ZDF lädt Danger Dan und Igor Levit aus

Das Lied heißt ‘Keine Angst’ – und Der Sender hat welche

Man kann einem Protestlied kein größeres Kompliment machen, als es aus dem Programm zu werfen. Das ZDF hat “Keine Angst” von Danger Dan kurz vor der Aufzeichnung aus seiner eigenen Jubiläumssendung verbannt – und damit aus einer Single, die in der Nacht zum Freitag erschienen ist, das meistdiskutierte Stück Musik dieser Woche gemacht. Die Ausladung ist nicht bloß mutlos, wie die “Anstalt”-Redaktion selbst schreibt. Sie ist der Beweis der Diagnose, die das Lied stellt. Ein Song, der davon handelt, dass Institutionen im Zweifel kneifen, flog aus dem Programm, weil eine Institution im Zweifel kniff.

Ein Veto kurz vor der Probe

Danger Dan – im Hauptberuf Rapper der Antilopen Gang, solo seit Jahren am Klavier unterwegs – und der Pianist Igor Levit sollten in der 100. Ausgabe der Satiresendung “Die Anstalt” (Ausstrahlung am Dienstag, 21. Juli, 22:15 Uhr) die Premiere von “Keine Angst” spielen – nach Darstellung der Redaktion mit anschließender Diskussion über das Lied. Kurz vor der Aufzeichnung in München kam das Aus – nach Darstellung der Künstler per Veto der Intendanz und ohne schriftliche Begründung, obwohl der Text dem Sender nach ihrer Darstellung seit Wochen vorlag und der hauseigene Justiziar “unseren Informationen nach schon grünes Licht gegeben” hatte. Das ZDF bestätigt die Ausladung und begründet sie öffentlich: Der Text könne “als Aufruf zu Gewalt verstanden werden”, das stehe im Widerspruch zu den Programmrichtlinien; an der Bewertung war die Geschäftsleitung beteiligt. Zensur sei das nicht, man wolle sich “dokumentarisch-journalistisch” mit dem Lied befassen – eine aspekte-Sonderausgabe ist bereits für Samstag angekündigt.

Die Künstler nennen den Vorgang auf Instagram einen “Eingriff in die Meinungs- und Kunstfreiheit”, der “skandalös” sei: “Das nennt man nicht Demokratie, das ist ein autoritärer Akt.” Die “Anstalt”-Redaktion distanzierte sich vom eigenen Sender, nannte die Entscheidung “mutlos – gerade jetzt, wo rechtsextreme Gewalt wieder stark zunimmt”, und schrieb ihre Sendung um, um den Fall in der Ausgabe selbst zu thematisieren.

MP Big 2

Der Halbsatz der Redaktion lässt sich beziffern. Die im Juni vorgestellte Statistik zur politisch motivierten Kriminalität weist für 2025 insgesamt 85.837 Delikte aus, den höchsten Stand seit Beginn der Erfassung 2001; rund die Hälfte davon ordnen die Behörden dem rechten Spektrum zu, rechte Gewalttaten stiegen um sieben Prozent auf 1.598. Im September wählen Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin neue Parlamente – in Sachsen-Anhalt sah Infratest dimap die AfD zuletzt bei 41 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern bei 36, bundesweit führt sie bei allen großen Instituten. Wer verstehen will, warum ein Rapper 2026 ein Lied über Selbstorganisation gegen rechts schreibt und warum ein Sender davor zurückschreckt, findet die Antwort in denselben Zahlen.

Eine Anleitung, die sich selbst beim Wort nimmt

Wer “Keine Angst” als harmlose Empowerment-Hymne verteidigt, hat es nicht gehört. Der Song ist über weite Strecken eine Schritt-für-Schritt-Anleitung: Gründet Gruppen ohne Namen und ohne Verein, organisiert Partys gegen Nazis, kauft Sprühdosen, recherchiert rechte Strukturen, outet sie im Wohnumfeld, trainiert für die Konfrontation. Dazwischen Konspirationsregeln, wie man sie aus Antifa-Broschüren kennt: “Lasst euch nicht erwischen, schaut nach Überwachungskameras.” Der Refrain besteht aus zwei Wörtern, achtmal hintereinander wiederholt, wie ein Mantra gegen das Zögern.

