Die Bank gewinnt immer

Glücksspiel-Sponsoring beim Wacken Open Air 2026

Zwischen Bierstand und Merch-Zelt steht dieses Jahr ein Casino. Was das Wacken Open Air auf Facebook als Festivalspaß ankündigt – “Zwischen Riffs, Moshpit und Festivalfeeling wartet auf euch das Casino Schleswig-Holstein” –, ist bei näherem Hinsehen etwas anderes: die Werbekampagne eines Glücksspielanbieters, platziert in dem Bereich des Festivals, zu dem auch Kinder Zutritt haben, geöffnet zwölf Stunden am Tag, eine ganze Woche lang. Sie läuft, während das Land die Spielbanken bis Oktober verkaufen will und am Festival seit 2024 zwei der größten Finanzinvestoren der Welt beteiligt sind.

Ein Zelt, zwölf Stunden, sieben Tage

Die Eckdaten stammen aus der offiziellen Ankündigung: Vom 26. Juli bis zum 1. August, täglich von 10 bis 22 Uhr, können Besucher auf der Camping Plaza direkt vor dem Bullhead-City-Eingang Black Jack und Roulette “probieren”. Das Pop-up öffnet damit am ersten Anreisetag – drei Tage vor dem offiziellen Festivalbeginn – und begleitet die komplette Campingwoche von bis zu 85.000 Menschen.

Die Ankündigung lässt die entscheidenden Punkte weg. Kein Wort dazu, ob um echtes Geld gespielt wird. Einen Altershinweis gibt es nur im Kleingedruckten: “Admission from age 18 with valid ID” steht in schmaler Schrift am unteren Rand der Werbekacheln, daneben der Hinweis, Glücksspiel könne süchtig machen. Darüber, in fetten Frakturlettern, der Slogan, der das Ziel der Aktion offenlegt: “So spielt der Norden! In Kiel, Flensburg, Lübeck, Schenefeld und exklusiv auf dem Wacken Open Air.” Das Zelt soll Kundschaft in die vier Spielbanken holen, in denen dann um echtes Geld gespielt wird.

MP Big 2

Erst als unter der Ankündigung Kritik laut wurde, schob das Festival auf seinen Kanälen ein Statement nach: Man nehme die Bedenken ernst, am Stand werde nicht um Geld gespielt – “you’re not playing for money – there’s nothing to lose, only prizes to win”, nichts zu verlieren, nur Preise zu gewinnen. Glücksspiel sei in Schleswig-Holstein legal und streng reguliert, und Risiken trügen schließlich auch andere legale Produkte, Alkohol und Tabak etwa. Ausgerechnet Alkohol: Auf einem Festival ist er kein Beleg für die Harmlosigkeit eines Casinozelts, sondern einer der Faktoren, die das Glücksspielrisiko erhöhen. Und die eigentliche Auskunft des Statements steckt im Nebensatz. Es gibt Preise zu gewinnen.

Wer wissen will, was für Preise das sind, bekommt vom Betreiber wenig. Die Spielbank SH GmbH ließ unsere Anfrage vom 18. Juli zunächst unbeantwortet, erklärte fünf Tage später, sie könne deren Eingang nicht feststellen – und teilte, nachdem wir die Original-Mail ein zweites Mal zugestellt hatten, schließlich mit: Die Beantwortung sei “umfassend durch das Innenministerium erfolgt”, zu “vertraglichen Inhalten mit Geschäftspartnern” äußere man sich nicht. Keine unserer zwölf Fragen beantwortete das Unternehmen selbst; was nur der Betreiber wissen kann – ob am Stand Daten erhoben werden, ob geschultes Spielerschutz-Personal vor Ort ist, wie mit erkennbar alkoholisierten Gästen umgegangen wird –, bleibt offen. Das Wacken Festival schwieg zu zwei Anfragen, obwohl sein Ticketsystem den Eingang beider Emails bestätigt hatte. Geantwortet hat das Innenministerium in Kiel, das über die Spielbanken die Aufsicht führt.

