Interne Slack-Chats entlarven das System

“These people are so stupid”: Geleakte Live Nation-Nachrichten zeigen, was der Konzern wirklich von seinen Fans hält

“These people are so stupid.” “I almost feel bad taking advantage of them. BAHAHAHAHAHA.” “Robbing them blind, baby. That’s how we do it.”

Das sind keine Zitate aus einer Satiresendung. Das sind interne Slack-Nachrichten zwischen zwei Live Nation-Mitarbeitern, die im Rahmen des laufenden Kartellverfahrens gegen den Konzern entsiegelt und am 12. März 2026 öffentlich gemacht wurden. Die Nachrichten stammen aus dem Zeitraum von Ende 2021 bis Anfang 2023 und wurden zwischen Ben Baker und Jeff Weinhold ausgetauscht, damals beide regionale Ticketing-Direktoren für Live Nation-Amphitheater.

Der Kontext: Baker und Weinhold diskutierten über Zusatzgebühren bei einem Kid Rock-Konzert im MidFlorida Credit Union Amphitheatre in Tampa. VIP-Parken für bis zu 250 Dollar pro Stellplatz. 50 Dollar, um auf einer Wiese zu parken. 60 Dollar für die etwas nähere Wiese. Baker schrieb, er treibe die Nebenkosten gezielt in die Höhe, um Preisänderungen bei den Sitzplätzen auszugleichen: “I gouge them on ancil prices.”

Kein Einzelfall. Eine Beförderung.

Live Nation reagierte auf die Enthüllung mit einem Statement, das die Nachrichten als Austausch “eines Junior-Mitarbeiters mit einem Freund” bezeichnete, der “absolut nicht unsere Werte oder unsere Arbeitsweise widerspiegelt.” Das Unternehmen betonte, die Führungsebene habe erst durch die Veröffentlichung von den Nachrichten erfahren.

Was das Statement nicht erwähnt: Beide, Baker und Weinhold, waren zum Zeitpunkt der Nachrichten bei Live Nation angestellt. Baker war kein Junior-Mitarbeiter, sondern regionaler Ticketing-Direktor mit Verantwortung für ein großes Amphitheater. Und er wurde seitdem nicht etwa entlassen oder versetzt. Er wurde befördert. Baker leitet heute das Ticketing für Venue Nation, die Sparte, die sämtliche Live Nation-Venues in den USA verwaltet. Er sollte im laufenden Prozess als Zeuge aussagen.

Ein Mann, der intern damit prahlte, Fans “blind auszurauben”, stieg zum Chef des gesamten Venue-Ticketings auf. Das ist keine Einzelverfehlung. Das ist eine Unternehmenskultur, die Abzocke belohnt.

Der Prozess: Deal fürs DOJ, Kampf für die Staaten

Die Nachrichten wurden öffentlich, weil Bloomberg, die New York Times und weitere Medien nach der Ankündigung eines Vergleichs zwischen Live Nation und dem US-Justizministerium (DOJ) die Entsiegelung der Beweismittel beantragt hatten. Richter Arun Subramanian gab dem Antrag statt.

Der Vergleich selbst, angekündigt am 9. März während der laufenden Verhandlung, sieht vor: eine Zahlung von bis zu 280 Millionen Dollar, eine Deckelung der Servicegebühren auf 15 Prozent in Live Nation-eigenen Amphitheatern, die Öffnung von 13 Amphitheatern für externe Promoter und die Pflicht, Konkurrenzplattformen Zugang zur Ticketmaster-Infrastruktur zu gewähren. Was der Vergleich nicht vorsieht: die Zerschlagung von Live Nation und Ticketmaster, das ursprüngliche Ziel der Klage.

Für viele Beobachter ist der Deal ein Sieg für Live Nation. New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James nannte ihn einen Vergleich, der “das Monopol im Zentrum dieses Falls nicht adressiert und Live Nation auf Kosten der Verbraucher begünstigt.” Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta verwies auf die erste Prozesswoche: “Wir haben bereits gehört, dass Live Nation voll und ganz beabsichtigte, Fans auszunutzen, und dazu in der Lage war, weil Fans keine Alternative hatten.”

32 US-Bundesstaaten, darunter New York, Kalifornien und Texas, haben den Vergleich abgelehnt und führen den Prozess ab Montag, dem 16. März, ohne das DOJ weiter. Nur sieben Staaten mit republikanischen Generalstaatsanwälten haben sich dem Settlement angeschlossen. Der Richter hat entschieden, dass die Slack-Nachrichten der Jury präsentiert werden dürfen.

Was das für Europa bedeutet

Der Prozess findet in den USA statt. Aber Live Nation ist ein globaler Konzern. In Europa operiert das Unternehmen über Tochterfirmen und Joint Ventures, promotet Stadiontouren und betreibt Festivals. Wer in Deutschland ein Konzert in einer Live Nation-Venue besucht oder über Ticketmaster kauft, ist Teil desselben Systems, in dem Baker und Weinhold ihre Slack-Witze rissen.

In Deutschland dominiert CTS Eventim den Markt, nicht Ticketmaster. Aber die Strukturen ähneln sich: vertikale Integration von Ticketing, Promotion und Venuebetrieb unter einem Dach. Was in den USA gerade vor Gericht steht, ist in Europa längst Alltag.

Die Frage ist, ob das US-Verfahren einen regulatorischen Dominoeffekt auslöst. Die EU-Kommission arbeitet am Digital Fairness Act, der auch Ticketing-Plattformen betreffen könnte. Das Bundeskartellamt hat CTS Eventim bereits 2017 die Verwendung von Exklusivvereinbarungen untersagt. Und die europäische Künstler-Allianz FEAT (Fair European Alliance for Ticketing), mitgegründet unter anderem von Rammstein-Promoter Scumeck Sabottka und dem CTS-Eventim-Tochterunternehmen FKP Scorpio, drängt Brüssel zu strengeren Regeln für den Zweitmarkt.

Was bleibt

Die Slack-Nachrichten sind nicht der Skandal. Sie sind das Symptom. Der Skandal ist ein System, in dem ein Konzern so viel Marktmacht besitzt, dass seine Mitarbeiter offen darüber lachen können, Fans abzuzocken, weil es keine Alternative gibt. In dem der Mann, der “robbing them blind” schrieb, befördert wird, während das DOJ einen Vergleich akzeptiert, der das Monopol intakt lässt.

32 Bundesstaaten sehen das offenbar ähnlich. Am Montag geht der Prozess weiter. Diesmal ohne die Bundesregierung, aber mit den Slack-Nachrichten als Beweis.

Ben Baker wollte eigentlich als Zeuge aussagen. Es wäre interessant zu hören, wie er “BAHAHAHAHAHA” vor einer Jury erklärt.

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