35 Jahre Temple of the Dog

Temple of the Dog – Das Album, das aus Trauer entstand und eine Ära gebar

Am 16. April 1991 erschien ein Album, das niemand erwartet hatte – aufgenommen in 15 Tagen, geboren aus dem Tod eines Freundes, besetzt mit Musikern, die kurz darauf die Rockmusik der Neunziger prägen sollten. 35 Jahre später ist Temple of the Dog mehr als ein Tribute-Album. Es ist ein Dokument über Freundschaft, Verlust und die Frage, was passiert, wenn Trauer auf Talent trifft.

Am 19. März 1990 wurde Andrew Wood im Harborview Medical Center in Seattle für tot erklärt. Er war 24 Jahre alt. Drei Tage zuvor hatte ihn seine Verlobte Xana Lafuente bewusstlos aufgefunden – eine Heroin-Überdosis, die zu einer hypoxischen Enzephalopathie führte. Woods Band Mother Love Bone stand unmittelbar vor dem Durchbruch: Das Debütalbum Apple war fertig aufgenommen, die New York Times würde es später als „one of the first great hard-rock records of the 90s” bezeichnen. Es erschien posthum.

Für Chris Cornell, Sänger von Soundgarden und Woods Mitbewohner, begann mit dem Tod des Freundes eine Phase, die er später nüchtern beschrieb: „I figured it would be this great thing, because I would be away from home and I wouldn’t have to look at places where I saw him. But it was awful because I couldn’t talk to anybody. So I started writing songs.”

MP Big 2

Zwei Songs, die ein Album wurden

Was Cornell auf der Soundgarden-Tour durch Europa schrieb, sollte ursprünglich eine Single werden – zwei Stücke, aufgenommen mit Woods ehemaligen Bandkollegen Stone Gossard und Jeff Ament. „Say Hello 2 Heaven” war der direkte Abschied, „Reach Down” ein über elfminütiger Traum aus der Perspektive des Toten. Doch als die Musiker im November 1990 in den London Bridge Studios in Seattle zusammenkamen, wuchs das Projekt über den ursprünglichen Plan hinaus.

Den Bandnamen entlehnten sie einer Textzeile aus Mother Love Bones „Man of Golden Words”: Seems I been living in the temple of the dog. Es war eine Verbeugung vor dem Toten, eingeschrieben in den Namen selbst.

Die Besetzung las sich wie eine Karte der Seattle-Szene im Umbruch: Cornell am Mikrofon, Gossard und Ament an Gitarre und Bass, dazu Soundgarden-Drummer Matt Cameron und der junge Gitarrist Mike McCready, der gerade aus seiner aufgelösten Band Shadow zurück nach Seattle gekommen war. Produzent Rick Parashar – der wenig später auch Pearl Jams Ten und Alice in Chains’ Sap aufnehmen sollte – übernahm Engineering, Mix und spielte Klavier.

A&M Records finanzierte die Sessions, hielt sich aber aus dem kreativen Prozess heraus. Stone Gossard erinnerte sich: „The whole situation was just so non-pressure filled. Nobody expected this to be anything, so when we just went in and did it, the record company wasn’t around.” Cornell formulierte es direkter: „There was no concern about whether it would be good or not, we didn’t even care, we just wanted to try it, which is probably why it’s good.”

Der Unbekannte aus San Diego

Am 8. Oktober 1990 – mitten in den Vorbereitungen für die Temple-of-the-Dog-Sessions – landete ein 25-Jähriger aus San Diego am Flughafen von Seattle. Eddie Vedder war eingeflogen worden, um für das neue Projekt von Gossard, Ament und McCready vorzusingen, das damals noch unter dem Namen Mookie Blaylock auftrat. Vedder besuchte eine Probe von Temple of the Dog und steuerte spontan Backing Vocals bei.

Beim Song „Hunger Strike” wurde aus dem Gast ein gleichberechtigter Partner. Cornell hatte den Song als zehnten Track geschrieben – er mochte keine ungerade Anzahl an Songs – und kämpfte mit den tiefen Passagen. Vedder übernahm sie instinktiv. Cornell: „He sang half of that song not even knowing that I’d wanted that part to be there and he sang it exactly the way I was thinking about doing it, just instinctively.” Vedder selbst beschrieb den Moment zurückhaltender: „I just kind of stepped up and did it. And I remember being a little nervous about doing it, but he was really happy about how it sounded.”

Es war Vedders erste Aufnahme für ein Major-Label. Zwei Wochen später spielte er mit Mookie Blaylock das erste Konzert im Off Ramp Café. Aus Mookie Blaylock wurde Pearl Jam.

15 Tage, 10 Songs

Das Album entstand in 15 Tagen zwischen November und Dezember 1990. Zehn Songs, alle Texte von Chris Cornell. Die Musik teilte er sich mit Gossard und Ament, die drei Stücke beisteuerten – darunter „Times of Trouble”, in dem Cornell Mundharmonika spielte, und das dunkle „Four Walled World” über Sucht und Gefangenschaft.

Jeff Ament fasste die Bedeutung der Sessions für sich und Gossard zusammen: „It was a really good thing at the time for us too, because Stone and I were still trying to figure out what the hell we were doing.” Gossard nannte es später „the easiest and most beautiful record that we’ve ever been involved with.”

Für Mike McCready war „Reach Down” ein Schlüsselmoment. Das elfminütige Stück enthielt sein erstes aufgenommenes Lead auf einem Album. „I was so excited. I’d been in a studio before, but never to record an album or anything. I did that in one take!” Cornell musste ihn ermutigen, sich Raum zu nehmen: „You almost kind of had to yell at him to get him to realize that in the five-and-a-half-minute solo, that was his time and that he wasn’t going to be stepping on anybody else.”