Nichts zu verlieren, Werbung zu gewinnen

Zunächst bestätigt das Ministerium, was das Festival behauptet hatte: Am Stand ist “ein Spiel mit Echtgeld nicht möglich”, die Angebote laufen “ausschließlich zu Unterhaltungs- und Promotionszwecken”. Dann folgt ein Satz, der der Festival-Kommunikation direkt widerspricht: “Gewinne, Auszahlungen oder sonstige geldwerte Vorteile werden nicht vergeben.” Keine Gewinne – bei einem Stand, der öffentlich mit “only prizes to win” beworben wurde? Wir haben nachgefragt und den Screenshot des Posts mitgeschickt.

Die Antwort kam wenige Stunden vor Veröffentlichung dieses Artikels, und sie löst den Widerspruch auf ihre Weise. Die Aussage habe sich “ausschließlich auf geldwerte Vorteile” bezogen. Vergeben würden “ausschließlich Streuwerbeartikel”: mit “CASINO Schleswig-Holstein” gebrandete Gegenstände im Einzelwert von jeweils unter 13 Euro, als Beispiele nennt das Ministerium T-Shirts, Caps, Sonnenbrillen, Sonnencremes und Powerbanks. Gutscheine oder Freispiele für die Spielbanken gebe es nicht. Ob sie geldwerte Vorteile wären und die aufsichtsrechtliche Bewertung ändern würden, wurde deshalb “vorliegend nicht geprüft”.

Kein Geld, keine Freispiele, nur Krimskrams – das klingt nach Entwarnung. Nur ist dieser Krimskrams nicht nichts. Er ist Werbung, die sich selbst verteilt: Wer am Roulettetisch gewinnt, gewinnt ein Kleidungsstück mit Casino-Logo und trägt es anschließend tagelang über den Campground. Aus jedem Gewinner wird eine wandelnde Litfaßsäule. Und der Slogan, mit dem das Festival den Stand bewarb, beschreibt eine Welt, in der Glücksspiel keine Verlierer kennt – nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Der Aufsicht lag diese Formulierung bei der Prüfung des Konzepts vor. Auf unsere Frage, ob sie die Festival-Kommunikation kannte, antwortet das Ministerium mit einem Wort: “Ja.”

Das Geschäft hinter dem Roulettetisch

Casino Schleswig-Holstein, das ist die landeseigene Spielbank SH GmbH mit ihren vier Standorten. Auf dem Festival zeigt sie die eleganten Klassiker, Black Jack und Roulette, das Bond-Bild des Glücksspiels. Die gibt es in den Häusern auch: Alle vier Standorte führen Poker und Black Jack, drei davon klassisches Roulette, Flensburg listet nur die Multi-Roulette-Terminals. Das Gewicht liegt im Tagesbetrieb trotzdem beim Automatenspiel: In Kiel stehen 58 Spielautomaten neben vier Roulettetischen, Flensburg wirbt mit 70 Automaten “der neuesten Generation”.

Dieser Unterschied ist kein Detail. Der bundesweite Glücksspiel-Survey 2023 zählt Automaten- und Kasinospiele wegen ihrer schnellen Spielabfolge zu den riskanten Spielformen und beziffert, was das bedeutet: 21,8 Prozent derer, die an Glücksspielautomaten in Spielbanken spielen, weisen eine glücksspielbezogene Störung auf, beim Roulette sind es 21,4 Prozent, bei Geldspielautomaten in Spielhallen und Kneipen sogar 25,5 Prozent. Mehr als jeder Fünfte am Spielbank-Automaten ist demnach kein Gelegenheitsgast, sondern ein Mensch mit einem klinisch messbaren Problem. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit formuliert es auf seinem Portal check-dein-spiel.de so: Ein großer Teil des Umsatzes von Spielautomaten stamme von glücksspielsüchtigen Personen. Es ist dasselbe Portal, auf das die Wacken-Werbekacheln im Kleingedruckten verweisen. Wer auf der Camping Plaza für seine Häuser wirbt, wirbt am Ende auch für diese Geräte – sie stehen nur nicht im Zelt.

Werbung, wo die Kinder sind

Der Glücksspielstaatsvertrag erlaubt Spielbanken Werbung und Sponsoring. Er setzt aber eine Bedingung, die auf einem Festivalcampground bemerkenswert schwer einzuhalten ist: Werbung darf sich nicht an Minderjährige richten, und Minderjährige sind als Empfänger auszuschließen, “soweit möglich”.

