
Drei Alben, drei Häutungen, ein Rapper
Disarstar und seine Trilogie: Vom Klassenkampf zur Kinderstube – wie Deutscher Oktober, Rolex für Alle und Hamburger Aufstand zusammenhängen
Es gibt dieses Video auf YouTube. Neunundzwanzig Minuten, “Hamburger Aufstand (Live Session)” steht drüber. Eine Kamera hängt an der Decke, filmt schräg in einen Raum: Tisch, Couch, Sessel, in der Ecke ein DJ mit Equipment. Disarstar rappt für die Kamera, seine Leute sitzen um ihn herum, es wird gelacht, geredet, geraucht. Kein Bühnensetup, kein Spotlight – aber auch keine Pose. Man könnte das als lockere Promo abtun. Man könnte es sich aber auch genauer anschauen und feststellen, dass in diesen neunundzwanzig Minuten mehr über Gerrit Falius steckt als in manchem Interview.
Wer Disarstar die letzten fünf Jahre verfolgt hat, der hat einen Rapper beobachtet, der sich häutet. Nicht einmal, sondern dreimal. Vom wütenden Geheimtipp zum politischen Konzeptkünstler, vom Konzeptkünstler zum Grenzgänger zwischen Agitation und Mainstream, vom Grenzgänger zum Vater, der nüchtern auf sein Leben zurückschaut. “Deutscher Oktober” im März 2021, “Rolex für Alle” im Oktober 2022, “Hamburger Aufstand” im August 2025. Drei Alben, die zusammen eine Trilogie bilden – auch wenn sie sich anfühlen wie drei verschiedene Lebensabschnitte desselben Menschen.
Der Urknall: Deutscher Oktober
Frühling 2021. Deutschland steckt in der Pandemie, Gerrit Falius steckt in einem Tonstudio in Ramshausen, Niedersachsen. Weit weg von Hamburg, weit weg von St. Pauli, weit weg von den Straßen, über die er rappt. Vielleicht brauchte es genau diese Distanz.
“Deutscher Oktober” ist das Album, auf dem Disarstar aufhört, der ewige Geheimtipp zu sein. Zwölf Songs, dark Trap-Beats, ein Konzeptalbum über Klassenunterschiede, das nicht predigt, sondern dokumentiert. Plattentests.de titelte: “In der Ruhe liegt die Wut.” Das trifft es. Disarstar schreit nicht. Er legt offen. Er stellt nebeneinander, was in diesem Land nebeneinander existiert, und lässt die Kluft für sich sprechen.
Der Albumtitel ist kein Zufall. Der “Deutsche Oktober” von 1923 war der gescheiterte Versuch der KPD, die Weimarer Republik zu stürzen. Hyperinflation, erstarkende Rechte, soziale Verelendung – Disarstar zieht die Parallelen, ohne sie auszubuchstabieren. Er vertraut darauf, dass sein Publikum mitdenkt.
Mit Features von Nura, Boz, Dazzit und Eso.Es holt er sich Stimmen ins Album, die seine eigene ergänzen, ohne sie zu verwischen. Der Abschlusstrack “La Fin” zeigt eine emotionale Tiefe, die man von dem Klassenkampf-Rapper nicht erwartet hätte. Oder vielleicht doch – wenn man genauer hingehört hat.
Der Grenzgang: Rolex für Alle
Anderthalb Jahre später, Oktober 2022. “Rolex für Alle” ist Disarstars sechstes Album und sein mutigstes. Der Titel referenziert Ludwig Erhards “Wohlstand für alle”, dreht ihn aber ins Absurde: Nicht gegen Luxus, sondern Luxus für jeden. Die Idee ist provokant. Und genau das will sie sein.
Disarstar testet hier Grenzen aus. Die Trap-Ästhetik, gegen die er sich auf “Deutscher Oktober” noch gestemmt hatte, lässt er bewusst zu. Auto-Tune taucht auf, “Supergirl” ist der zugänglichste Song, den der Marxist aus St. Pauli jemals aufgenommen hat. Die Kritik fiel gemischt aus – laut.de war skeptisch, andere erkannten in Tracks wie “Mode aus Paris” Momente, die zu seinen stärksten gehören.
