Von Andreas Lawen, Fotandi - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41202875

31 Jahre im Schatten einer Legende

Phil Campbell: Der Mann, der Motörhead zusammenhielt

Philip Anthony Campbell ist tot. Der Gitarrist von Motörhead starb am 13. März 2026 im Alter von 64 Jahren, friedlich, nach einem langen Kampf auf der Intensivstation im Anschluss an eine komplexe Operation. Seine Söhne Todd, Dane und Tyla bestätigten die Nachricht am Samstag über die Social-Media-Kanäle von Phil Campbell and the Bastard Sons.

Es ist ein Tod, der in der Metal-Welt tiefe Trauer auslöst. Und gleichzeitig eine bittere Ironie offenlegt: Phil Campbell war 31 Jahre lang Gitarrist von Motörhead, länger als jedes andere Mitglied neben Lemmy Kilmister. Und trotzdem blieb er für viele der Gitarrist, dessen Namen man nachschlagen musste.

Der vergessene Architekt

Wenn die Welt an Motörhead denkt, denkt sie an Lemmy. An den Bass, den Whiskey, den Hut, die Warzen. An “Ace of Spades”. An die Idee, dass eine einzige Person eine Band sein kann. Das ist verständlich. Lemmy war eine der grössten Persönlichkeiten, die der Rock je hervorgebracht hat.

Aber Motörhead nach 1984 war nicht mehr Lemmys Soloprojekt mit wechselnder Begleitband. Es war eine Einheit. Und der Kit, der diese Einheit zusammenhielt, war Phil Campbell.

Geboren am 7. Mai 1961 in Pontypridd, Wales, griff Campbell mit zehn Jahren zum ersten Mal zur Gitarre. Beeinflusst von Tony Iommi, Jimmy Page und Jimi Hendrix. Mit zwölf sah er Hawkwind in Cardiff, Lemmy am Bass. Er holte sich ein Autogramm. Dass er gut zehn Jahre später neben genau diesem Mann auf der Bühne stehen würde, konnte er nicht ahnen.

Campbells Weg führte über die Cabaret-Band Contrast (mit 13 Jahren, wohlgemerkt), die Pub-Rock-Truppe Roktopus und die NWOBHM-Band Persian Risk, mit der er zwei Singles aufnahm: “Calling for You” (1981) und “Ridin’ High” (1983). Als Brian Robertson 1984 Motörhead verliess, schrieb die Band Auditions aus. Lemmy wollte eigentlich nur einen neuen Gitarristen. Doch als er Campbell und Michael “Würzel” Burston zusammen spielen hörte, nahm er beide. Es war der Beginn einer Ära, die länger dauern sollte als alles, was Motörhead vorher gewesen war.

16 Alben, ein Grammy, null Ego

Campbells erste Aufnahme mit der Band war “Orgasmatron” (1986), ein Album, das den Sound von Motörhead neu definierte. Schwerer, komplexer, gefährlicher. In den folgenden drei Jahrzehnten lieferte er die Riffs zu Tracks wie “Deaf Forever”, “Eat the Rich” und “Born to Raise Hell”. 16 Studioalben. Ein Grammy 2005 für ihre Version von Metallicas “Whiplash”, ausgerechnet als Best Metal Performance. Die Ironie, dass Metallica selbst Motörhead als einen ihrer wichtigsten Einflüsse nannten, schrieb sich von allein.

Und immer im Dienst des Songs. Campbell war kein Shredder, kein Ego-Solist. Er war ein Gitarrist, der verstand, dass Motörhead grösser war als jedes einzelne Mitglied. Sein Spiel war roh, bluesgetränkt, voller Energie und doch nie selbstverliebt. Als Würzel 1995 die Band verliess, übernahm Campbell als alleiniger Gitarrist und trug den Sound fortan auf seinen Schultern.

Die Rock Hall-Demütigung

Als Motörhead 2020 endlich für die Rock and Roll Hall of Fame nominiert wurden, fehlten zwei Namen auf dem Stimmzettel: Phil Campbell und Mikkey Dee. Nur die Originalbesetzung mit Lemmy, “Fast” Eddie Clarke und Phil “Philthy Animal” Taylor war vorgesehen. Drei Männer, die zum Zeitpunkt der Nominierung alle bereits verstorben waren.

Die Absurdität war offensichtlich. Campbell und Dee hatten zusammen 12 Studioalben mit Motörhead aufgenommen. Sie hatten die Band über 25 Jahre getragen, durch die grössten Festivals der Welt, durch den Grammy, durch die Ära, in der Motörhead zur Legende wurde. Mikkey Dee fand deutliche Worte gegenüber Billboard und nannte den Ausschluss schlicht falsch. Campbell hielt sich zurück. Typisch.

