
Musik als Waffe
Dein Song, ihr Krieg: Wie Staaten Popmusik als Propagandawaffe missbrauchen
Von Kampfjets bis Abschiebungen: Regierungen bedienen sich systematisch bei Künstlern, die sich dagegen wehren. Genau das ist Teil der Strategie.
Die IDF unterlegen ein Video ihrer Luftangriffe auf den Iran mit Franz Ferdinands “Take Me Out”. Das Weiße Haus schneidet Raketeneinschläge zu Keshas “Blow”. ICE dreht Abschiebe-Content zu Sabrina Carpenter. Was aussieht wie Social-Media-Inkompetenz, ist ein kalkuliertes System: Staaten nehmen sich die Musik anderer, um Krieg und Repression zu ästhetisieren. Die Empörung der Künstler? Ein willkommener Engagement-Booster.
Die neue Normalität: Bomben mit Soundtrack
Am 7. März 2026 posteten die israelischen Streitkräfte (IDF) ein Video auf ihren Social-Media-Kanälen. Zu sehen: Kampfjets, Bombeneinschläge, ein israelischer Soldat, der die Luftangriffe auf den Iran feiert. Bildunterschrift: “Operation Roaring Lion – this is how it’s done.” Der Soundtrack: “Take Me Out” von Franz Ferdinand, der Hit von 2004, dessen Refrain im Kontext von Kriegspropaganda eine makabre Doppeldeutigkeit bekommt. Das Video wurde ohne Genehmigung der Band erstellt und inzwischen gelöscht.
Frontmann Alex Kapranos reagierte auf Instagram: “These warmongering murderers are using our music without our consent. This makes us both nauseous and furious. Kind of typical though, isn’t it? To strut up and take what isn’t theirs with a vile arrogance…” Eine Band, benannt nach dem Mann, dessen Ermordung den Ersten Weltkrieg auslöste, findet ihren größten Hit in der Propaganda für etwas wieder, das zunehmend nach dem Beginn eines regionalen Großkonflikts aussieht. Die bittere Ironie schreibt sich von selbst.
Das IDF-Video ist kein Einzelfall. Es ist Teil eines dokumentierten Musters, das sich über die letzten Monate systematisch verdichtet hat.
Die Chronologie der Aneignung
Die Vorgeschichte beginnt nicht beim Militär, sondern bei der US-amerikanischen Innenpolitik.
Im November 2025 nutzte das Department of Homeland Security (DHS) Olivia Rodrigos “All-American Bitch” für ein Video, das ICE-Beamte bei der Verfolgung und Festnahme von Migranten zeigt, mit dem Ziel, zur Selbstabschiebung aufzurufen. Rodrigo kommentierte direkt unter dem Post: “Don’t ever use my songs to promote your racist, hateful propaganda.” Ihr Kommentar wurde gelöscht.
Kurz darauf verwendete ICE Sabrina Carpenters “Juno” als Soundtrack für Aufnahmen, in denen Migranten zu Boden geworfen und festgenommen werden. Carpenters Reaktion: “This video is evil and disgusting. Do not ever involve me or my music to benefit your inhumane agenda.” Statt einzulenken, legte die Regierung nach: ICE verwendete anschließend einen manipulierten Saturday-Night-Live-Clip, in dem Carpenter durch veränderten Voiceover so dargestellt wurde, als würde sie einen Latino-Darsteller wegen seines Aufenthaltsstatus verhaften.
Im Dezember 2025 traf es SZA: Das Weiße Haus nutzte ihren Saturday-Night-Live-Song über die “Cuffing Season” in einem Pro-ICE-Post. SZAs Reaktion war eine der präzisesten Analysen des Phänomens: “White House rage baiting artists for free promo is PEAK DARK… inhumanity + shock and awe tactics… Evil n Boring.”
Am 18. Februar 2026 veröffentlichte ICE ein Video auf X, das eine Chor-Version von Radioheads “Let Down” über eine Montage von Gewaltopfern legte, die die Behörde Migranten zuschreibt. Bildunterschrift: “Thousands of American families have been torn apart because of criminal illegal alien violence.” Die Band reagierte unmissverständlich: “We demand that the amateurs in control of the ICE social media account take it down. It ain’t funny, this song means a lot to us and other people, and you don’t get to appropriate it without a fight. Also, go fuck yourselves.”
Am 10. Februar 2026 postete das Weiße Haus ein TikTok: Ein Kampfjet feuert eine Rakete auf ein Schiff, dazu Keshas “Blow”, genau getimed auf die Textzeile “This place about to blow.” Bildunterschrift: “Lethality.” Das Video sammelte über 14,5 Millionen Aufrufe und 1,8 Millionen Likes. Als Kesha Wochen später öffentlich protestierte, reagierte White House Communications Director Steven Cheung höhnisch: “All these ‘singers’ keep falling for this. This just gives us more attention and more view counts.” Sein Stellvertreter Kaelan Dorr ergänzte: “Kesha quotes are like Popeye’s Spinach to this team. Memes? They’ll continue.”
