Jimmy Eat World und der Sommer 2001

25 Jahre “Bleed American”: Rausgeworfen, selbst bezahlt, doppelt Platin

Nach dem 11. September ersetzten Jimmy Eat World den eigenen Albumtitel durch den Bandnamen. Bis heute steht in Musikmagazinen, die Band habe damit einer Songliste des Radiokonzerns Clear Channel entgehen wollen. Sie standen nie darauf.

In Jim Adkins’ Zimmer stand ein Pappaufsteller, Werbematerial für Bruce Springsteens Album “Tunnel of Love”, ein Geschenk, wie er glaubt, von seiner Freundin aus der siebten Klasse. Als Adkins am Refrain eines Songs saß, der noch keinen Namen hatte, kam ihm der Aufsteller in den Sinn. “Was würde der Boss machen? Der würde wahrscheinlich sowas sagen. Gut, dann ist das jetzt eben die Zeile”, erzählt er dem Rolling Stone in einem Interview zum Jubiläum des Albums. Die Zeile heißt “Everything, everything’ll be alright”.

Der Song wurde “The Middle”. Auslöser war eine Nachricht an die öffentliche Bandadresse, die Jimmy Eat World seit “Static Prevails” betrieben; eine Hörerin schrieb, sie werde in der Schule herabgesetzt. Adkins hielt das Ergebnis für das Schwächste, was er hatte: “Als wir ihn geschrieben haben, hielt ich ‘The Middle’ für nicht besonders wertvoll, weil er so einfach war und so schnell zusammenkam”, sagte er 2021 dem US-Magazin SPIN. “… Ich glaube, es gibt da einen echten Trugschluss unter Künstlern: dass etwas, mit dem man ringt, mehr wert ist als etwas, das leicht geht und einem einfach zufliegt. ‘The Middle’ ist uns zugeflogen.” Im Oktober 2001 erschien der Song als Single, erreichte Platz fünf der Billboard Hot 100 und stand an der Spitze der US-Modern-Rock-Charts.

MP Big 2

Als dieser Refrain entstand, hatte die Band kein Label mehr.

Was Capitol ausrechnete

Jim Adkins, Tom Linton, Rick Burch und Zach Lind kommen aus Mesa, Arizona. Capitol nahm sie 1995 unter Vertrag, direkt nach der Highschool, wie GRAMMY.com die Vorgeschichte zusammenfasst. Es folgten “Static Prevails” (1996) und “Clarity” (1999). Von “Static Prevails” gingen in der ersten Phase weniger als 10.000 Exemplare weg; “Clarity” galt in der Szene schnell als Referenzplatte, blieb aber unter Capitols Erwartungen. Für Reichweite sorgte in diesen Jahren vor allem “Lucky Denver Mint” auf dem Soundtrack der Komödie “Never Been Kissed”.

Im August 1999 war Schluss. SPIN nennt ausdrücklich diesen Monat und begründet den Rauswurf mit der ausgebliebenen Unterstützung für “Clarity”. Zwei weitere Quellen, das US-Portal The Ringer und der britische Quietus, nennen einen zweiten Grund: Der Labelpräsident und der A&R-Mann, die die Band verpflichtet hatten, waren nicht mehr im Haus.

Adkins beschreibt den Vorgang im Rolling Stone als das, was er war – eine Rechenoperation: “Die Geschäftsabteilung bei Capitol hat es zusammengezählt und entschieden: ‘Wir können für diese Typen kein Geld mehr ausgeben.'” Gegenüber SPIN erinnert er sich an die Größenordnung, um die es ging: Große Labels wüssten genau, was mit Bands anzufangen sei, die 20.000 Platten pro Woche bewegen. “Aber sie hatten keine Ahnung, was sie mit Bands wie uns anfangen sollten, die über alle Veröffentlichungen zusammen 10.000 Stück verkauften.” Die Zahl ist seine Erinnerung; eine geprüfte Abrechnung dazu gibt es nicht.

