
Islamismus benennen, Vereinnahmung abwehren
Anschlag beim CSD Berlin: Wie die Musikszene reagiert hat
Die genauesten Reaktionen aus der Musikszene auf den Anschlag beim Berliner CSD stammen von Leuten, die zwei Dinge nebeneinander gestellt haben: den islamistischen Hintergrund, von dem die Ermittler ausgehen, und den Versuch, die Tat politisch zu verwerten. In mehreren Statements steht beides direkt hintereinander, in derselben Reihenfolge. Das ist keine Unentschiedenheit, sondern die genauere Beschreibung der Lage.
Am Samstag, dem 25. Juli, fuhr gegen 22 Uhr ein weißes Fahrzeug auf dem Ahornsteig im Großen Tiergarten in Besuchergruppen am Rande der Veranstaltung; nach Angaben der Polizei sollen zudem mehrere Menschen durch Stichwerkzeuge verletzt worden sein. Eine 65-jährige polnische Staatsangehörige starb. Am Sonntagmorgen meldete die Polizei eine Tote und 16 Verletzte, mehrere davon lebensgefährlich. Am Nachmittag lag die Zahl bei 29 Verletzten, im Lauf des Abends teilte die Polizei mit, kein Zustand sei mehr lebensbedrohlich; seit ihrer Pressemitteilung vom Sonntag, 20:23 Uhr, gibt es keine neueren amtlichen Zahlen.
Auf der Bühne am Brandenburger Tor hatte rund eine halbe Stunde vor der Tat Sarah Connor als Surprise Act „Vincent” und „Wie schön du bist” gesungen. Die Abschlusskundgebung wurde abgebrochen, auf den Screens erschien das Wort „Evakuierung”, über die Anlage kam der Satz „Bitte geht jetzt nach Hause”.
Fünf Stunden am Sonntag
Um 13 Uhr trat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt mit dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel am Tatort vor die Presse. „Die Ermittler gehen von einem islamistischen Terroranschlag aus”, sagte er dort, wiedergegeben unter anderem vom Handelsblatt; darauf deute alles hin. Er gab damit die Arbeitshypothese der Ermittler wieder, kein abgeschlossenes Ergebnis. Am Morgen hatten Generalstaatsanwaltschaft und Landeskriminalamt noch mitgeteilt, zu Motiv und Hintergründen lägen keine gesicherten Erkenntnisse vor.
Um 18:08 Uhr machte die Generalstaatsanwaltschaft Berlin die Vorgeschichte des Tatverdächtigen öffentlich. Abdul B., 21 Jahre alt, in Berlin geboren, deutscher Staatsbürger, war den Behörden als islamistischer Gefährder bekannt. Er hatte mehrfach versucht, sich dem IS anzuschließen, wurde im Juli 2025 im Libanon festgenommen und kehrte im November nach Deutschland zurück. Im Mai 2026 verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einem Jahr und zehn Monaten Jugendstrafe auf Bewährung. Von 26 vereinbarten Terminen im Deradikalisierungsprogramm nahm er nach ORF-Angaben zwei wahr.
Am Sonntagabend wurde er in einer Gartenkolonie in Spandau bei einem SEK-Einsatz erschossen; nach Darstellung der Polizei soll er die Einsatzkräfte mit einer Stichwaffe angegriffen haben. Das Verfahren gegen ihn ist wegen seines Todes eingestellt, die Ermittlungen zu Tatgeschehen und Hintergründen laufen weiter, seit Sonntagabend bei der Bundesanwaltschaft.
Vierzehn Minuten nach der Mitteilung der Generalstaatsanwaltschaft, um 18:22 Uhr, erklärte der Vorstand des CSD Berlin: „Wir wollen nicht, dass diese Tat für politische Zwecke instrumentalisiert wird oder Menschen unter Generalverdacht gestellt werden.” Die islamistische Vorgeschichte war zu diesem Zeitpunkt amtlich, und die Vereinnahmung lief bereits. Die Berliner AfD sprach zunächst Mitgefühl aus und machte dann um 13:21 Uhr die Migrationspolitik mitverantwortlich; sie verlangte ein Ende des „politischen Kuschelkurses gegenüber gewaltbereiten Islamisten”. Unions-Fraktionsvize Günter Krings forderte dauerhafte Präventivhaft für sogenannte Gefährder.
