
Der Botschafter, nicht der König
Sick-Of-It-All-Sänger Lou Koller ist tot: Europa fing 1992 in Berlin an
Lou Koller ist am 24. Juli gestorben. Vor 34 Jahren holte eine deutsche Agentur seine Band nach Europa – in besetzte Häuser, Jugendzentren und einen alten Luftschutzbunker. Die Verbindung hielt bis zu seinem letzten Auftritt.
Der Auftakt der ersten Europatour von Sick Of It All war eine Show in Berlin – die erste, die die Band je außerhalb der USA gespielt hat. Danach ging es weiter durch besetzte Häuser und Jugendzentren. Irgendwo unterwegs ein ehemaliger Luftschutzbunker: „There were about six or seven hundred people crammed into this bomb shelter”, erzählt Lou Koller im Auszug aus dem Buch „The Blood and the Sweat”. Das Set war danach durch, also spielten sie es noch einmal von vorn.
Lou Koller, Sänger und Mitgründer der New Yorker Hardcore-Band Sick Of It All, ist am Freitag, dem 24. Juli 2026, an den Folgen seiner Speiseröhrenkrebs-Erkrankung gestorben. Die Band gab den Tod noch am selben Abend über ihre Social-Media-Kanäle bekannt, im Wortlaut nachzulesen bei Blabbermouth und Consequence: „It’s with unbelievable sadness that we announce to our worldwide hardcore family the passing of our brother Lou Koller.” 2026 wäre das 40. Bandjahr gewesen, das Statement nennt das Jubiläum ausdrücklich.
Koller wurde 61 Jahre alt. Fast überall steht 59 – die Zahl stammt aus einem Interview vom Juni 2024, in dem er selbst sagte: „I’ll be 59 this summer”; die Traueranzeige des beauftragten Bestattungsinstituts nennt den 15. Juli 1965 als Geburtsdatum.
Ein Anruf aus Deutschland
Die Europa-Geschichte begann mit einem Telefonat. Marc Nickel von der deutschen Agentur M.A.D. Tourbooking rief Schlagzeuger Armand Majidi an. Lou Koller gibt das Gespräch im Buch so wieder: „I remember Marc from M.A.D. Tour Booking calling Armand and saying, ‚Sick of It All has to come to Europe.'” Nickel hatte ein Argument, das in der damaligen Lage saß. Sick Of It All waren gerade beim Major-Vertrieb gelandet und bekamen dafür aus der DIY-Szene Sell-out-Vorwürfe. Nickel wörtlich: „You have to come and show the people that you are not a sell-out band.”
Nickel beschreibt sich im selben Auszug selbst: „I started in punk rock in 1978 as a kid in Germany. When I was in New York in the mid-eighties and saw Sick of It All for the first time, I said, ‚Damn, that’s the real deal!'” Was folgte, war eine Tour durch Hausprojekte und Jugendzentren im Frühjahr 1992, noch vor der Veröffentlichung von „Just Look Around”. Eine seit Jahren gepflegte Fanchronik nennt den 6. März 1992 im Berliner SO36 als Auftakt und den 5. April als Tourende. Verbürgt ist davon nur die Stadt.
Die Verbindung hielt. M.A.D. Tourbooking führt Sick Of It All bis heute als Artist, und als 2024 die komplette Europatour abgesagt werden musste, kam die Nachricht über dieselbe Agentur.
Botschafter statt Könige
Gegründet wurde die Band 1986 in Queens von Lou und Pete Koller, dem Sänger und seinem Bruder an der Gitarre. Der erste Auftritt fand im Mai desselben Jahres auf Long Island statt, am Schlagzeug saß zunächst David Lamb, Armand Majidi kam erst danach dazu. Seit Craig Setari 1993 den Bass übernahm, hat sich die Besetzung nicht mehr geändert – 33 Jahre dieselben vier Leute.
Dazwischen liegen elf Studioalben, zwölf, wenn man das Neuaufnahmen-Album „XXV Nonstop” von 2011 mitzählt. „Blood, Sweat and No Tears” 1989, „Just Look Around” 1992, „Scratch the Surface” 1994 bei EastWest. Das Album verkaufte über 200.000 Exemplare und machte die Band vor allem in Europa groß. Das letzte Studioalbum war „Wake the Sleeping Dragon!” von 2018. Refused, Hatebreed und Rise Against gehören zu den Bands, die sich auf Sick Of It All berufen.
Als der Rolling Stone Koller in seinem Nachruf „New York Hardcore’s Best Ambassador” nannte, griff Autor Kory Grow eine Selbstbeschreibung auf. In einem Kerrang!-Interview von 2018 war Sick Of It All als „Kings of New York hardcore” bezeichnet worden. Kollers Antwort: „No, no. We’re the ambassadors.” Grow beschreibt seine Stimme als „golden growl” – ein Organ, das den Refrain von „Scratch the Surface” durch eine Halle trug, ohne dass man dafür den Text kennen musste.