Nebenjobs, Tourgagen, ein Produzent auf Kredit

Was danach passierte, bezahlte die Band selbst. Die vier jobbten nebenher, auf dem Bau, im Autohandel, im Verkauf von Künstlerbedarf. Sie stellten Demos auf Napster, was Adkins gegenüber SPIN nüchtern begründet: Es sei ein Weg gewesen, die Musik dorthin zu bringen, wo ihre Platten schwer zu bekommen waren. Im August 2000 erschien die Compilation “Singles”, eine Sammlung von B-Seiten und Raritäten, deren Erlös in die Aufnahmen des nächsten Albums floss.

Die Sessions begannen im Oktober 2000. Produzent Mark Trombino, der schon die beiden Capitol-Platten betreut hatte, arbeitete zunächst ohne Gage und wartete auf sein Geld, bis absehbar war, ob überhaupt welches kommen würde. Adkins fasst das Finanzierungsmodell in einem Satz zusammen: “Wir haben alle Einnahmen vom Touren in die Platte gesteckt.”

Es entstand ein fertiges, bezahltes Album ohne Vertragsbindung – und damit ein Produkt, für das kein Major mehr ein Entwicklungsrisiko tragen musste.

Neun Leute, eine Rechnung über 9.000 Dollar

Im Frühjahr 2001 folgte, was in der Branche ein Bidding War heißt. Manager John Silva organisierte Termine in New York, unter anderem mit RCA, Atlantic und Elektra. Zach Lind erinnert sich bei MusicRadar an den Anflug: “Ich weiß noch, wie wir nach New York geflogen sind, die Skyline von Manhattan sahen, die Sonne ging unter, und ich dachte nur: ‘Heilige Scheiße, das ist irre!'”

Adkins erzählt dem britischen Clash-Magazin von einem Anbahnungsessen mit RCA in einem italienischen Restaurant. Der Manager habe eine seltene Flasche entdeckt, der zuständige A&R-Mann habe nachschenken lassen. “Am Ende war es ein Essen für 9.000 Dollar! Die haben immer wieder diese 300-Dollar-Flasche Wein gebracht, und wir waren zu neunt oder zehnt.” Unterschrieben hat die Band dort nicht. Die Szene ist Adkins’ Erinnerung, die Gegenseite kommt darin nicht zu Wort – als Bild für die Kostenstruktur des Geschäfts taugt sie trotzdem.

Im April 2001 ging der Vertrag an DreamWorks, mit Independent-Promotion, Tour-Support und garantierten Videobudgets; der Wert wird auf einen siebenstelligen Betrag kolportiert, mehr geben die Quellen nicht her. Der Scheck kam knapp. “Wir waren komplett pleite”, sagt Lind bei MusicRadar. “Als nach der Unterschrift der Scheck von DreamWorks kam, war das gerade noch rechtzeitig. Wäre das nicht passiert, hätten wir uns etwas einfallen lassen müssen – vielleicht das Haus verkaufen.” Als zweite Möglichkeit nennt er, dass seine Frau wieder hätte arbeiten gehen müssen.

Wer diese Abfolge nebeneinanderlegt, kommt an einer Bilanz schwer vorbei: Ein Major rechnete die Band durch, verlor ihre Fürsprecher im eigenen Haus und ließ sie fallen. Die Band produzierte auf eigene Rechnung das Album, das später zwei Millionen zertifizierte Einheiten erreichte, Verkäufe und Streams zusammengerechnet. Ein anderer Major kaufte das fertige Ergebnis ein. Was Capitol an der Band verloren und DreamWorks an ihr verdient hat, steht in keinem öffentlichen Geschäftsbericht.

Ein Album, das seinen Namen verlor

“Bleed American” erschien am 24. Juli 2001 bei DreamWorks. Der Start war ordentlich, nicht mehr: Platz 54 der Billboard 200 in der Chartwoche vom 11. August 2001. Erst ein Jahr später, im Juli 2002, kletterte die Platte auf Platz 31 – da lief “The Middle” längst bei MTV.