“Rolex für Alle” sitzt zwischen den Stühlen, und das ist kein Unfall. Zwischen Agitation und Mainstream, zwischen RAF-Ästhetik und Pop-Appeal. Disarstar rappt sinngemäß: Ihr wollt Geschäfte machen, und ich will Kunst – und macht dann ein Album, das beides versucht. Nicht jeder Track löst diesen Spagat ein. Aber der Versuch selbst hat Respekt verdient.
Rückblickend ist “Rolex für Alle” das Album eines Rappers, der sich am eigenen Anspruch reibt, der austestet, wie weit er gehen kann, ohne sich zu verlieren. Der Beweis, dass er es kann, kommt drei Jahre später.
Die Wende: Was zwischen den Alben passiert
Was zwischen “Rolex für Alle” und “Hamburger Aufstand” liegt, ist mehr als eine Albumpause. Es ist ein anderes Leben. Dazwischen erscheint zwar noch “Overdose” (Januar 2024, mit Jugglerz) – zehn Tracks, eine Kollaboration, eigene Tour. Aber Disarstar zählt es nicht zur Trilogie. “Overdose” ist ein Seitenarm, kein Kapitel. Die eigentliche Geschichte spielt woanders.
Im März 2023 wird Gerrit Falius nüchtern. Nicht schleichend, sondern nach einer Nacht, die ihm klargemacht hat, dass es so nicht weitergeht. Dreizehn Jahre lang hat er neben der Musik Gelegenheitsjobs geschoben – Lieferdienst, Bau – und getrunken. St. Pauli als Lebensgefühl, aber auch als Falle. Jetzt ist Schluss.
Ende 2023 beginnt er eine Tischlerausbildung. Vollzeit. Vierzig Stunden die Woche in einer Tischlerei, abends und am Wochenende Musik. Er bewirbt sich ganz normal auf die Stelle, kommt aus einer Handwerkerfamilie, hält am Anfang die Rapkarriere komplett raus. Zwei Kollegen kennen ihn, der Rest nicht. Er fegt die Werkstatt, als sein Management anruft und sagt: 2.500 Tickets in der ersten Woche für die Hamburg-Show. Er legt auf und fegt weiter.
Anfang 2024 wird er Vater – ein Sohn, nachdem er schon ein paar Jahre Stiefvater war. Er erwägt kurzzeitig, mit der Musik aufzuhören. Dann sammelt er stattdessen 1.687 Vocal-Aufnahmen über zwei Jahre und macht sein persönlichstes Album.
Der Aufstand: Hamburger Aufstand
Am 29. August 2025 erscheint “Hamburger Aufstand”. Vierzehn Songs, neununddreißig Minuten, produziert von Fayzen. Das Album ist reduzierter als seine Vorgänger, die Beats sind rauer, der Ton ist direkter. Nach zwei Platten, die immer größer werden wollten, klingt “Hamburger Aufstand” wie ein Mann, der weiß, was er zu sagen hat – und was nicht.
Der Titel? Disarstar selbst sagt im Zündfunk-Interview, dass der Hauptgrund pragmatisch war: “Hamburger Aufstand” schloss sich gut an “Deutscher Oktober” an. “Und es klingt doch auch sehr knackig oder nicht?” Aber natürlich schwingt 1923 mit – der Aufstand vom 22. und 23. Oktober, als KPD-Mitglieder in Barmbek Polizeiwachen stürmten. Schon auf der 2024er Single ‘Regenjacke’ (Overdose) rappte er: “Nein, ich meine nicht Hamburg wie Schmidt / Ich rede von Hamburg wie Thälmann.” Rechtsruck, Inflation, Kulturkampf – die Parallelen sieht er, aber er hängt sie nicht wie eine These an die Wand. Sie sind da. Wer sie sieht, sieht sie.