Die Kritik am Nichtbenennen lief ebenso schnell an. Der Deradikalisierungsexperte Thomas Mücke nannte den Angriff in der taz einen klassischen islamistischen Anschlag und erklärte, es sei typisch, eine Menschenansammlung anzugreifen, die Weltoffenheit und Vielfalt symbolisiere; der t-online-Tagesanbruch warf zwei Tage später Teilen von SPD und Linken „gefährliche Bagatellisierung” vor. An diesem Abend musste jeder, der Worte suchte, zwei Dinge zugleich verarbeiten, die in der Debatte seither gegeneinander ausgespielt werden.
Zwei Tage später, am Dienstag, wurde bekannt, dass Ermittler im Tatfahrzeug ein Handy sicherstellten. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft bestätigte dem Spiegel, dass darauf ein Video liegt, in dem sich eine verhüllte Person auf Arabisch zu dem Anschlag bekennt und dem IS einen Treueeid leistet.
Die ersten Sätze kamen aus dem Auto
In der Nacht zum Sonntag, kurz nach Mitternacht, nahm Sarah Connor in ihrem Wagen ein Video für ihre Instagram-Story auf. „Mir fehlen die Worte. Ich finde es furchtbar”, sagte sie darin nach Wiedergabe des Musikexpress, und: „Umso mehr Grund, laut zu sein und laut zu bleiben.” Am Sonntag schob sie ein zweites Statement nach, das den eigenen Zeitpunkt einordnet: „Als ich das Video im Auto an euch aufgenommen habe, wussten wir noch nicht, was genau passiert war und es gab noch keine Angaben zu dem Täter.” Ehrlicher lässt sich das Sprechen in dieser Nacht nicht beschreiben.
Ähnlich die anderen, die auf oder hinter der Bühne standen. Ikkimel, die am Freitagabend beim Demokratieabend gespielt hatte, schrieb in ihrer Story den Satz, den drei Berichte übereinstimmend zitieren: „Liebe ist niemals der Fehler, Angst und Hass niemals eine Antwort.” Auch wavvyboi, am Samstag im Programm, berichtete – wiedergegeben vom Rolling Stone – von Queerfeindlichkeit unmittelbar nach der Evakuierung und sagte, man werde sich die Sichtbarkeit nicht nehmen lassen. Wer am Samstagabend aus dem Backstage evakuiert wird, schuldet niemandem eine Analyse.
Die Rede vom Pariser Platz
Am Sonntag um 14 Uhr kamen zwischen 8.000 und 10.000 Menschen zu einer Trauerkundgebung vor dem Brandenburger Tor, initiiert vom FLINTA-Chor D-Dur Dykes*. Dort sprach Barbie Breakout, die zwei Tage zuvor gemeinsam mit Fabian Grischkat den Demokratieabend moderiert hatte. Aus ihrer Rede entstand ein Kommentar, den die taz am Montag veröffentlichte, also ein Debattenbeitrag, keine Berichterstattung – und der bislang präziseste Text, den jemand aus dem Umfeld dieser Bühnen geschrieben hat.
Die Drag-Künstlerin schreibt dort: „Nach dem jetzigen Stand der Ermittlungen der Polizei deutet alles darauf hin, dass es ein islamistisch motivierter Terroranschlag war. Und Islamismus ist per se queerfeindlich.” Der nächste Satz relativiert den ersten nicht, er ergänzt ihn: „Daraus darf aber jetzt keine Islamophobie entstehen, kein Argwohn gegenüber unseren muslimischen Mitmenschen, kein Homonationalismus.” Und an die Adresse derer, die sich nach der Tat als Schutzmacht anboten: „Man kann uns nicht im Kontext von Zirkuszelten erwähnen, das Hissen von Regenbogenflaggen verbieten … und sich dann nach einem solchen Attentat heuchlerisch neben uns stellen.” Über den CSD selbst schreibt sie, er werde nie wieder nur ein CSD sein, sondern immer auch ein Memorial.
