Machtmissbrauch, Schweigen und eine Branche ohne Konsequenzen

Künstlerin Masha Julia Ammann hat zwei Jahre gebraucht, um über einen sexuellen Übergriff zu reden, aber die Branche schweigt weiter.

Eine junge Schweizer Musikerin steht vor der Kamera und redet. Ruhig, überlegt, ohne Tränen. Zwei Jahre hat sie gebraucht, um diese Worte zu formulieren. Sie beschreibt, wie sie von einem bekannten deutschen Rapper sexuell genötigt wurde. Sie beschreibt das Muster: die berufliche Vernetzung, die Studio-Session ausserhalb von Berlin, das Team, das alles mitbekam und schwieg. Die Tür, die jemand zuzog. Den Morgen danach, an dem ein Freund des Täters sie mit einem Kommentar begrüsste, der sich für sie anfühlte wie ein Angriff.

Einen Namen nennt sie nicht. Sie kann es nicht. Nicht, weil es ihr an Mut fehlt, sondern weil das System, das den Übergriff ermöglicht hat, sie auch danach noch im Griff hat.

Masha Julia Ammann ist 26, Schauspielerin und Musikerin. Sie hat an der Stage Academy of Switzerland studiert, lebte zeitweise in Berlin, veröffentlichte zwischen 2021 und 2023 eigene Songs auf Spotify. Heute lebt sie wieder in der Schweiz. Aus der Musikbranche hat sie sich zurückgezogen. In einer Reihe von TikTok-Videos auf ihrem Kanal @itsmashajulia schildert sie detailliert, was ihr im Januar 2024 widerfahren ist, wie sie sich einen Monat später selbst in eine Klinik begab und warum sie trotz allem keinen Namen öffentlich macht.

Ihr Fall steht nicht für sich allein. Er steht für ein System.

Die Mechanik des Wegschauens

Was Ammann beschreibt, ist kein Ausrutscher eines Einzelnen. Es ist ein Muster, das in der Musikbranche seit Jahrzehnten dokumentiert ist und das trotz aller Debatten intakt bleibt. Die Bausteine sind immer dieselben.

Da ist zunächst das Machtgefälle. Ein etablierter Künstler mit grosser Reichweite vernetzt sich mit einer aufstrebenden Musikerin. Er gibt Tipps, hört Demos, antwortet auf Nachrichten. Er baut eine professionelle Beziehung auf, in der er gleichzeitig Mentor, Gatekeeper und potenzieller Karrierebeschleuniger ist. Die Grenze zwischen beruflicher Förderung und persönlicher Annäherung wird von ihm kontrolliert, nicht von ihr.

Dann ist da das Umfeld. Ammann beschreibt, dass bei dem Treffen über zwanzig Leute anwesend waren. Sie fühlte sich sicher, weil sie nicht allein war. Doch genau dieses Umfeld, das Team, die Crew, die Mitarbeiter, fungiert nicht als Schutz, sondern als Schutzschild für den Täter. Ammann sagt: “Diese Menschen haben ein Wohlwissen, was passieren wird, und lassen einen einfach ins Messer laufen.” Es sind Leute, die in Verträgen stecken, die wirtschaftlich abhängig sind, die schweigen, weil Reden ihre eigene Karriere gefährdet.

Und schliesslich ist da die Isolation danach. Wer redet, steht allein. Gegen einen bekannten Namen, gegen ein Team von Anwälten, gegen eine Fangemeinde, die ihren Star verteidigt. Ammann beschreibt diese Kalkulation mit brutaler Klarheit: “Man hat gar keine Chancen.”

Fünf Jahre nach #DeutschRapMeToo: Was hat sich verändert?

Im Sommer 2021 erhob die Influencerin Nika Irani Vorwürfe sexueller Gewalt gegen einen bekannten Rapper. Es entstand der Hashtag #DeutschRapMeToo, ein Instagram-Account wurde gegründet, um Betroffene zu vernetzen, die grossen Rap-Medien schlossen sich zusammen, um über das Thema zu berichten. Universal Music liess die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Künstler ruhen. Shirin David verschob einen Songrelease. Es gab Statements, Podcasts, Solidaritätsbekundungen.

Und dann?

Fast fünf Jahre später steht eine junge Frau vor der Kamera und schildert exakt dasselbe Muster. Das Machtgefälle. Das schweigende Umfeld. Die Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Die Gewissheit, dass eine Aussage sie beruflich vernichtet, während er weiterhin Konzerte gibt. Das “übergreifende Projekt” für die gesamte deutsche Musikbranche, das die Deutschrapmetoo-Initiative damals ankündigte? Davon ist wenig geblieben.

Die unbequeme Wahrheit ist: Die Debatte von 2021 hat wenig strukturell verändert. Die Aufmerksamkeit war gross, die Konsequenzen waren klein. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer Studie im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) hat über die Hälfte der befragten Frauen in der Kultur- und Medienbranche in den letzten drei Jahren sexuelle Belästigung erlebt. Die Keychange-Studie von 2021 kommt zu einem noch drastischeren Befund: 96 Prozent der befragten Musikerinnen berichteten von Sexismus in der Branche. Und eine Vollerhebung an der Hochschule für Musik und Theater München aus dem Jahr 2024 ergab, dass ein Drittel der Befragten selbst Formen sexualisierter Gewalt erlebt hatte. Die Opfer: meist Frauen zwischen 18 und 29. Die Täter: mehrheitlich Männer über 40.