Nun ist die Camping Plaza kein abgeschirmter Erwachsenenbereich. Sie liegt im Campground – und der ist nach den festivaleigenen Jugendschutzregeln ausdrücklich der Ort für die Jüngsten: Kinder unter sechs Jahren dürfen nicht ins Infield, wohl aber auf das Campinggelände. Jugendliche zwischen 16 und 17 müssen das Festivalgelände um Mitternacht verlassen – auf den Campground, dorthin, wo das Casinozelt steht. Ein Werbestand für Glücksspiel, zwölf Stunden täglich geöffnet, in exakt dem Bereich, den die Jugendschutzordnung des Festivals den Minderjährigen zuweist: Wie das mit dem Staatsvertrag zusammengeht, war eine Frage an Veranstalter und Betreiber.

Ja, rechtlich sei der Auftritt Werbung im Sinne des §5 GlüStV, sagt das Ministerium, eine anzeigepflichtige Sonderveranstaltung, deren Konzept “ohne Beanstandung geprüft” worden sei. Ob diese Werbung mit dem Minderjährigen-Gebot des §5 Abs. 2 vereinbar ist, bewertet die Aufsicht dagegen nicht. Sie verweist darauf, dass die Veranstaltung nicht unter den Glücksspielbegriff des §3 falle – und beschreibt “dennoch” ein Zugangskonzept, das weit über das “ab 18” im Kleingedruckten hinausgeht und öffentlich nirgends beschrieben wurde: Die Veranstaltungsfläche sei “ausschließlich über zwei kontrollierte Eingänge zugänglich”, Sicherheitspersonal des Veranstalters prüfe bei Gästen “mit offenkundig jugendlichem Aussehen” die Volljährigkeit, wer volljährig ist, erhalte ein Einlassband – Minderjährige kämen nicht hinein.

Das ist deutlich mehr Kontrolle, als das Kleingedruckte der Ankündigung erkennen ließ. Belastbar ist es trotzdem nur begrenzt. Die Kontrolle setzt bei “offenkundig jugendlichem Aussehen” an – eine Ermessensfrage am Einlass, mitten in einem Publikum voller junger Gesichter. Der Veranstalter, dessen Sicherheitspersonal das Konzept durchsetzen soll, hat es auf zwei Anfragen hin nicht bestätigt. Und die Werbung endet nicht am Einlassband: Die Caps und T-Shirts mit Casino-Logo, die es drinnen zu gewinnen gibt, wandern hinaus auf den Campground – dorthin, wo nach der Jugendschutzordnung die Jüngsten sind.

Ein Staatsbetrieb im Schaufenster

Pikant wird die Aktion durch ihren Zeitpunkt. Das Land Schleswig-Holstein will seine Spielbanken loswerden: Bis Oktober 2026 soll die Spielbank SH GmbH verkauft sein, so steht es im Fahrplan der schwarz-grünen Koalition, die Veräußerungsabsicht wurde Anfang 2025 im EU-Amtsblatt veröffentlicht. Rund 16 Millionen Euro Überschuss meldeten die vier Häuser für 2025 – eine Braut, die sich hübsch machen lässt. Der Verkauf ist umstritten. Die SPD, einst selbst dafür, warnt inzwischen vor dem Abbau von Spielerschutzstandards, und der Suchtexperte Manfred Patzer-Bönig fürchtet, dass “der Spielerschutz auf das notwendige Minimum heruntergeschraubt wird”.