Von 1992 bis Stuttgart
Nach 1992 kam die Band immer wieder. Sie spielten beim With Full Force 2013, beim Deichbrand 2014, beim Summer Breeze 2018, 2019 wieder in Berlin – Fotogalerien gibt es von allen diesen Abenden. Die Persistence Tour brachte sie im Januar 2015 nach Berlin, gemeinsam mit Ignite und Walls Of Jericho; die Ausgabe 2019 spielten sie als Headliner, Berlin-Termin war der 17. Januar im Astra Kulturhaus. 2023 standen sie beim Ruhrpott Rodeo auf der Bühne. Dazu Clubshows, zuletzt am 7. Mai 2024 im Bochumer Matrix.
Der letzte Auftritt in Deutschland war drei Wochen später: Am Freitag, dem 31. Mai 2024, spielten Sick Of It All beim SBÄM Fest Germany Edition im Stuttgarter Wizemann. Der Festivalbericht hält knapp fest, dass H2O und Sick Of It All die Menge in Bewegung brachten. Vier Wochen danach kam die Diagnose.
Zwei Jahre, öffentlich erzählt
Am 28. Juni 2024 machte Koller sie per Videobotschaft selbst öffentlich: „They found a tumor in my esophagus that goes into my stomach.” Die Europatour wurde komplett gestrichen, sie hätte am 4. Juli in Tschechien begonnen. Betroffen waren unter anderem Herford, Köln, Aschaffenburg und Freiburg – und der Wacken-Slot am 1. August 2024, dessen Ausfall das Festival wenige Tage später selbst bestätigte. Die Reaktion seiner Bandkollegen gab Koller mit zwei Sätzen wieder: „Forget the tour. Just get healthy.” Er selbst sagte damals noch: „I’ll hopefully beat this thing and see you at the end of the summer.”
Bruder Pete richtete eine GoFundMe-Kampagne ein, die über 380.000 Dollar einbrachte; AFI, Rancid und Dropkick Murphys steuerten je 5.000 Dollar bei, Snapcase und Hot Water Music spendeten ebenfalls. Am 23. November 2024 spielten Vision Of Disorder, Life Of Agony, Municipal Waste, Killing Time und Crown Of Thornz in der New Yorker Irving Plaza ein Benefizkonzert unter dem Titel „I’m In The Fight With Lou”. The Bouncing Souls brachten ein Soli-Shirt heraus.
Am 20. Mai 2025 meldete sich Koller mit guten Nachrichten: „So I’m officially cancer free right now.” Vier Monate später kam die Gegenmeldung, wieder per Kurzvideo, wieder in seinem Tonfall: „The cancer’s come back and he brought some friends with him.” Im Dezember 2025 beschrieb er die Lage nüchtern als Patt: „I’m kind of at a stalemate where the tumors aren’t growing and they’re not spreading, but they’re not shrinking either.” Das ist die letzte öffentliche Zwischenbilanz, die dokumentiert ist.
Was aus der Szene zurückkam
Die Reaktionen kamen aus allen Ecken, in die diese Band je gereist ist. Kerrang! hat sie gesammelt: Rise Against nannten ihn „a true friend, a father, a brother, a groundbreaking creative force in the punk, metal, and hardcore scenes, and a frontman like no other”. Robb Flynn schickte im Namen von Machine Head Kondolenzen, Biohazard-Schlagzeuger Danny Schuler schrieb „This is beyond tragic”. Der Wrestler CM Punk postete: „Love you Lou and SOIA. Thank you for the soundtrack for my life. Sending hugs. Tonight’s ‚clobberin’ time’ is for Lou.” – eine Anspielung auf einen der bekanntesten Songs der Band. Bei laut.de tauchen in der Aufzählung der Reagierenden außerdem Madball, Rancid, Pennywise, Metallica, Pantera, Gary Holt und Doro auf.
Justin Brannan, Gitarrist von Indecision und Most Precious Blood und bis Ende 2025 New Yorker Stadtrat, formulierte, was die Band für ihr Publikum war: „You brought hope and positivity to places other bands would never dare go. You made outcast kids all over the world feel seen, accepted, and a little less alone.”
Wie das konkret aussah, hat laut.de-Autor Stefan Johannesberg in seinem Nachruf aufgeschrieben. Super Crash Open Air 1996, Schülldorf bei Rendsburg. Er stand am Urinal neben dem Merch-Stand, und daneben stand Lou Koller. Ohne Tross, ohne Pose. Johannesberg beschreibt ihn als jemanden, der nie unnahbar, selbstverliebt oder einschüchternd gewesen sei.
Der Sänger einer Band, die zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren tourte und ihr erfolgreichstes Album im Rücken hatte, war für jeden ansprechbar, der zufällig danebenstand.