Dann begann am 28. Februar 2026 der Krieg gegen den Iran. Und die Propagandamaschine schaltete einen Gang höher.
Vom Abschiebe-Content zum Kriegs-Fancam
Was als innenpolitische Provokation begann, wurde mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs zum militärischen Propaganda-Instrument. Am 28. Februar starteten die USA und Israel die gemeinsame Militäroperation gegen den Iran, von Trump als “Operation Epic Fury” und von Netanyahu als “Operation Roaring Lion” bezeichnet. Seitdem befindet sich die Region in einem eskalierenden Konflikt: Irans Oberster Führer Ali Khamenei wurde bei den ersten Angriffen getötet, der Iran feuerte hunderte Raketen und Drohnen auf Israel und US-Stützpunkte in der Region, die Straße von Hormus ist weitgehend blockiert, Ölpreise sind um 40 Prozent gestiegen, sechs US-Soldaten kamen bei einem Flugzeugabsturz über dem Irak ums Leben. Am 3. März autorisierte Israel zudem eine Bodenoffensive im Libanon.
In diesem Kontext produzierten die IDF das Franz-Ferdinand-Video. Doch es blieb nicht das einzige: Am 8. März nutzte die IDF “Macarena” von Los del Río für ein weiteres Propaganda-Video über die Iran-Angriffe, woraufhin sich Songwriter Antonio Romero Monge mit “tiefem Unbehagen” distanzierte. Ein weiteres Video vom 6. März verwendete Coi Lerays “Players”, um israelische Bomberflüge zu promoten, kombiniert mit einer Referenz auf die Fitness-App Strava. Kriegsführung als Lifestyle-Content.
Das Kalkül hinter der Provokation
Was auf den ersten Blick wie Ignoranz wirkt, ist eine bewusste Strategie. Rolling Stone fasste das Muster zusammen: Das Weiße Haus wählt gezielt Songs von Künstlern aus, die sich voraussichtlich öffentlich dagegen wehren werden. Die Empörung der Künstler generiert Aufmerksamkeit, die Aufmerksamkeit generiert Klicks, die Klicks legitimieren die nächste Runde. Steven Cheung hat dieses Kalkül nicht einmal verheimlicht.
Dass sich die Künstler wehren, ist also kein unerwünschter Nebeneffekt. Es ist die eigentliche Funktion. Die Empörung wird eingeplant, eingepreist, instrumentalisiert. Wenn Sabrina Carpenter protestiert, antwortet das Weiße Haus mit einem Wortspiel auf ihren Albumnamen (“Here’s a Short n’ Sweet message for Sabrina Carpenter…”). Wenn Kesha “Perverts” twittert, erntet Cheungs Antwort 26.000 Views, während Keshas Post 547.000 erreicht, was den Originalclip auf über 17 Millionen Views schiebt. Die Rechnung geht auf.
Warum Künstler machtlos sind
Das eigentliche Problem liegt in der Lizenzstruktur. Auf Plattformen wie TikTok, Instagram und X sind Musikkataloge über Pauschallizenzen verfügbar. Wenn das Weiße Haus oder die IDF einen Song in einem Video verwenden, handeln sie technisch gesehen im Rahmen der Plattform-Lizenzen. Den Künstlern fehlt damit die juristische Handhabe, die Entfernung solcher Inhalte zu erzwingen. Die wenigen, die rechtlich vorgegangen sind, brauchten Jahre. Das Estate von Isaac Hayes hat erst kürzlich einen Copyright-Rechtsstreit mit der Trump-Kampagne um den Song “Hold On, I’m Comin'” beigelegt.
Die Liste der Betroffenen wächst unterdessen stetig. Neben den bereits genannten haben sich unter anderem die Rolling Stones, Neil Young, ABBA, Céline Dion, die Foo Fighters, die White Stripes, Kenny Loggins und Linda Ronstadt gegen die unautorisierte Nutzung ihrer Musik durch die Trump-Administration gewehrt. Die meisten ohne messbaren Erfolg.
Der Paradigmenwechsel: Von der politischen Äußerung zur staatlichen Aneignung
Wir haben auf stagedive.net bereits darüber geschrieben, warum Metal politisch sein muss. Der Kommentar zu Randy Blythes Haltung stellte die Frage, ob Künstler sich politisch äußern dürfen. Diese Frage ist beantwortet. Was wir jetzt erleben, ist die nächste Stufe: Es geht nicht mehr darum, ob Musiker politisch sein dürfen. Es geht darum, dass Staaten sich die Kunst anderer aneignen, um Krieg zu ästhetisieren.
Wenn ein Staat ein Propagandavideo mit “Take Me Out” unterlegt und dabei Bombeneinschläge zeigt, dann ist das keine Urheberrechtsverletzung im klassischen Sinne. Es ist die Umwidmung von Kunst in eine Waffe. Der Song wird vom kulturellen Gemeingut zum Instrument der Dehumanisierung. Die vertraute Melodie soll die Schrecken glätten, die gezeigt werden. Und die Empörung der Künstler wird zum Katalysator einer Aufmerksamkeitsspirale, die den Propagandazweck noch verstärkt.