Vor diesem Hintergrund bekommt ein Pop-up-Casino auf dem größten Metal-Festival der Welt eine zweite Lesart: Es erschließt dem Verkaufsobjekt eine junge, zahlungskräftige Zielgruppe, die bisher kaum den Weg nach Schenefeld oder Flensburg fand. Ob der Wacken-Auftritt Teil der Verkaufsvorbereitung ist, haben wir das Land gefragt. Das Finanzministerium verneint: Die Präsenz auf dem Festival sei “eine operative Entscheidung der Geschäftsführung” und habe mit der beabsichtigten Veräußerung nichts zu tun. Das Innenministerium liefert stattdessen eine eigene Deutung des Zelts: Ein Schwerpunkt des Angebots liege auf der “Aufklärung über die Vorteile des regulierten Spielbankangebots”, Ziel sei es, Spielerinnen und Spieler von illegalen Angeboten zu regulierten zu lenken und so den Spielerschutz zu gewährleisten. Das Casinozelt zwischen Bierstand und Merch ist in dieser Lesart keine Werbung, sondern Aufklärungsarbeit. Kanalisierung heißt diese Figur im Staatsvertrag, und sie ist das Universalargument der Glücksspielbranche: Wer wirbt, schützt. Dass ein Werbestand auf einem Festival vor allem Menschen erreicht, die bisher gar nicht spielen, kommt in dieser Rechnung nicht vor.

Wem das Dorf inzwischen gehört

Im Juni verkündete das W:O:A den Einstieg von Anheuser-Busch: Bud wird bis 2030 exklusiver Bierpartner und übernimmt die berühmte Bierpipeline – die Festivalgründer beschreiben den größten Braukonzern der Welt als authentischen Partner, der zum Charakter des Festivals passe. Volkswagen Nutzfahrzeuge verlängerte als Mobilitätspartner bis 2028, inklusive “Aktivierungsflächen” auf dem Gelände. Und jetzt eben ein Glücksspielanbieter auf der Camping Plaza.

Die Sponsoring-Offensive fällt zudem in ein Jahr, in dem der Ticketverkauf stockte. Erst am 22. Juli, eine Woche vor Festivalbeginn, meldete das W:O:A den Ausverkauf – nach elf Monaten Verkaufszeit. Bis zuletzt war die höchste Kategorie für 349 Euro zu haben, eine festivaleigene Instagram-Grafik bezifferte die Resttickets zwischenzeitlich auf 55 Prozent, und in den Kommentarspalten streiten Fans über Preis und Line-up. Ein Festival, dessen Tickets früher oft lange vor dem Sommer weg waren, musste diesmal bis in die letzte Woche um Unentschlossene werben. Sponsoren, die zahlen, werden da umso attraktiver.

Wer verstehen will, warum das Festival so klingt wie ein Vermarktungsplan, muss auf die Gesellschafterliste schauen. Seit 2019 ist Superstruct Entertainment am Veranstalter ICS beteiligt. Im Juni 2024 verkaufte Providence Equity Partners Superstruct an den US-Finanzinvestor KKR, im Oktober 2024 stieg CVC mit ein – zwei der größten Private-Equity-Häuser der Welt, und beide nennen Wacken Open Air in ihren Mitteilungen ausdrücklich als Teil des Portfolios. Gegen die neuen Eigentümer läuft international eine Boykottbewegung: Beim Barcelona-Festival Sónar unterzeichneten mehr als 70 Künstlerinnen und Künstler einen offenen Boykott-Brief, 28 Acts zogen ihre Zusagen zurück, beim Londoner Field Day sagte fast die Hälfte des Lineups ab. Spaniens Kulturminister Ernest Urtasun erklärte, ein Fonds, der aktiv zur illegalen Besatzung Palästinas beitrage, solle keine Rolle im Kulturleben des Landes spielen. In der deutschen Metal-Öffentlichkeit ist davon bisher fast nichts angekommen. Auf dem Holy Ground gilt weiter die Erzählung vom Dorf, das einmal im Jahr zur Metal-Hauptstadt wird – während im Hintergrund ein Portfolio optimiert wird, zu dem das Dorf jetzt gehört.

Faites vos jeux

Man kann ein Casinozelt auf einem Festival für eine harmlose Gaudi halten, und für die meisten Besucher wird es genau das sein. Nur verwechselt dieses Argument die Perspektive des Gastes mit der des Anbieters. Für den Gast ist es ein Spiel zwischen zwei Bands. Für die Spielbank SH GmbH ist es zielgruppengenaue Neukundenwerbung kurz vor dem eigenen Verkauf, für das Festival ein weiterer Sponsoringbaustein im Portfolio zweier Finanzinvestoren. Beide Seiten wissen sehr genau, was sie tun – und die Aufsicht kannte sogar den Werbeslogan und fand nichts zu beanstanden. Die Bank gewinnt halt immer.

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