Aber “Hamburger Aufstand” ist kein Geschichtsalbum. Es ist ein Album über einen Mann, der mit einunddreißig Jahren zum ersten Mal auf sein Leben zurückschaut, ohne betrunken zu sein. “Familienchronik” arbeitet die Alkoholkrankheit des Vaters auf, die Insolvenz, die Mutter, die geblieben ist. “Tochter” – mit Jassin – dreht sich um die Kette aus Schmerz, die sich durch Familien zieht: “Eine Mom ist auch nur eine Tochter und ein Dad ist auch nur ein Sohn.” Kein Kitsch, weil er ehrlich genug ist, die eigene Unsicherheit stehenzulassen. Und “Meine Söhne geb’ ich nicht” ist kein Track über die eigene Kindheit, sondern über die Wehrpflichtdebatte – ein Vater, der sagt: Ich verrecke nicht in einem Schützengraben für Interessen, die nicht meine sind.
Gleichzeitig bleibt Disarstar politisch. “Weiße mit Dreads” nimmt die Debatte um kulturelle Aneignung auseinander. “Großraumbüro” ist Klassenkampf im Alltagsformat. “Wie viel” mit Pöbel MC fragt, was Widerstand kostet, wenn man eine Familie zu ernähren hat.
Und dann sind da die Widersprüche. Plattentests.de merkte an: Bei “Monumente” werden Autos angezündet, bei “Tekken 6” wird mit dem AMG durch die Hood gecruist. laut.de nannte das Album ein “Trojanisches Pferd mit zu viel Konzept”. Das sind faire Punkte. Aber sie greifen zu kurz, wenn man die Trilogie als Ganzes betrachtet. Denn genau diese Widersprüche – zwischen System und Szene, zwischen Anspruch und Alltag, zwischen Wut und Zartheit – sind der Kern von Disarstars Werk. Er hat nie so getan, als hätte er sie gelöst. Schon 2021 sagte er der taz: “Ich lebe permanent im Widerspruch.”
Die Trilogie als Ganzes
Drei Alben, fünf Jahre, ein Bogen:
“Deutscher Oktober” ist das Erwachen. Der Moment, in dem ein Rapper merkt, dass seine Wut eine Struktur hat, einen historischen Kontext, einen Namen. Klassenkampf, nicht als Parole, sondern als Bestandsaufnahme.
“Rolex für Alle” ist der Grenzgang. Der Versuch, die Botschaft größer zu machen, breiter, lauter – und dabei herauszufinden, wo die eigene Linie verläuft. Das mutige zweite Album einer Trilogie, das mehr Fragen aufwirft als es beantwortet.
“Hamburger Aufstand” ist die Synthese. Nicht im Sinne einer Lösung, sondern im Sinne eines Menschen, der gelernt hat, mit seinen Widersprüchen zu leben. Der seine Wut nicht verloren hat, aber eine Zartheit dazugewonnen, die sie trägt statt sie zu ersticken. Ein Rapper, der morgens Möbel baut, mittags seinen Sohn füttert und abends 1.687 Vocal-Takes aufnimmt. Weil er nicht anders kann.
Die historische Klammer – 1923, Deutscher Oktober, Hamburger Aufstand – war laut Disarstar halb Instinkt, halb Zufall. Aber sie funktioniert. Nicht weil er eine große Geschichtsstunde hält, sondern weil die Parallelen von allein kommen: Rechtsruck, Inflation, Kulturkampf. Auf einer 1.-Mai-Demo stand vor ein paar Jahren: “Heute wie vor 100 Jahren müssen wir den Aufstand wagen.” Disarstar hat daraus keinen Slogan gemacht, sondern ein Album. Das ist mehr.
Was kommt
Am 30. April spielt Disarstar die Sporthalle Hamburg. Ausverkauft. “Tanz in den Mai” – die größte Show seiner Karriere, in seiner Stadt. Wer ihn da auf der Bühne sieht, sieht einen anderen Menschen als den, der 2021 “Deutscher Oktober” aufgenommen hat. Nüchtern, Vater, Tischler, immer noch Marxist. Immer noch wütend. Nur klarer.