Das Problem beschränkt sich nicht auf Deutschrap, und auch nicht auf die Musikbranche. Sexualisierte Gewalt und die Strukturen, die sie ermöglichen, durchziehen alle Bereiche, in denen Machtgefälle existieren: Film, Theater, Sport, Wissenschaft, Kirche, Politik. Die Musikbranche ist keine Ausnahme, sie ist ein Brennglas. 2023 wurde mit #MusicMeToo eine Plattform gegründet, getragen von zivilgesellschaftlichen Initiativen wie Safe the Dance, MusicSWomen* und den Gründerinnen von Deutschrapmetoo. Mit Themis existiert seit 2018 eine Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Kultur- und Medienbranche. Doch nichts davon ist verbindlich. Labels agieren weiterhin reaktiv statt präventiv. Es gibt keine branchenweiten Standards für den Umgang mit Übergriffs-Vorwürfen, keine verpflichtenden Verhaltenskodizes. Wer Hilfe sucht, ist auf das Engagement Einzelner angewiesen, nicht auf funktionierende Strukturen. Das System funktioniert weiter, weil es für alle Beteiligten, ausser für die Betroffenen, profitabel ist.

Die doppelte Unsichtbarkeit

Ammann spricht in ihren Videos auch über eine Dimension, die in der #MeToo-Debatte oft zu kurz kommt: die Intersektionalität von Rassismus und sexualisierter Gewalt. Als tamilischstämmige Frau in einer weissen, männerdominierten Branche sieht sie sich einer doppelten Unsichtbarkeit ausgesetzt. Sie fürchtet nicht nur, dass man ihr als Frau nicht glaubt, sondern dass ihre Herkunft gegen sie verwendet wird, besonders angesichts dessen, was sie als den aktuellen “Rechtsrutsch” in Deutschland beschreibt.

Diese Angst ist nicht irrational. Forschung zu intersektionalem Sexismus zeigt konsistent, dass Women of Color, die Übergriffe öffentlich machen, härterem Gegenwind ausgesetzt sind als weisse Betroffene: Sie werden häufiger für die erlebte Gewalt verantwortlich gemacht, ihre Glaubwürdigkeit wird stärker angezweifelt, und rassistische Stereotype überlagern die Auseinandersetzung mit der eigentlichen Tat. Das sogenannte “Slut Shaming”, das bereits 2021 in der #DeutschRapMeToo-Debatte dokumentiert wurde, ist ein Symptom genau dieser Dynamik. Die Hürde, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist dadurch noch höher.

Was jetzt passieren muss

Es wäre billig, diesen Artikel mit einem Appell an die Rapper zu beenden, sich doch bitte besser zu benehmen. Aber es wäre genauso billig, sofort über Strukturen und Anlaufstellen zu reden, ohne das Offensichtliche auszusprechen: Männer müssen aufhören, Frauen sexuell zu nötigen, zu missbrauchen, zu vergewaltigen. Kein Awareness-Konzept und kein Verhaltenskodex ersetzt die individuelle Verantwortung jedes einzelnen Mannes, die Grenzen eines anderen Menschen zu respektieren. Das gilt für den Rapper mit Millionenpublikum genauso wie für den Tontechniker, den Tourmanager, den Booker. Wer Macht hat und sie ausnutzt, ist ein Täter. Wer dabei zuschaut und schweigt, macht sich mitschuldig.

Und ja, es braucht auch Strukturen. Die Musikbranche braucht unabhängige, vertrauliche Anlaufstellen für Betroffene, die nicht von Labels oder Managements kontrolliert werden. Sie braucht verbindliche Verhaltenskodizes, die nicht nur auf dem Papier existieren. Sie braucht eine Kultur, in der das Schweigen des Umfelds nicht als Loyalität gilt, sondern als das, was es ist: Mittäterschaft.

Und sie braucht Medien, die nicht nur dann berichten, wenn ein Fall viral geht, sondern die kontinuierlich hinschauen. Die nicht nach zwei Wochen Empörungszyklus zur Tagesordnung übergehen. Erst vor wenigen Wochen haben wir über die Initiative Justice for Survivors 2026 berichtet, die zeigt, wie schwer es für Betroffene sexualisierter Gewalt ist, überhaupt gehört zu werden, ohne dass ihre Stimmen vereinnahmt oder überlagert werden. Das Muster ist dasselbe, ob auf einer Demo vor dem Kanzleramt oder in einer Studio-Session ausserhalb von Berlin: Wer über Missbrauch spricht, kämpft nicht nur gegen die Tat, sondern gegen ein System, das jede Äusserung zum Risiko macht.

Künstlerin Masha Julia Ammann hat zwei Jahre gebraucht, um zu reden. Die Frage ist nicht, ob ihr geglaubt wird. Die Frage ist, ob das System, das sie zum Schweigen bringen sollte, endlich Konsequenzen fürchten muss.

Wenn du von sexualisierter Gewalt betroffen bist:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (Deutschland): 0800 0116 016
Hilfetelefon sexueller Missbrauch (Deutschland): 0800 22 55 530
Opferhilfe Schweiz: opferhilfe-schweiz.ch

Du hast selbst etwas erlebt oder beobachtet und möchtest darüber sprechen? stagedive.net bietet anonyme und vertrauliche Kontaktmöglichkeiten über Signal, Threema und Proton Mail. Alle Informationen findest du auf unserer Kontaktseite. Wir schützen unsere Quellen.

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