax ins Studio und nahm die eigenen Hits neu auf – als Crossover-Tracks, mit verzerrten Gitarren und doppeltem Tempo. „Die Da” wurde zu „Ideal Die Da”, 80.000 Leute kauften das Album. Wenn selbst die Fanta 4 Metal spielten, war Crossover kein Nischenphänomen mehr.
Das Personalkarussell
Die Szene war klein genug, dass jeder jeden kannte, und durchlässig genug, dass Musiker ständig die Bands wechselten. Steffen Wilmking trommelte bei Thumb, bevor er zu H-Blockx ging. Marco Minnemann kam von den Freaky Fukin Weirdoz und setzte sich ans gleiche Schlagzeug. Fabio Trentini produzierte die Guano Apes und die Donots und spielte ab 2003 Bass bei H-Blockx.
Such A Surge tourten mit Biohazard und Dog Eat Dog, H-Blockx mit Biohazard und Bon Jovi. Auf den Konzertlisten tauchen immer wieder dieselben Namen auf, quer durch die Szene. Wer eine Band kannte, kannte drei. Wer auf ein Konzert ging, ging auf zehn.
VIVA, Fanzines und die überspielte Kassette
Wie hast du 1995 eine Band wie Thumb entdeckt? Nicht über einen Algorithmus. VIVA und MTV spielten die großen Namen – H-Blockx, Clawfinger, Dog Eat Dog. Für alles darunter brauchtest du andere Kanäle.
Du kauftest dir VISIONS oder Musikexpress am Kiosk und last die Rezensionen von Platten, die du dir nicht leisten konntest. Du bestelltest Fanzines per Post – photokopierte A5-Hefte, in denen Leute mit mehr Enthusiasmus als Rechtschreibkenntnissen über Konzerte in Jugendzentren schrieben. Manchmal ging man zu einem Konzert, weil der Flyer im Plattenladen hing, und entdeckte die Vorband. Oder man lieh sich eine Kassette von jemandem, der jemanden kannte, der die Band mal live gesehen hatte.
Musikentdeckung war langsam, war physisch, war sozial. Du musstest rausgehen. Und genau das machte die Szene so eng. Wer sich die Mühe machte, eine Crossover-Show in einem Jugendclub zu besuchen, der blieb meistens hängen.
Am 27. März 2004 spielten Such A Surge in der Garage in Lüneburg. Schwarzer Krauser Nachtzeche Tour. Eintritt frei. Ich war da. Die Band war da. Knapp zwei Jahre später spielten sie ihr letztes Konzert im Jolly Joker in Braunschweig, der Stadt, aus der sie kamen. Zwischen meinem ersten Crossover-Konzert im Welcome und dem Ende von Such A Surge lagen neun Jahre. Der komplette Lebenszyklus einer Musikbewegung, miterlebt im Radius von vierzig Kilometern.
Was den Sound getötet hat
Crossover starb nicht an einem einzelnen Ereignis. Es war ein schleichendes Ende. Ende der Neunziger überrollte Nu Metal alles – Korn, Limp Bizkit, Linkin Park waren die neuen Riesen, und die hatten Budgets, die eine Band aus Braunschweig nie sehen würde. Der Sound wurde glatter, die Grooves schwerer, die Rap-Einlagen zur Formel. Was bei Such A Surge aus der Hardcore-Szene gewachsen war, wurde bei Limp Bizkit zur Masche.
Die deutschen Bands reagierten unterschiedlich. Such A Surge versuchten sich mit „Was Besonderes” 1998 an einer Öffnung Richtung Mainstream, kehrten mit „Alpha” 2005 auf Nuclear Blast zu den Wurzeln zurück und lösten sich dann auf. H-Blockx veröffentlichten 2012 mit „HBLX” ihr letztes Album und verschwanden in eine Funkstille, die vierzehn Jahre dauern sollte. Thumb waren schon vorher weg. Blackeyed Blonde ebenso.
Nicht alle verschwanden. Dog Eat Dog aus New Jersey touren bis heute – ich habe sie 2023 auf dem Streetz Open Air fotografiert, Free Radical Tour, und der Saxophon-Sound war immer noch derselbe. Aber sie sind die Ausnahme, nicht die Regel.
Bis 2006 war die deutsche Szene Geschichte. Nicht mit einem Abschiedskonzert im Wembley-Stadion, sondern mit einem letzten Gig im Jolly Joker in Braunschweig, vor Leuten, die sich noch erinnerten, worum es ging.
Was bleibt, wenn alles offline war
Das Besondere an dieser Szene ist nicht, dass sie verschwand. Musikbewegungen kommen und gehen. Das Besondere ist, dass sie fast keine Spuren hinterlassen hat.
Die Crossover-Ära fand in der Vor-Internet-Zeit statt. Es gibt keine Konzertfotos auf Instagram, keine Tourberichte auf Blogs, keine digitalisierten Interviews. Die Flyer liegen in Schuhkartons, die Fotos kleben in Alben (wenn es denn überhaupt welche gibt), und die Fanzines sind im Altpapier gelandet. Kein Recherche-Praktikant kann das nachbauen, weil die Quellen schlicht nicht im Netz liegen.
Was es gibt: Erinnerungen. In Foren wie dem von VISIONS oder dem Metal Hammer tauchen hin und wieder Threads auf, in denen Leute nach „90s deutscher Crossover” fragen und sich gegenseitig Bandnamen zurufen. „Ich habe Thumb geliebt, besonders live”, schreibt jemand im VISIONS-Forum. Jemand anderes erinnert sich an die „Thumb Army”, den inoffiziellen Fanclub. Und jedes Mal liest sich das wie ein Treffen von Leuten, die dasselbe erlebt haben und froh sind, dass es noch jemand weiß.
Solitary Man Records, Münster, 2026
Dreißig Jahre nach „Time to Move” veröffentlichen H-Blockx ein neues Album. „Fillin_The_Blank”, elf Songs, 32 Minuten, erschienen auf Solitary Man Records – dem Label der Donots. Ingo Knollmann von den Donots nennt es „das zweite Album der Band”. Henning Wehland sagt: „Wir haben 30 Jahre gebraucht, um alle anderen Wege auszuprobieren, und jetzt verstanden, dass das unsere DNA ist.”
H-Blockx sind die einzige deutsche Band der Crossover-Generation, die noch existiert. Nicht als Nostalgie-Projekt, nicht als Reunion-Cashgrab, sondern als Band, die nach vierzehn Jahren Stille ein Album aufnimmt und damit auf Tour geht. Rock am Ring, Rock im Park, Wacken – die Festivals haben sie im Programm.
Dass ausgerechnet ein Donots-Label dieses Album herausbringt, ist kein Zufall. Es ist Szene-Solidarität, dreißig Jahre nach dem Anfang. Die Netzwerke, die in den Neunzigern in kleinen Clubs entstanden sind, funktionieren immer noch.
Der Sound, den ich 1995 im Welcome zum ersten Mal gehört habe, ist nicht verschwunden. Er hat sich nur eine Weile versteckt. Wo er heute steckt, darum geht es im zweiten Teil.





Yo,sehr guter Bericht. Stimmt auch Such A SURGE gibt es nicht mehr ,aber ich der erste drummer zu Under Pressure und gegen den Strom zeiten habe noch bei Daily Terror und Moiterei gespielt.