Danger Dan weiß genau, was er da tut, und er sagt es sogar: “Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt”, heißt es gegen Ende, dann lässt er den Elefanten ausdrücklich im Raum stehen. Es ist dasselbe Manöver wie 2021 bei “Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt”, nur eine Stufe weiter: Damals besang er die Grenze der Kunstfreiheit, diesmal stellt er sich auf sie drauf. Selbst die Unterstützer beschreiben das Stück präziser als mancher Verteidiger – die Donots feierten es als “antifaschistisches Manifest” und “Stück Agitation”. Genau das ist es. Die Streitfrage war nie, was dieser Song ist. Die Streitfrage ist, ob so etwas ins öffentlich-rechtliche Fernsehen darf.

Am heikelsten sind die letzten Zeilen: Grüße an “Lina, Gucci, Maja und Nanuk”. Bestätigt hat Danger Dan die Anspielung nicht; die dpa liest die Namen als Referenz auf Lina E. und Personen aus dem Umfeld der Antifa-Ost- und Budapest-Verfahren. Wer es genau nimmt, muss differenzieren: Lina E. ist rechtskräftig verurteilt und seit Mai auf Bewährung frei. Zwei der mutmaßlich Gegrüßten stehen aktuell in Dresden vor Gericht – für sie gilt die Unschuldsvermutung. Maja T. wurde in Budapest verurteilt, nicht rechtskräftig. Diese Grußzeile ist eine kalkulierte Provokation, und man muss sie kritisieren dürfen: Sie liefert dem ZDF die Steilvorlage, sie verengt ein kluges Lied im letzten Moment auf ein Bekenntnis, und sie mutet dem Publikum eine Solidarität zu, über die man streiten kann und muss. Danger Dan selbst hält im Spiegel dagegen: “Nichts von dem, was ich da erzähle, ist illegal”, und: “Ich verabscheue Gewalt.” Beides kann stimmen und trotzdem eine Debatte wert sein – und genau diese Debatte wollte die Redaktion nach eigener Aussage in der Sendung führen.

Was Geschichte aus Liedern macht

“Und die Geschichte hat uns schonmal gezeigt, es wird noch schlimmer, wenn man gar nichts tut und schweigt” – es ist die einzige historische Referenz im Song, und sie führt auf ein Feld, das man präzise betreten muss. Widerstand wird immer erst rückblickend geadelt. Die Flugblätter der Weißen Rose galten nach dem Recht ihrer Zeit als Vorbereitung zum Hochverrat, ihre Verfasser wurden 1943 hingerichtet; heute tragen Schulen ihre Namen. Das ist keine Gleichsetzung – die Bundesrepublik 2026 ist kein NS-Staat, und wer das behauptet, verharmlost die Diktatur. Aber der Mechanismus, den das Beispiel zeigt, ist zeitlos: Ob Vorbereitung auf Widerstand als legitim gilt, entscheidet nie die Gegenwart, die sie kriminalisiert, sondern die Zukunft, die weiß, wie es ausging. Genau diese Frage verhandelt “Keine Angst” – und verhandeln ließe sie sich am besten öffentlich, zum Beispiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Der Blick in tatsächlich autoritäre Staaten zeigt, was hier passiert ist – und was nicht. In Russland wurden Pussy Riot 2012 für eine Performance zu Lagerhaft verurteilt, im Iran wurde Shervin Hajipour 2022 festgenommen, als sein “Baraye” zur Hymne der Proteste wurde. Dort verbieten Staaten Lieder. Das ZDF musste niemand zwingen: Kein Ministerium hat angerufen, kein Gesetz wurde bemüht, der Sender hat von selbst gestrichen. Timothy Snyder hat die erste Lektion über den Weg in die Tyrannei so formuliert: “Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam.” Der Skandal ist nicht, dass in Deutschland ein Staat ein Lied verbietet – das tut er nicht. Der Skandal ist, dass es gar niemand verlangen musste.

Zweierlei Einzelfallprüfung

Die eigentliche Pointe steht nicht im Songtext, sondern im Programmschema. Als der Verfassungsschutz die AfD im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistisch einstufte – die Einstufung liegt seit Februar gerichtlich auf Eis, für mehrere Landesverbände gilt sie weiter –, erklärte das ZDF, seine Redaktionen prüften “fortlaufend und im Einzelfall”, in welcher Form AfD-Vertreter im Programm zu Wort kommen. Das Ergebnis dieser Einzelfallprüfung ist bemerkenswert konstant: Sommerinterview mit Alice Weidel 2024, Sommerinterview mit Tino Chrupalla 2025, und für den 23. August ist Weidel bereits wieder gebucht. Dazwischen saß die Parteispitze regelmäßig bei Markus Lanz – sieben AfD-Auftritte in 22 Monaten, Chrupalla allein dreimal, zuletzt der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat Anfang Juli, mitten im Landtagswahlkampf.