Dazwischen liegt der 11. September. Aus Sorge, der Titel könne im neuen Klima missverstanden werden, wurde das Album ab Dezember 2001 unter dem Bandnamen nachgepresst, der Titelsong lief fortan als “Salt Sweat Sugar”. In Großbritannien erschien die Single im November 2001 von vornherein nur unter dem neuen Namen; die Official Charts Company kennt bis heute keine UK-Single dieses Namens, im Katalog steht nur “Salt Sweat Sugar”. Ein Rückruf der bereits ausgelieferten Exemplare ist nicht dokumentiert, geändert wurde nur, was danach in die Presswerke ging. Erst die Deluxe-Neuauflage von Ende April 2008 stellte den Originaltitel wieder her.

Wer die Entscheidung traf, ist unstrittig. “Das ist eine ziemlich komplizierte Antwort. Die kurze lautet: Es war unsere Entscheidung”, sagt Adkins 2021 im Interview mit Consequence. “Wir hatten zu hart an dem Material gearbeitet, um Leute davon abzuhalten, es überhaupt hören zu können.” Gegenüber SPIN ergänzt er, es sei fast sofort passiert: “Allein die Möglichkeit, dass sich jemand angegriffen fühlt … wir wollten mitten in diesem Wahnsinn und dieser Tragödie nicht, dass irgendetwas die Leute daran hindert, unvoreingenommen einen Zugang zu finden.” Das Label trug die Entscheidung mit, getroffen hat sie die Band.

Die Liste, auf der sie nie standen

Am 14. September 2001 verschickte der Radiokonzern Clear Channel eine Liste an über 1.100 Sender. Die kursierenden Fassungen führen 162 namentlich genannte Songs plus sämtliche Titel von Rage Against the Machine. Eine Anweisung war das nicht, sondern eine Empfehlung – Stücke, die man in diesen Tagen vielleicht besser nicht spiele. Öffentlich wurde die Liste über den Branchennewsletter Hits Daily Double.

Jimmy Eat World standen nicht darauf. Drei unabhängig voneinander publizierte Volllisten – bei Wikipedia, bei Consequence und bei Kerrang! – enthalten weder die Band noch das Album. Das Originaldokument selbst ist nicht mehr einsehbar; ob die kursierenden Fassungen exakt damit übereinstimmen, lässt sich nicht prüfen. Bruce Springsteen, der Mann vom Pappaufsteller, steht in allen drei Listen, mit drei Titeln, darunter “I’m on Fire”. Der Song heißt bis heute so.

Trotzdem hält sich eine andere Version. Stereogum schrieb 2021, die Band sei gezwungen gewesen, den Titelsong umzubenennen, um seine Aufnahme in das Clear-Channel-Memo zu umgehen. Vier Jahre später schrieb der Quietus dasselbe. Die Behauptung steht in mehr Texten als den beiden genannten. Sie scheitert schon an den Daten: Das Memo ging am 14. September raus, die Umbenennung erfolgte im November und Dezember. Eine Änderung im Dezember kann einen Eintrag vom September weder verhindern noch rückgängig machen.

Es brauchte keine Anordnung. Eine Band, die auf keiner Liste stand, ließ den Titel ihres eben erschienenen Albums von den Pressungen verschwinden, weil das Klima danach war.

Was hier ankam

Der deutsche Teil dieser Geschichte beginnt zwei Jahre früher. Nach der Trennung von Capitol organisierte die Band ihren Europavertrieb selbst: Sie kaufte Kopien von “Clarity” zum Großhandelspreis bei Capitols College-Abteilung und verschickte sie nach Deutschland. Bei der ersten Show im Land standen 400 Leute da, berichtet GRAMMY.com.