Zwei Posts mit abgeschalteter Kommentarfunktion
Kerstin Ott veröffentlichte am Tag nach dem Anschlag zwei Instagram-Posts, deren Wortlaut t-online wiedergibt. Im ersten steht Trauer: „Ich bin so traurig und wütend. Mein Mitgefühl gilt allen Menschen, die von dieser schlimmen Tat betroffen sind.” Im zweiten nennt sie den Islamismus frauenfeindlich und menschenverachtend und wendet sich anschließend an die rechten Parteien in Deutschland: „ihr seid genauso menschenverachtend. Genauso unmenschlich. Ihr braucht hier gar nicht wieder mit den Ängsten der Menschen spielen.” Die Kommentarfunktion schaltete sie ab.
Ott ist damit keine Stimme, die den Hintergrund kleinredet. Auch sie benennt zuerst den Islamismus und wendet sich dann gegen die, die daraus Kapital schlagen – kürzer als Barbie Breakout und ohne theoretischen Überbau. In den beiden Berichten, die den Post wiedergeben, steht die Warnung vor rechten Parteien schon in der Überschrift. Der erste Teil steht im Text.
Der zweite Teil von Finchs Video
Im Lauf des Sonntags veröffentlichte Finch ein Video in seinen sozialen Kanälen. Das Hip-Hop-Portal Raptastisch berichtete um 22 Uhr darüber und dokumentiert die Passage vollständig, der Mittelteil steht wortgleich auch bei heute.at: „Also die hetzen die ganze Zeit gegen diese LGBTQ-Community, gegen CSD, gegen Regenbogen, alles Scheiße. Aber jetzt nehmen wir uns die Opfer, instrumentalisieren die und hetzen wieder schön gegen die Ausländer und den Islam.” Sein Vorwurf richtet sich, wie er im selben Video sagt, gegen Leute, die sonst gegen genau die hetzen, die jetzt zum Opfer geworden sind.
Dieser Mittelteil ist die Passage, die zitiert wird. Was Finch sonst noch sagt, steht im Bericht des Musikexpress: Er räumt in demselben Video ausdrücklich ein, dass Islamismus ein Problem ist, das sich beim getöteten Täter bemerkbar gemacht habe, und unterscheidet zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Ideologie. Ohne diesen Teil wird aus einer Kritik an der Vereinnahmung eine Leugnung des Hintergrunds – was sie nicht ist.
Finch hat für diese Position eine ungewöhnliche Ausgangslage. Im Video zu seinem Song „Wenn du dumm bist” ist „Fuck AfD” zu sehen, und AfD-Sympathisanten hielten das Stück für Zustimmung und kommentierten es mit blauen Herzen. Ein Musiker, der weiß, wie leicht ihm die eigene Botschaft umgedreht wird, hat einen konkreten Grund, misstrauisch zu werden, wenn plötzlich Leute mit Regenbogenfahne argumentieren, die vorher etwas anderes wollten.
Vier Männer am Freitagabend
Für dieses Misstrauen gibt es am selben Ort einen Anhaltspunkt. Am Abend vor dem Anschlag, vor Beginn des Demokratieabends am Brandenburger Tor, stellte die Polizei die Identität von vier Männern fest, die nach ihren Angaben einer mutmaßlich rechtsextremen Gruppierung angehören sollen und die Veranstaltung stören wollten. Es folgte eine Gefährderansprache, die Männer verließen das Gelände. Der Tagesspiegel berichtete darüber am Abend des 24. Juli, unter Berufung auf Polizeisprecher Florian Nath; an diesem Abend zählte die Polizei rund 8.000 Menschen vor der Bühne, Ikkimel spielte ohne Gage.
An dieser Bühne wurde an zwei aufeinanderfolgenden Abenden deutlich, woher Gefahr für einen queeren Raum kommen kann. Der eine steht im Polizeibericht vom Freitag, der andere in der Pressemitteilung vom Sonntag.
Am Sonntag fiel am Pariser Platz der Satz, der die Lage zusammenhält: Islamismus ist queerfeindlich, und daraus darf kein Argwohn gegen muslimische Nachbarinnen und Nachbarn folgen. Gesagt hat ihn eine Drag-Künstlerin, die zwei Tage zuvor auf derselben Bühne stand, vor der die Polizei vier mutmaßliche Rechtsextreme ansprechen musste. Wer nur eine Hälfte davon zitiert, macht daraus einen anderen Satz.




