By Andreas Lawen, Fotandi - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Kommentar

Reden ist Frauensache? Wie Phil Labonte die Männerkrise verschärft, die er beklagt

Phil Labonte hat ein echtes Problem erkannt. Und dann liefert er ausgerechnet die Antwort, die es schlimmer macht.

In einem Podcast-Interview, über das das Onlinemagazin Metaladdicts berichtet, hat der 51-jährige Frontmann von All That Remains erklärt, Therapie sei nichts für Männer. “Therapy is for women. Men don’t solve their problems by talking”, soll er gesagt haben. Die Idee, ein Mann könne in einer Therapie seine Probleme lösen, nannte er “ridiculous”. Männer fänden ihren Weg nicht über Worte, sondern über Handeln, über gemeinsames Schrauben, Bauen, Anpacken. Reden überlässt er den Frauen.

Das Bemerkenswerte daran ist nicht die Provokation. Es ist der Widerspruch, in den Labonte sich selbst verwickelt. Seit 2024 hat er die Krise der Männer zu seinem zweiten Beruf gemacht. Sein Meinungsartikel “The Silent Crisis: Why Society Is Failing Men And Boys” erschien im September 2024 bei Fox News und brachte ihm Gespräche auf dem Capitol Hill ein; Abgeordnete wie Nathaniel Moran aus Texas und Derrick Van Orden aus Wisconsin griffen das Thema auf. Das stärkste Argument in Labontes Text war die hohe Suizidrate unter Männern.

MP Big 2

Genau diese Zahl widerlegt seinen Ratschlag. Wer Männern einredet, Reden sei Frauensache, nimmt ihnen das Werkzeug aus der Hand, das nachweislich Leben rettet. Schweigen ist kein Lösungsweg, Schweigen ist das Symptom. Ein Mann, der vor dem Sterben von Männern warnt und ihnen im selben Atemzug verbietet, über ihren Schmerz zu sprechen, hat die Krise nicht verstanden, die er beklagt.

Was Labonte für männliche Natur hält, ist in Wahrheit Erziehung. Jungen lernen früh, dass ein Mann nicht weint, dass er sich zusammenreißt, dass Schwäche etwas ist, das man wegatmet. Niemand bringt ihnen die Worte für das bei, was in ihnen vorgeht. Wenn diese Jungen erwachsen sind und schweigen, sieht das aus wie Veranlagung. Es ist das Ergebnis von zwanzig Jahren Training. Labonte beschreibt diese Prägung nicht, er verschärft sie. Was Jungen als leises Gebot mitbekommen, ruft er ihnen jetzt von der Bühne herab zu, mit einer Reichweite, die ein Kindheitslehrsatz nie hatte.

Dass diese Volte funktioniert, liegt am Muster, in das sie sich fügt. Labonte hat sich über die Jahre eine Nebenkarriere als Provokateur aufgebaut. Er ist Stammgast in Tim Pools “Timcast IRL”, er verteidigte 2015 öffentlich den Gebrauch rassistischer Begriffe, und nach dem Attentat auf Donald Trump 2024 forderte er auf X, man möge “die Linke zerstören”. Die kalkulierte Grenzüberschreitung ist seine Marke geworden, so verlässlich wie ein Breakdown im richtigen Moment. An Labontes Können als Musiker ändert das nichts; “Antifragile”, das zehnte All-That-Remains-Album, erschien am 31. Januar 2025 in Eigenregie und beweist, dass die Band noch funktioniert. Aber um Musik geht es hier nicht.

Es geht um Reichweite und darum, wofür man sie einsetzt. In Metal und Hardcore haben sich über Jahre Strukturen gebildet, die genau das Gegenteil von Labontes Botschaft vertreten: Initiativen für mentale Gesundheit, Anlaufstellen gegen Suizid, Bands, die das Schweigen brechen, weil sie wissen, wie viele Fans daran zerbrochen sind. Labonte nutzt seine Bühne, um gegen sie anzureden. Die Trennlinie zwischen “Handeln” und “Reden”, die er aufmacht, ist erfunden. Sich Hilfe zu holen, ist Handeln. Es ist oft die schwerste Handlung von allen.

Männer sterben nicht, weil sie zu viel reden. Sie sterben, weil sie es nicht tun. Wer ihnen ausgerechnet das madig macht, ist kein Mahner der Männerkrise. Er ist ein Teil von ihr.


Hinweis: Wenn du selbst in einer Krise steckst oder Suizidgedanken hast, sprich darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 sowie online unter telefonseelsorge.de.

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