Erst nach massivem Protest der Fans korrigierte die Rock Hall ihren Fehler und nahm beide in die Nominierung auf. Es war ein Sieg, der niemals hätte erkämpft werden müssen.

Bastard Sons: Die ehrlichste Band der Welt

Nach Lemmys Tod im Dezember 2015 war Motörhead vorbei. Campbell erzählte 2023 im Interview mit Classic Rock, dass er vier Monate lang nicht wusste, was er tun sollte. Völlig erschöpft habe er über den Rückzug nachgedacht.

Dann kam der 30. Geburtstag seines ältesten Sohnes Todd in Cardiff. Eine Live-Band spielte, sie stiegen ein, jammten Coversongs der Rolling Stones. Es fühlte sich richtig an. Dass diese Jam-Session schon rund zwei Jahre vor Lemmys Tod stattfand, macht die Geschichte nur besser: Die Bastard Sons waren keine Notlösung, sie waren bereits angelegt, bevor alles zusammenbrach.

Daraus entstand Phil Campbell and the Bastard Sons, zunächst unter dem Namen “Phil Campbell’s All Starr Band”, ein Wortspiel mit dem Nachnamen des Sängers Neil Starr, das viele Veranstalter nicht verstanden. Nach Lemmys Tod wurde aus dem Spassprojekt ernst. Die Band veröffentlichte Ende 2016 eine selbstbetitelte EP, gefolgt von drei Studioalben: “The Age of Absurdity” (2018), “We’re the Bastards” (2020) und “Kings of the Asylum” (2023), dazu das Live-Album “Live in the North” (2023). Sie tourten durch Europa und spielten im Vorprogramm von Guns N’ Roses. 2019 erschien Campbells einziges Soloalbum “Old Lions Still Roar”, mit Gastbeiträgen von Alice Cooper, Rob Halford, Dee Snider und Benji Webbe.

Im Februar 2026 sagte die Band alle geplanten Shows in Australien und Europa ab. Der Grund: ärztliche Anweisungen. Mehr erfuhr die Öffentlichkeit nicht. Campbell arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits an neuer Musik mit Julian Jenkins, dem Sänger der Hard-Rock-Band Fury. Wenige Wochen später war Phil Campbell tot.

Was bleibt

Die Nachricht von Campbells Tod löste eine Welle von Reaktionen aus, die zeigt, wie tief sein Einfluss reichte. Mikkey Dee nannte ihn den lustigsten Menschen, den er je gekannt habe, und den besten Rock-Gitarristen, mit dem er je gespielt habe. Geezer Butler erinnerte sich an gemeinsame Tourneen und an den Abend, als Campbell in vollem Make-up, Rock und Bluse zum Gig erschien. Dez Fafara von DevilDriver beschrieb ihn als den nettesten Kerl. Doro Pesch schrieb, sie sei sprachlos. Triple H bedankte sich für die Musik, eine Referenz an die Motörhead-Songs, die Campbells Riffs in die Arenen des Wrestlings trugen. Sogar Wrestler wie William Regal und Shawn Michaels meldeten sich zu Wort.

Sein Sohn Tyla schrieb am Samstag: Er sei überwältigt von den tausenden Nachrichten. Von alten Schulfreunden, die daran erinnerten, wie sein Vater einfach in die Schulaula spazierte und vor dem Abholen noch ein paar Stücke auf dem Klavier spielte. Von Rock-Ikonen, die ihm schrieben, sein Vater sei einer der besten Menschen gewesen, die sie je getroffen hätten. Der letzte Satz: Sie hätten nicht geahnt, dass dies ihr letztes gemeinsames Weihnachten gewesen sei.

Phil Campbell hinterlässt seine Frau Gaynor und seine drei Söhne. Er hinterlässt 16 Studioalben mit Motörhead und ein Solowerk, das beweist, dass er nie nur Begleitmusiker war. Er hinterlässt die Bastard Sons, die ehrlichste Familienband im Rock.

Und er hinterlässt eine Frage, die die Musikindustrie sich öfter stellen sollte: Warum fällt es uns so schwer, den Menschen zu würdigen, der im Hintergrund steht und dafür sorgt, dass alles funktioniert?

Mikkey Dee schloss sein Tribute mit den Worten: Schlaf gut, mein Freund und Rock-Soldat. Sag Lemmy, Würzel, Philthy und Eddie Hallo. Ich bin mir sicher, ihr werdet wieder eine verrückte Bande sein, die zusammen abhängt.

Phil Campbell ist jetzt dort angekommen. Die verrückte Bande ist wieder komplett.

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