Diese Auftritte laufen nicht unwidersprochen. Lanz kann hart nachfassen, und zu den Sommerinterviews veröffentlicht ZDFheute eigene Faktenchecks. Nur erreichen die einen Bruchteil des Publikums – Übermedien hat das 2024 seziert und vom Sender einen Satz bekommen, der die ganze Hilflosigkeit zusammenfasst: “Im TV gilt das gesprochene Wort, auch wenn es falsche Tatsachenbehauptungen enthält.” Falschaussagen von Parteivorsitzenden laufen also ungeschnitten durch, die Korrektur folgt später und leiser. Ein mehr als siebenminütiges Lied mit anschließender Diskussion in einer Satiresendung wäre das exakte Gegenmodell gewesen: Provokation und Einordnung im selben Moment, vor demselben Publikum. Genau dieses Format hat die Geschäftsleitung gestoppt. Für die Einzelfallprüfung namens Sommerinterview gilt das gesprochene Wort, für die Einzelfallprüfung namens Klavierlied gilt es nicht. Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin nennt die Absage einen “peinlichen Kotau vor der AfD” – man kann es auch nüchterner sagen: Es ist eine Risikoabwägung, bei der das Risiko von rechts systematisch kleiner gewichtet wird als das von links.

Die Gegenposition kommt nicht aus der üblichen Ecke: Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, hält die Entscheidung für richtig – er liest den Song als Anleitung zur Selbstjustiz, die verurteilte Gewalttäter verherrliche. Das Argument verdient Respekt, und es hätte in die Sendung gehört. Dass es stattdessen die Sendung verhinderte, ist der Unterschied zwischen einem Sender, der Debatten führt, und einem, der sie fürchtet.

Zum dritten Mal Ärger

Für Danger Dan und Levit ist es der dritte Konflikt mit demselben Haus. 2021 durfte “Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt” bei Jan Böhmermann nach ihrer Darstellung nur unter Auflagen gespielt werden. 2022 schnitt das ZDF die Worte “AfD-Sympathisanten” aus Danger Dans Opus-Klassik-Laudatio – und stellte sie nach öffentlichem Druck wieder her, verbunden mit dem Eingeständnis, unter Zeitdruck sei ein Fehler passiert. Jetzt das Veto. Die Künstler behaupten zudem, der heutige Intendant sei 2021 “in anderer Funktion auch involviert” gewesen – das ist ihre Darstellung; unabhängig bestätigt ist sie nicht, das ZDF hat sich dazu bislang nicht geäußert. Man muss dieser Personalie nicht nachjagen, um das Muster zu sehen: Dreimal ging es um antifaschistische Kunst, dreimal zuckte der Sender.

Am Dienstag wollen Danger Dan und Levit “Keine Angst” live in Berlin spielen, am selben Abend läuft die umgeschriebene Anstalt, die nach eigener Ankündigung zeigt, “wie es aussieht, wenn Sender und Sendung nicht einer Meinung sind”. Das ZDF strahlt also die Kritik an seiner eigenen Entscheidung aus – es ist die ehrenwerteste Pointe dieser Geschichte, und sie gehört der Redaktion, nicht der Geschäftsleitung. Bleibt der Song selbst. Er ist kein makelloses Stück, sondern eine Provokation mit Ansage, an einer Stelle bewusst auf der Grenze. Aber Kunstfreiheit, die nur Kunst schützt, an der sich niemand stört, braucht kein Grundgesetz. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der der AfD-Spitze das Sommerinterview freihält und vor einem Klavierlied gegen Rechtsextremismus einknickt, hat die Frage, wovor man in diesem Land Angst haben sollte, beantwortet – nur leider falsch.

Das Album, dessen Titelsong “Keine Angst” ist, erscheint am 2. Oktober 2026 und heißt genauso. Auf der “Keine Angst”-Tour spielt Danger Dan danach quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz: ab dem 22. Oktober in Wiesbaden, dann Erlangen, Stuttgart, Zürich, Düsseldorf, Bremen, Bielefeld, Berlin, Leipzig, Hamburg, Köln und München, bis zum 20. Dezember nach Wien. Karten gibt es über dangerdan.shop und Eventim, einzelne Termine sind bereits ausverkauft.

YouTube

Dieser Inhalt ist gesperrt, da YouTube-Cookies nicht akzeptiert wurden.

Newsletter

Konzertberichte, Interviews und Investigatives aus der Szene. Kein PR-Müll, versprochen.

Wir nutzen deine Daten ausschließlich für den Newsletterversand. Du kannst dich jederzeit abmelden. Mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet

Band(s)

Event(s)

Location(s)

Featured Events