“Bleed American” stieg am 10. September 2001 direkt auf Platz 20 in die Offiziellen Deutschen Albumcharts ein, seiner Höchstposition. Nach fünf Wochen war es wieder draußen, letzte Notierung am 8. Oktober auf Platz 86 – der Normalfall für ein Album, das auf dem Peak einsteigt. In den deutschen Singlecharts hat die Band nie notiert, auch “The Middle” nicht, der Song, der in den USA Platz fünf der Hot 100 erreichte und dort heute neunfach Platin ist. Das deutsche Gold für ihn stammt laut BVMI-Datenbank aus dem Jahr 2023, gut zwanzig Jahre nach der Platte.

Ein Genre, das die Band nie wollte

2001 war das Jahr, in dem Emo aus dem Keller kam. Dashboard Confessional veröffentlichten im März, Thursday im April, Jimmy Eat World im Juli. Die Kulturjournalistin Emma Garland hat im Quietus die These formuliert, die drei Alben von “Static Prevails” bis “Bleed American” bildeten den definitiven Dreierlauf dieser Subkultur, weil sie deren Weg aus den Vorstadtkellern in die Industrie im Kleinen abbilden. Garland argumentiert außerdem, das Klima nach dem 11. September habe mit dazu beigetragen, dass Emo zu einer der größten Jugendkulturen der Nullerjahre wurde. Sie formuliert das ausdrücklich als Möglichkeit.

Die Band selbst hat mit dem Etikett nie viel anfangen können. “Wir sehen uns eigentlich als nichts anderes als eine Rockband”, sagte Zach Lind 2019 den Irish News und nannte den Begriff “ein bisschen faul”. Das deckt sich mit dem, was auf der Platte passiert: Adkins hat gegenüber GRAMMY.com erzählt, er habe Springsteen und die Everly Brothers erst nach “Clarity” wirklich verstanden – einfachere Konstruktionen, einfachere Arrangements. Der kommerzielle Durchbruch des Genres lief also über ein Album, auf dem sich die Band gerade vom Vokabular des Midwest-Emo verabschiedete. Genau darin liegt für Garland der Reiz dieses Dreierlaufs.

Drei Termine in Europa, keiner auf dem Festland

Seit dem 9. Juni 2026 touren Jimmy Eat World mit dem kompletten Album, Start war das Red Rocks Amphitheatre in Denver. In Europa gibt es drei Termine, alle in Großbritannien: 14. August in der Piece Hall in Halifax, 15. August auf Cardiff Castle, 16. August im Crystal Palace Bowl in London. Die Londoner Show musste im Mai verlegt werden: Nach Darstellung des Parks stieg der Veranstalter Festival Republic aus dem Gunnersbury Park aus, offiziell genannt wurde eine fehlende Planungsgenehmigung. Auf dem europäischen Festland steht kein einziges Datum. Adkins hat die Tour im Juni gegenüber dem Spokesman-Review als einmalig bezeichnet: “Das ist es. Wir machen das kein zweites Mal.” Er meint die Album-komplett-Tour, kein Bandende.

Am 6. September spielen sie im Chase Field in Phoenix, eine Stadtgrenze von Mesa entfernt, als Vorgruppe von My Chemical Romance. Gerard Way erlebte die Anschläge aus einem Pendlerzug nach Manhattan; er hat mehrfach beschrieben, dass ihn diese Stunden zur Musik zurückbrachten. My Chemical Romance entstanden wenig später.

“The Middle” steht auf Spotify bei über 1,3 Milliarden Abrufen (Stand Juli 2026). Am 24. Juli 2026, exakt 25 Jahre nach dem Erscheinen, hat die RIAA das Album von Platin auf 2× Platin hochgestuft. Vier Songs aus dieser Zeit tragen dasselbe Zertifizierungsdatum. Im Register steht die Platte unter dem Namen, den die Band im Dezember 2001 selbst zurückgezogen hatte.

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