Ein Album, das zweimal erschien

Temple of the Dog kam am 16. April 1991 über A&M Records in die Läden. Es verkaufte rund 70.000 Exemplare und schaffte es in keine Chart. Die Kritiken waren wohlwollend – AllMusic gab 4,5 von 5 Sternen, Rolling Stone 4 von 5 –, aber die kommerzielle Resonanz blieb aus.

Dann explodierten Soundgarden und Pearl Jam. Ten im August 1991, Badmotorfinger im Oktober desselben Jahres – plötzlich hatte A&M Records eine Kollaboration der beiden größten Bands der Stunde im Katalog. Im Sommer 1992 wurde das Album wiederveröffentlicht. „Hunger Strike” bekam ein Musikvideo – gedreht von Paul Rachman im Discovery Park in Seattle, die Band mit dem Rücken zur Kamera, den Blick auf Bainbridge Island gerichtet, Andrew Woods Heimat. Ein stiller Abschied bei Sonnenuntergang.

Der Erfolg kam spät und heftig: Platz 5 in den Billboard 200, „Hunger Strike” auf Platz 4 der Mainstream-Rock-Charts. Das Album erreichte Platin in den USA und Kanada, wurde eines der hundert meistverkauften Alben des Jahres 1992. Über eine Million Exemplare allein in den Vereinigten Staaten.

Die Szene, die sich nicht zerfleischte

Temple of the Dog war mehr als ein Tribute-Album – es war ein Beweis dafür, dass die Seattle-Szene nach anderen Regeln funktionierte als die Musikindustrie es gewohnt war. Vier der fünf späteren Pearl-Jam-Mitglieder standen neben dem Soundgarden-Sänger im Studio, ohne dass daraus eine Rivalitätsgeschichte wurde. Cornell reflektierte das später: „The camaraderie and the healthy competition part, I found later was unusual.” Er erzählte, dass selbst Johnny Ramone die Freundschaft zwischen Pearl Jam und Soundgarden bemerkt habe – in der kompetitiven Punk-Szene der Ostküste wäre das undenkbar gewesen.

Die Trauer um Andrew Wood verband die Seattle-Musiker über Bandgrenzen hinweg. Alice in Chains gedachten in den Liner Notes ihres Debüts Facelift dem toten Sänger. Jerry Cantrell schrieb „Would?” als Tribute. Candlebox’ Kevin Martin verarbeitete den Verlust seines Freundes in „Far Behind”. Selbst die L.A.-Band Faster Pussycat nahm mit „Mr. Lovedog” einen Nachruf auf.

25 Jahre danach: Acht Abende

Im November 2016, zum 25. Jubiläum des Albums, spielten Temple of the Dog ihre erste richtige Tour – acht Shows in fünf Städten, von Philadelphia bis Seattle. Brendan O’Brien hatte das Album für eine Neuauflage remixed. Eddie Vedder war nicht dabei, er nannte familiäre Verpflichtungen.

Am 21. November 2016 im Paramount Theatre in Seattle – der letzten Show – sang das Publikum Vedders Part bei „Hunger Strike”. Cornell widmete ihm den Song. Vor dem letzten Stück des Abends sagte er: „One more song and then, who knows, maybe we’ll play this again. Then we’ll go on a massive world tour! But we’re not going to. But you never know.”

Jeder Abend endete mit „All Night Thing”. Jedes Ticket finanzierte mit je 1,50 Dollar die Chris and Vicky Cornell Foundation und Pearl Jams Vitalogy Foundation.

Ein letzter Abschied

Sechs Monate später, am 18. Mai 2017, starb Chris Cornell in Detroit. Er wurde 52 Jahre alt. Seattles Space Needle wurde am Abend seines Todes für eine Stunde abgedunkelt.

Bei seiner Beerdigung auf dem Hollywood Forever Cemetery begleitete „All Night Thing” die Trauernden auf dem Weg zum Grab. Chester Bennington, der auf der Projekt-Revolution-Tour 2008 Abend für Abend „Hunger Strike” mit Cornell gesungen hatte, spielte mit Brad Delson Leonard Cohens „Hallelujah”. Zwei Monate später, am 20. Juli, war auch Bennington tot.

Eddie Vedder fand bei einem Solo-Konzert in London am 6. Juni 2017 Worte für Cornell: „He wasn’t just a friend, he was someone I looked up to like my older brother.”

Was bleibt

Temple of the Dog ist ein Album, das aus einem konkreten Verlust entstand und mit der Zeit immer mehr Verluste in sich aufnahm. Was 1990 als Abschied an Andrew Wood begann, wurde durch Chris Cornells Tod zu einem doppelten Denkmal – ein Tribut, geschrieben von einem Mann, der selbst viel zu früh gehen sollte.

Gossard hatte recht: Es war die einfachste und schönste Platte, an der er je beteiligt war. Vielleicht gerade deshalb. Niemand wollte etwas beweisen. Niemand rechnete mit Erfolg. Fünf Musiker und ein Unbekannter aus San Diego versammelten sich um den Tod eines Freundes und machten in 15 Tagen ein Album, das David Fricke im Rolling Stone als Teil „the final major pop rebellion of the twentieth century” einordnete – und das keiner von ihnen so geplant hatte.

Cornell brachte es auf den Punkt: „Temple was about making an album simply for the joy of doing it. We weren’t concerned what anyone outside of our group would think.”

35 Jahre später hören jeden Tag über 300.000 Menschen diese zehn Songs. „Hunger Strike” allein kommt auf fast 300 Millionen Spotify-Streams. Die Zahlen sind Beiwerk. Was zählt, ist das, was AllMusic-Kritiker Steve Huey über das Album schrieb: Es sei durchzogen von einer „definite, life-affirming aura” – trotz allem.

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