
Reunion
Nevermore spielen ihr erstes Konzert seit 15 Jahren – und die Fragen fangen erst an
Das ausverkaufte IF Performance Hall Beşiktaş in Istanbul kannte am 1. April 2026 keine Mehrdeutigkeiten: Nevermore spielten, und die Leute kamen. Was auf der Bühne stand, ist eine andere Frage.
19 Songs in knapp zwei Stunden. Songs, die Leute kennen, die Warrel Dane noch live erlebt haben. Songs, die nach seinem Tod 2017 niemand mehr live gehört hat. Jetzt werden sie von jemandem gesungen, den die Leute im Saal vielleicht zum ersten Mal sahen.
Wer das ist
Die neue Besetzung besteht aus zwei Originalmitgliedern und drei neuen Gesichtern. Jeff Loomis an der Gitarre und Van Williams am Schlagzeug sind zurück – die beiden, die 2011 Nevermore faktisch beendeten, als sie ausstiegen. Den Gesang übernimmt Berzan Önen, ein türkischer Sänger, gefunden nach einem aufwändigen Auditionverfahren Anfang 2025. An der zweiten Gitarre steht Jack Cattoi, am Bass Semir Özerkan, ebenfalls türkisch.
Istanbul war kein zufälliger Startpunkt. Das war eine Geste – und die Band wusste, was sie tat.
Was fehlt
Warrel Dane starb am 13. Dezember 2017 in São Paulo, Brasilien. Er war 56 Jahre alt. Er saß mitten in den Aufnahmen zu seinem Soloalbum Shadow Work, als ihn ein Herzinfarkt tötete. Dane war nicht irgendein Sänger; er war die Band in einer Weise, wie es nur wenige Frontmänner bei einer Band sein können. Seine Stimme trug eine Verletzlichkeit, die bei einem Thrash-Metal-Projekt nichts verloren zu haben schien und dort trotzdem zuhause war. Die 2011er Auflösung hatte er selbst einmal auf eine Formel gebracht: Nevermore sei „the greatest band that alcohol ever ruined.” Das war kein Vorwurf. Das war ein Urteil des Betroffenen.
Tim Calvert, der auf Dreaming Neon Black (1999) als zweiter Gitarrist dabei war, starb am 30. April 2018 im Alter von 52 Jahren an ALS.
Und dann ist da noch Jim Sheppard. Der Mitgründer und ehemaliger Bassist von Nevermore ist nicht Teil der Reunion. Nicht weil er nicht gefragt wurde, sondern weil er nicht gefragt wurde. Als Loomis und Williams im Dezember 2024 ein Teaser-Video posteten, erfuhr Sheppard davon wie alle anderen: aus dem Internet. Seine Frau Priscila schrieb auf Facebook, es sei „completely disrespectful of them to use the name NEVERMORE without consulting Jim Sheppard, as he is one of the founders of the band.” Rechtliche Schritte folgten nicht. Die Reunion lief trotzdem.
Trotzdem Istanbul
Dass die Band als Debüt-Stadt Istanbul wählte, ist der ehrlichste Kommentar zu ihrer eigenen Situation. Diese Nevermore ist nicht die Band, die vor 15 Jahren aufgehört hat – und sie behauptet das auch nicht. Sie beginnt dort, wo zwei ihrer neuen Mitglieder herkommen. Sie baut auf dem auf, was war, ohne so zu tun, als wäre es dasselbe.
Die Setlist spannte den gesamten Backkatalog auf: von Dreaming Neon Black bis The Obsidian Conspiracy, von Engines of Hate bis Dead Heart in a Dead World. Wer wissen will, was Önen mit diesem Material macht, kann sich Mitschnitte aus Istanbul ansehen. Urteilen muss jeder selbst.
Was kommt
Nevermore haben bei Reigning Phoenix Music unterschrieben und arbeiten an einem neuen Album. Van Williams hat dazu schon eine Kostprobe gegeben: „If the new music had to be described by one word, that would have to be delicious. Because it’s so good it’s gonna leave you hungry for more.” Bis dahin: Südamerika im April (Santiago, zweimal São Paulo), dann der europäische Festivalsommer mit Auftritten bei Wacken, Bloodstock, Brutal Assault, Alcatraz und mehreren Shows im Paket mit Savatage. Im September unterstützen sie Judas Priest auf sieben Shows der Faithkeepers Tour – von Bern bis London (Eventim Apollo, 21. September).
Die USA bleiben vorerst außen vor. Sänger Önen hat einen türkischen Pass; die Visafragen sind noch nicht gelöst. 2027 ist das Ziel.
Ob das Nevermore ist, entscheiden am Ende nicht Loomis und Williams. Und auch nicht Jim Sheppard. Das entscheiden die Leute, die kommen.