Franz Ferdinand, benannt nach dem Auslöser des Ersten Weltkriegs, deren Hit in der Propaganda eines möglichen regionalen Großkonflikts landet. Radiohead, deren “Let Down” vom OK-Computer-Meisterwerk zum Soundtrack für Abschiebe-Propaganda wird. Kesha, deren “Blow” den militärisch-industriellen Komplex zum TikTok-Trend macht. Das ist kein Zufall. Das ist Kalkül.
Der deutsche Kontext: Besserer Schutz, aber wie lange noch?
Wer denkt, das sei ein rein amerikanisches Phänomen, liegt falsch. Auch in Deutschland haben sich Künstler wiederholt gegen die politische Vereinnahmung ihrer Musik wehren müssen. Helene Fischer erwirkte 2015 eine einstweilige Verfügung gegen die NPD, die “Atemlos durch die Nacht” bei Wahlkampfveranstaltungen in Thüringen spielte. Die Höhner gewannen vor dem OLG Jena und dem BGH gegen die NPD, die ihre Songs “Wenn nicht jetzt, wann dann” und “Jetzt geht’s los” bei Kundgebungen einsetzte. Wir sind Helden stoppten die NPD-Nutzung von “Gekommen, um zu bleiben” per Verfügung. Die Toten Hosen protestierten, als die CDU 2013 ihren Wahlsieg zu “Tage wie diese” feierte. Angela Merkel entschuldigte sich daraufhin persönlich bei Campino. Björn Höcke nutzte “Wir sind wir” von Paul van Dyk und Peter Heppner als Auftrittsmusik, bis die Künstler juristisch dagegen vorgingen. Max Giesinger verurteilte die AfD für die Verwendung von “80 Millionen” bei einer Kundgebung in Pforzheim. Herbert Grönemeyer intervenierte 2024 gleich doppelt, als erst die CDU “Zeit, dass sich was dreht” bei einem Merz-Auftritt nutzte und dann Robert Habeck den Song in einem Video summte.
Der entscheidende Unterschied: In Deutschland funktioniert der Rechtsschutz. Das Urheberpersönlichkeitsrecht nach Paragraph 14 UrhG gibt Künstlern die Möglichkeit, per einstweiliger Verfügung innerhalb weniger Wochen gegen die politische Vereinnahmung ihrer Werke vorzugehen. Der BGH hat 2017 bestätigt, dass eine GEMA-Lizenz allein nicht ausreicht, um Musik im Wahlkampf zu nutzen. Das Gericht stellte klar: Die Verwendung eines Songs bei einer politischen Veranstaltung kann den Ruf des Künstlers gefährden, wenn ein Durchschnittsbetrachter den Eindruck gewinnen könnte, der Musiker sympathisiere mit der Partei.
Das ist ein deutlich stärkerer Schutz als in den USA, wo die Plattform-Pauschallizenzen auf TikTok und Co. den Künstlern praktisch jede Handhabe nehmen. Allerdings ist Paragraph 14 UrhG für Wahlkampfveranstaltungen konzipiert, nicht für Social-Media-Propaganda. Die Frage, die sich auch hierzulande stellt: Was passiert, wenn die Bundeswehr ihre TikTok-Rekrutierungsstrategie weiter eskaliert? Die taz dokumentierte 2025, wie inoffizielle Bundeswehr-Influencer wie der “Cinematic Sergeant” mit hunderttausenden Followern ein romantisierendes Bild des Militärdienstes zeichnen, mit Panzer-Stunts und Zeitlupen-Aufnahmen vermummter Soldaten im Schnee. Noch nutzen diese Accounts lizenzfreie Musik. Aber der Schritt von der Rekrutierungs-Ästhetik zum Propagandavideo mit Popsong-Soundtrack ist kürzer, als man glauben möchte. Und ob das deutsche Urheberrecht für diesen Fall gerüstet ist, hat noch kein Gericht entschieden.
Was bleibt
Die Frage, die sich Künstler und Publikum stellen müssen, ist nicht mehr “Darf Kunst politisch sein?” Die neue Frage lautet: Wie schützt man Kunst davor, von Staaten als Propagandawaffe vereinnahmt zu werden?
Solange die Plattform-Lizenzen es ermöglichen und solange die Empörung als Engagement-Booster funktioniert, wird sich an der Praxis nichts ändern. Die einzige Sprache, die Plattformen verstehen, ist die der Nutzer. Und die einzige Sprache, die Regierungen verstehen, ist die der Öffentlichkeit.
SZA hatte es am treffendsten formuliert: “White House rage baiting artists for free promo is PEAK DARK… Evil n Boring.” Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Wir sollten uns daran gewöhnen, dass “Take Me Out” ab jetzt auch der Soundtrack zu Bombeneinschlägen im Iran ist. Oder wir weigern uns, das zu akzeptieren.




